Öffentliche Beschaffung - Spielzeug

Spielzeug verantwortlich einkaufen – fair beschaffen

FAIRspielt in Öffentlichen Einrichtungen

Träger und Teams von Kindertageseinrichtungen, die Spielzeug verantwortlich einkaufen und dabei sicherstellen wollen, dass die Rechte von ArbeiterInnen beachtet werden, stehen vor einem Problem: Schätzungsweise 80 Prozent der international gehandelten Spielwaren stammen aus der Volksrepublik China. Bei den deutschen Spielwarenimporten hat China einen Anteil von über 75 Prozent am Gesamtmarkt, einschließlich der hier gefertigten Spielsachen von etwa zwei Drittel. Weitere wichtige Herkunftsländer sind Japan – von dort kommen vor allem Computerspiele – und europäische Staaten. Eine Kennzeichnungspflicht, die über die Herkunft eines Spielzeugs informiert, gibt es nicht.

Spielwaren aus chinesischer Fertigung standen in den letzten Jahren nicht nur wegen gefährlicher Inhaltsstoffe und mangelhafter Verarbeitung in der Kritik. Nichtregierungsorganisationen aus China und westlichen Ländern werfen den Unternehmen der Branche darüber hinaus seit langem schwerwiegende Verstöße gegen Sozialstandards und Menschenrechte vor, die auch in aktuellen Vor-Ort-Untersuchungen immer wieder aufgedeckt werden.

Die wichtigsten Missstände sind:

  • die extrem langen Arbeitszeiten bis 14 Stunden täglich, an sieben Tagen pro Woche, insbesondere wenn für das Weihnachtsgeschäft produziert wird,
  • die mit der Übermüdung und unzureichenden Arbeitsschutzvorkehrungen verbundenen Unfallgefahren,
  • der geringe Lohn, der meist noch unterhalb des sowieso schon unzureichenden staatlichen Mindestlohns liegt und zudem häufig verspätet ausgezahlt wird,
  • erzwungene und in der Regel nicht korrekt bezahlte Überstunden sowie
  • verbreitet unzumutbare Bedingungen in den Fabrikwohnheimen für die WanderarbeiterInnen.

Das alles sind Verstöße auch gegen chinesische Gesetze. Doch die Behörden bleiben allzu oft untätig. Obwohl der Widerstand unter den ArbeiterInnen zunimmt, haben sie bislang nur wenige Möglichkeiten, ihre Rechte selbst wirksam durchzusetzen. Es gibt kein Streikrecht und die einzige zugelassene Gewerkschaft wird von der Kommunistischen Partei gesteuert.

Träger und Teams von Kindertageseinrichtungen, die Spielzeug verantwortlich einkaufen und dabei sicherstellen wollen, dass bei der Produktion nicht gegen soziale Mindeststandards verstoßen wird, mögen zu der Entscheidung kommen, Spielwaren aus chinesischer Produktion ganz zu meiden. Im Interesse der chinesischen ArbeiterInnen wäre das allerdings nicht. Aber: Unternehmen, die in China Spielzeug herstellen lassen, tragen eine besondere Verantwortung, die sich nicht nur auf eigene Betriebe, sondern auch auf ihre Lieferkette erstreckt. Wer sozial verantwortlich einkaufen oder fair beschaffen will, sollte also danach fragen, welche Spielzeugfirmen sich dieser besonderen Verantwortung stellen – und welche nicht.

