Facetten von Solidarität
Der Dichter Vinícius de Moraes singt: „Das Leben gibt sich nur denen hin, die sich auch ihm hingeben“, und weist damit auf die Dimension der Gegenseitigkeit des Lebens hin. Hier liegt der Beginn der Solidarität begründet.
Die Verantwortung eines jeden Menschen gegenüber der menschlichen Gemeinschaft - und umgekehrt – lässt das Leben aufblühen. Daher trifft man in allen Völkern und sozialen Gruppen auf solidarisches Handeln. Es variiert zwischen einer fast natürlichen Tatsache, wie z.B. die familiäre Solidarität, einer Pflicht, wie die Erste Hilfe nach einem Unfall, und einer Tugend, wie die Umsetzung von Nächstenliebe außerhalb jeglicher gesetzlicher Pflicht. Der Unterschied liegt in den entsprechenden Beweggründen – familiäre Verwandtschaft, gesetzliche Strafe, Glaubensentscheidung –, die das Ausmaß des solidarischen Handelns bestimmen. In der langen Liste der solidarischen Handlungen ist die Solidarität der Christen nicht unbedingt umfangreicher als die Solidarität in den anderen Religionen, Glaubensrichtungen oder Ideologien. Sie verfügt jedoch über eigene theologische Grundlagen und spezifische Horizonte, die eine kritische Wahrnehmung in den verschiedenen Alltagssituationen erlauben.
Entsolidarisierung des Staates
Die alltägliche Solidarität lebt nicht nur von edlen Tugenden wie der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe, sondern von einer Gerechtigkeit, die in staatlichen Gesetzen verankert ist. Sobald man sich dessen bewusst wird, dass weder Staat noch Kirche dem Reich Gottes entsprechen, können beide Instrumente Annäherungen an das Reich Gottes sein. Im Gegensatz zu dem, was Adorno behauptete, ist im „falschen Leben“ doch noch ein kleiner Teil für den Aufbau des wahren und „richtigen Lebens“ übrig geblieben. Was man daher von den Kämpfen für Gerechtigkeit und Solidarität im Inneren des Systems erwarten kann, sind Beiträge zu einer nicht unbedingt gerechten, aber immer gerechteren Welt.
Bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts glaubte man, dass der Umwandlungsprozess von karitativen Gesundheitseinrichtungen zu öffentlichen Krankenhäusern und von privaten Schulen zu staatlichen Schulen unumkehrbar wäre. Man erwartete, dass alle wesentlichen Dienstleistungen einer Gemeinschaft durch die politische Gemeinschaft gewährleistet würden. Diese Verantwortung wurde als ein Zeichen der eigenen Modernität und als eine Errungenschaft des Laien-Staates angesehen. Der von der Kirche getrennte Staat würde nun, so glaubte man, alle Dienste, die bisher von den religiösen Gemeinschaften übernommen worden waren, gewährleisten und seine eigene Verwaltung nach allgemeingültigen Werten ausrichten.
Im Laufe der Jahre wurden diese Sozialleistungen zu einem Bürgerrecht, für das jeder einzelne Arbeiter im Voraus Steuern zahlen musste. Die solidarische Verantwortung der Bürgergemeinschaft kann oder konnte daher gesetzlich eingefordert werden. Diese strukturelle Solidarität verpflichtet also alle zu einer von Einkommen und Besitz abhängigen Einzahlung in eine öffentliche Kasse. Der Output für jeden Einzelnen hängt jedoch nicht von der Summe ab, die er in die Kasse eingezahlt hat, sondern von der Bedürftigkeit. Ein alter Mann in guter gesundheitlicher Verfassung erhält sicherlich weniger aus der öffentlichen Kasse als ein anderer, der seit seiner Jugend gelähmt ist. Dies ist das Prinzip des Sozial- und Solidarstaates.
