Die Beschlüsse zahlreicher Kommunen in Deutschland gegen ausbeuterische Kinderarbeit in Ländern des Südens sind ein trauriges aktuelles Beispiel hierfür. Sie zeigen auf, dass das Gegenteil von „gut“ immer noch allzu oft „gut gemeint“ ist. Dass der politische Konsens, der den Kommunen letztlich auch ein gutes Gewissen garantiert, auf dem Rücken Anderer erreicht wurde. Denn die Wirkung dieser Beschlüsse, die ohne Zweifel in bester Absicht getroffen wurden, ist fatal: Sie verbessern die Lage in ausbeuterischer, entwürdigender Arbeit gefangener Kinder nicht. Im Gegenteil, sie verschlimmern nur noch deren Situation.
Die Kommunen, die Beschlüsse gegen ausbeuterische Kinderarbeit auf den Weg gebracht haben, sehen diese Initiativen als wirksamen Baustein eines eigenen Konzeptes fairer öffentlicher Beschaffung. Dass sie sich daran gemacht haben, ihre Beschaffungspraxis auch an einer Verbesserung des traurigen Loses von Kinderarbeitern auszurichten, verdient Anerkennung. Aber: So gut diese Beschlüsse im Prinzip sind – sie blenden das eigentliche Problem, das hinter der Arbeit von Kindern in Ländern des Südens steht, aus. Sie ändern nichts an der grundsätzlichen Misere in der südlichen Hemisphäre, die sich beispielsweise darin äußert, dass erwachsene ArbeiterInnen oftmals kein Einkommen erwirtschaften können, das ihre Existenz sichert.
ArbeiterInnen in Ländern des Südens erhalten für ihre Schufterei in aller Regel Hungerlöhne. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Auch dort, wo Mindestlöhne festgesetzt wurden, sind diese nicht geeignet, die Existenz der ArbeiterInnen zu sichern. Die Löhne dienen vielmehr der Werbung von Investoren. Die lieben es günstig. Eine ausreichende, würdige Entlohnung für ArbeiterInnen fällt hier in aller Regel ebenso unter den Tisch wie wichtige Arbeitsrechte. Sind aber die erwachsenen Mitglieder einer Familie nicht in der Lage, ausreichend zum Lebensunterhalt der Gemeinschaft beizutragen, sind Kinder schlichtweg gezwungen, hier in die Bresche zu springen. Fazit: So lange in den Ländern des Südens keine existenzsichernden, würdigen Löhne für Erwachsene gezahlt werden, so lange werden die Kinder gezwungen sein zu arbeiten, damit sie und ihre Familien nicht verhungern.
Die internationale Ächtung der Kinderarbeit wird diesen einfachen Tatsachen nicht gerecht. Mehr noch, sie zwingt die kleinen ArbeiterInnen in die Illegalität, macht sie hierdurch noch leichter ausbeutbar. Die Beschlüsse der Kommunen tragen, so bitter sie dies ankommen mag, das ihrige hierzu bei.
Kommunen in Deutschland können nur dann einen wirklich wirksamen Beitrag zur Bekämpfung der Misere im globalen Süden leisten, wenn sie alle wichtigen Normen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) berücksichtigen. Wenn sie es nicht bei einem wohlfeilen Beschluss gegen ausbeuterische Kinderarbeit belassen, sondern in ihrem Beschaffungskonzept existenzsichernde Löhne ebenso ein fester Baustein werden wie Gewerkschaftsfreiheit in den Herstellerländern und andere Maßnahmen, die auf eine Arbeit in Würde abzielen. Erst das Zusammenwirken all dessen wird dafür sorgen, dass auch ausbeuterische Kinderarbeit in Ländern des Südens ein Ende findet.
Beschlüsse gegen ausbeuterische Kinderarbeit greifen, so richtig sie im Ansatz sind, zu kurz. Bewirken, was sie nicht bewirken wollen und sollen. Die Kommunen, die sich auf diese Weise auf der sicheren Seite wähnten, haben noch eine Menge Arbeit – und politische Diskussionen vor sich. Ein zweiter Blick auf solche Beschlüsse ist nötig