Das Staudammprojekt Copalar

Land unter in Bocana de Paiwas
Die Frauen in Bocana de Paiwas kämpfen für ihre Rechte.
Die Frauen in Bocana de Paiwas kämpfen für ihre Rechte.

Die Idee ist nicht neu, in Bocana de Paiwas, im geographischen Zentrum Nicaraguas, einen Staudamm zu konstruieren, aber der Plan lag lange Zeit Brach. Schon unter Somoza in den 70-er Jahren und später unter der Führung der FSLN war dieses Projekt im Gespräch. In Zusammenhang mit dem Plan Puebla Panama (PPP) kommt es nun erneut ins Rollen.

Der PPP ist eine Initiative des mexikanischen Präsidenten Vicente Fox zum Ausbau der Infrastruktur in Mittelamerika, der sich auch die Regierungen der übrigen Staaten Guatemala, Honduras, Belize, Nicaragua, El Salvador, Costa Rica und Panamá angeschlossen haben. Viele KritikerInnen betrachten den Plan als ein typisches Beispiel für das Agieren von neoliberalen Eliten, die in ihren Diskursen zwar "nachhaltige Entwicklung", "Beteiligung der Bevölkerung", "Respekt gegenüber indigenen Kulturen" und "Armutsbekämpfung" anführen, das eigentliche Ziel wird aber bei näherem Betrachten schnell deutlich: das Bestreben, einen leichteren Zugang zu natürlichen und "menschlichen" Ressourcen zu erlangen, um ökonomische und politische Machtpositionen erhalten oder ausbauen zu können.

Der mexikanische Präsident Vicente Fox und Präsident Bolanos haben bereits öffentlich das Abkommen über Copalar unterzeichnet: Mexiko nimmt Teil am “Abkommen des Jahrhunderts”, wie es von der Regierung bezeichnet wird.

Das Großprojekt heißt eigentlich “Desarrollo del Sistema Hidroeléctrico Río Grande de Matagalpa” (Hydroelektrische Systementwicklung am Rio Grande von Matagalpa) und schließt neben Copalar in Bocana Paiwas zwei kleinere Vorhaben in Tumarín und Mojolca ein.

Hinter dem Projekt steht in Nicaragua eine Promotorengruppe von acht Vertretern aller politischer Couleur von FSLN, über ALN-PC, Banken und der Armee.

Ein Großteil der erzeugten Energie soll von SIEPAC (Sistema de Interconexión Eléctrica de los Países de América Central) exportiert werden. SIEPAC steht in direktem Zusammenhang mit dem PPP und wird betrieben von der internationalen Entwicklungsbank, der spanische Regierung, sechs staatlichen mittelamerikanischen Unternehmen und der spanischen Firma Endesa, die sehr wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres von e-on übernommen wird.

Bereits 2003 bildete sich ein Investoren-Konsortium namens HydroCopalar. Dieses besteht u.a. aus mexikanischen Planungsgruppen, Siemens und der Firma Voith aus der Schweiz. Seit einigen Jahren kooperieren Voith und Siemens auf dem Gebiet der Wasserkraft und gründeten das Gemeinschaftsunternehmen Voith Siemens Hydro Power Generation . Neben der Lieferung von Turbinen und Generatoren am „Drei Schluchten Staudamm“ am Yangtze in China, ist Voith Siemens am Bau von Großstaudämmen in aller Welt beteiligt - stets abgesichert durch staatliche Hermes-Bürgschaften.

Hydrocopalar MidaAméricas-Nicaragua S.A. wurde nach seiner Gründung von INE (Instituto Nicaragüense de Energía) beauftragt, eine technische und wirtschaftliche Durchführbarkeitsstudie des Staudamms zu erstellen. Als Supervisoren wurden die CFE (Coordinadora de Proyectos Hidroeléctricos de México) und die PyPSA Gruppe - beide mexikanisch - ausgewählt.