Der ICTI CARE-Prozess

Mitte der 90er-Jahre verabschiedete der Weltverband der Spielzeugindustrie (International Council of Toy Industries, ICTI) nach zwei verheerenden Fabrikbränden mit Dutzenden Toten und Hunderten von Verletzten und angesichts massiver öffentlicher Kritik einen Verhaltenskodex. Im Jahr 2001 wurde dieses erste für eine ganze Branche gedachte Regelwerk um ein Programm ergänzt, mit dem Spielzeugfabriken kontrolliert und gegebenenfalls zertifiziert werden können. Seit 2003 werden im Rahmen dieses so genannten ICTI CARE-Prozesses durch akkreditierte Auditfirmen Inspektionen in chinesischen Spielzeugfabriken durchgeführt und durch die ICTI CARE Foundation Zertifikate vergeben. Diese sind ein Jahr lang gültig. Aktuell sind von den schätzungsweise 4.000 Spielzeugfabriken mit Exportlizenz rund 1.100 Fabriken zertifiziert sowie weitere 1.200 für den Prozess angemeldet. Die Namen der zertifizierten Fabriken werden von der ICTI CARE Foundation unter www.icti-care.org veröffentlicht.

Die Abnehmer chinesischen Spielzeugs können sich im Rahmen des Programms verpflichten, ab einem frei wählbaren Datum nur noch bei zertifizierten Lieferanten einzukaufen. Bisher haben das rund 700 Unternehmen getan. Auch deren Namen werden auf der genannten Website veröffentlicht. Die Einhaltung der Selbstverpflichtung wird jedoch nicht kontrolliert.

Auch wenn der ICTI CARE-Prozess hinsichtlich der Kriterien, der Verfahren und der Transparenz noch etliche Lücken aufweist: Bei konsequenter Umsetzung durch die Abnehmerfirmen und ihre Lieferanten ist er ein Schritt in die richtige Richtung.

Die Firmenübersicht der Aktion „fair spielt“

Die Aktion „fair spielt“ – getragen von Misereor, der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands, der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, dem Nürnberger Bündnis „Fair Toys“ und der Werkstatt Ökonomie – setzt sich gemeinsam mit Partnern in Asien und Europa für die Beachtung der Menschenrechte und grundlegender Arbeitsnormen in der Spielzeugindustrie ein. Sie appelliert an Hersteller und Handel, entlang ihrer Lieferkette menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu gewährleisten und ihre Lieferanten nicht unter unfairen Preis- und Zeitdruck zu setzen. Außerdem fordert sie den Weltverband der Spielzeugindustrie auf, seinen Verhaltenskodex wirksam, glaubwürdig und transparent umzusetzen.

Seit November 2004 – etwa ein Jahr nach den ersten Kontrollinspektionen im Rahmen des ICTI CARE-Prozesses in chinesischen Spielzeugfabriken – veröffentlicht die Aktion „fair spielt“ auf ihrer Website unter www.fair-spielt.de eine Firmenübersicht, die VerbraucherInnen darüber informiert, wie deutsche Spielzeughändler, -hersteller und ihre Lieferanten den Verhaltenskodex des Weltverbandes der Spielzeugindustrie umsetzen. Leider gibt die ICTI CARE Foundation selbst darüber bisher keinerlei Auskunft.

Die Übersicht ist nach Angaben der Unternehmen, des Deutschen Verbandes der Spielwaren-Industrie (DVSI) und der ICTI CARE Foundation zusammengestellt. Grundlage sind einmal jährlich verschickte Fragebögen bzw. außerhalb dieses Rhythmus bereitgestellte Informationen der Unternehmen. Als Nachweise für die Zertifizierung müssen Unternehmen der Aktion „fair spielt“ Kopien der aktuellen Zertifikate ihrer Produktionsstätten bzw. der Betriebe ihrer Lieferanten vorlegen.

Die Übersicht enthält auch Angaben über den Produktionsanteil des jeweiligen Unternehmens in China und nennt gegebenenfalls das Datum, ab dem das Unternehmen gegenüber der ICTI CARE Foundation zugesichert hat, bei chinesischen Lieferanten nur noch dann einzukaufen, wenn sie nach dem ICTI-Kodex zertifiziert sind.

(Text: Uwe Kleinert, Werkstatt Ökonomie, aus:
Öko-soziale Beschaffung jetzt! Ein Leitfaden für lokale Initiativen.
Hrsg.: CIR, CorA, FIAN, u.a., 2010) 

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