Copalar

Als größter Teil des Staudamm-Projekts ist der Bau eines 1 Kilometer breiten und 135 Meter hohen Damms in Bocana de Paiwas geplant. Die Hälfte der Gemeinden von Bocana und Paiwas sowie zwölf weitere Siedlungen sollen überflutet werden. Die Realisierung des Projektes setzt die Privatisierung des Flusses Rio Grande von Matagalpa und seiner Quelle, sowie 21 weiterer kleinerer Flüsse voraus. Der Stausee hätte eine Größe etwa der Hälfte des Managua Sees. Die Angaben über die produzierte Energie, die Baukosten und Anzahl der Betroffenen variieren. Während die Regierung offiziell von 5000 Menschen spricht, sind es nach Aussagen des Widerstandskommitees in Bocana de Paiwas sogar 20.000-30.000 Menschen, die von dem Megaprojekt betroffen sein werden. Die produzierte Energie wird für Copalar mit den beiden kleineren flussabwärts liegenden Kraftwerken Tumarín und Mojolca zwischen 700 und 800 Megawatt angegeben, der aktuelle Verbrauch in Nicaragua liegt zurzeit bei 450 bis 500 Megawatt. Die Kosten belaufen sich auf knapp 1 Milliarde US $. Nicaraguanische Investoren und Regierung wollen sich mit 30% der Kosten beteiligen - insbesondere für Gutachten und Durchführbarkeitsstudien -, 70% sollen durch ausländische Investoren abgedeckt werden.

Die Folgen für die Bevölkerung sind weitrechend. Menschenrechtsverletzungen und Zwangsumsiedlungen sind beim Bau von Staudamm-Großprojekten alltäglich. Für viele Anwohner und Angehörige ethnischer Minderheiten bedeutet die Überflutung ihres Landes nicht nur die Zerstörung ihrer Häuser, sondern vor allem den Verlust ihrer traditionellen Lebensweise und ihrer kulturellen Identität. Die Bevölkerung von Bocana de Paiwas wird in keiner Weise am Planungsprozess beteiligt und die für sie weit reichenden Folgen werden bagatellisiert. Zudem wird von den Verantwortlichen der Zugang zu konkreten Informationen, die eigentlich öffentlich zugänglich sein müssten, erschwert.

Die Regierung hat zwar erklärt, dass sie einen Ausgleich für jene schaffen würde, die vom Projekt betroffen seien; doch lassen Erfahrungen mit ähnlichen Projekten in Nachbarländern fürchten, dass solche Versprechungen nicht eingehalten und Entschädigungszahlungen oft verweigert werden. Doch selbst wenn Schadensersatz gezahlt wird, kann dies den Verlust der traditionellen Lebensweise und die Vernichtung bedeutender Kulturgüter nicht ersetzen. Außerdem muss gefragt werden, unter welchen Bedingungen überhaupt Entschädigungen gezahlt werden? Viele Menschen in Bocana de Paiwas und Umgebung haben erst in den 80-er Jahren dort ihre neue Heimat gefunden und besitzen keinerlei Landtitel.

Die ökologischen Folgen sind verheerend. Besonders die Größe des geplanten Projektes wird die Ökologie der Region verändern. Natürliche Ressourcen verschwinden unter dem Wasser, auch Jagdgebiet, Weideland und Anbauflächen, von denen die Bevölkerung traditionell ihren Lebensunterhalt bestreitet.

Regelmäßig wird Nicaragua von Hurrikanen heimgesucht, weitreichende Überschwemmungen und Erdrutsche sind eine Bedrohung. Am Apanás See gab es einen solchen Vorfall bereits 1988, als durch den Hurrikan Juana der angestaute Fluss Tuma, Mulukkukú überschwemmte.

Des Weiteren gehen mit der Bildung des Stausees viele archäologische Funde wie Petroglyphen und bisher unerforschte historische Zeugnisse über die präkolumbianische Geschichte Nicaraguas unwiderruflich verloren.

Hinter dem kostspieligen Staudammprojekt stehen deutlich Profit- und Machtinteressen von Regierungen und Staudammindustrie. Die unmittelbar betroffene Bevölkerung ist zweifellos die Gruppe, die am wenigsten Profit durch das Megaprojekt zu erwarten hat. Ein Großteil der Haushalte in Nicaragua ist immer noch ohne Stromanschluss, um ihren Zugang zum Elektrizitätsnetz geht es in diesem Projekt an letzter Stelle. Die produzierte Energie und das Stauwasser dienen primär wirtschaftlichen Interessen; Versorgung für Niedriglohnfabriken, Monokulturen, des Tourismussektors sowie dem Energieexport.

© 2010 Christliche Initiative Romero e.V.