Bürokratisierung, Zentralisierung, unkontrollierter Funktionalismus und Korruption haben die solidarischen Leistungen des Laien-Staates, mit seinen manchmal von jeglicher Arbeitsmoral verlassenen Angestellten, begleitet. Der harte, korrupte und ineffiziente Staat hat sich und seine Institutionen und Leistungen unglaubwürdig gemacht. Die Geschäfte der privaten Initiative scheinen wirkungsvoller gewesen zu sein.
Der Übergang von der öffentlichen Verantwortung zur privaten Initiative stellt den Übergang von der gemeinschaftlichen Solidarität zum privaten und wettbewerbsorientierten Markt dar. Wenn der Markt, der die Initiative der Personen anregt, was ja etwas Positives ist, in seiner Gesamtheit eine Institution der Sieger und der Stärksten ist, wie wird er dann demjenigen Vorrang geben, der die Wettbewerbsfähigkeit verloren hat, sei es aus Glück, Inkompetenz oder Schlauheit der anderen? Die Privatisierung von wesentlichen Leistungen des Staates stellt eine öffentliche Entsolidarisierung dar.
Gesellschaft im Konflikt
In der konkreten solidarischen Handlung, im Einsatz für die Armen/anderen mischen sich oft drei Typen von Solidarität: die barmherzige Solidarität, die institutionelle Solidarität und die prophetische Solidarität.
Die barmherzige Solidarität, die individuell oder kollektiv sein kann, offenbart sich eher auf der Basis des Zeichens und der sofortigen Lösung.
Die institutionelle Solidarität wird entweder durch den Staat oder durch Bewegungen, NROs oder humanitäre Institutionen organisiert, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte, für benachteiligte Gesellschaftsgruppen oder für Menschen in akuten Notlagen einsetzen.
Die prophetische Solidarität prangert die Ursachen und Verursacher der sozialen Ungleichheiten an; sie sucht nach einer Erklärung für diese Missstände und somit nach deren Sinn. Gleichzeitig zeigt sie, dass eine andere Welt möglich ist. Die Entsolidarisierung des globalisierten Neoliberalismus fordert eine universale prophetische Solidarität, die sich nicht nur gegen die menschlichen Missstände aufl ehnt, sondern auch gegen ihre historische Entwicklung. Die Christen dürfen keine neuen Flicken auf einem alten Schlauch sein. Sie müssen Sand in der Maschinerie der historischen Unterdrückung sein.
In der Welt, ohne von der Welt zu sein
Die Organisation der Solidarität macht es notwendig, in die systemische Welt, mit all ihren Effizienzstandards, einzutreten. In dieser Eingliederung läuft die solidarische Handlung Gefahr, von den Lastern, die sie eigentlich heilen soll, selbst verseucht zu werden. Wie kann man die Vorschläge, die das Reich Gottes liefert, in konkreten Kontexten umsetzen, ohne dem lokalen und individuellen Anpassungs- oder Angleichungsdruck an die Welt zu verfallen und den eigentlichen Beweggrund für das Engagement aus den Augen zu verlieren?
Ausgehend vom Optimismus, der dem christlichen Glauben zugrunde liegt und der seine Wurzeln im Versprechen der Wiederauferstehung der Toten und der Gegenwart des Reich Gottes im Hier und Jetzt hat, beruht jegliches solidarisches Handeln auf der Annahme, dass es inmitten des „beschädigten Lebens“ möglich ist, Momente und Elemente des ganzheitlichen Lebens zu leben. Dieser Aufbau einer immer gerechteren und immer weniger ungerechten Welt ist dringend notwendig. Das Leiden der Armen erlaubt es nicht, Zeit zu verlieren, „denn Christus´ Liebe zwingt uns“ (2 Kor 5, 14).
Universale Verantwortung
Ausgehend vom christlichen Glauben ist der Horizont der Solidarität universal und unvereinbar mit einer eingeschränkten Befreiung oder einer privilegierten Erlösung einiger weniger. Die Christen sehen sich nicht als die „erlöste Klasse“ oder als „auserwähltes Volk“. Die Messung der Befreiung bzw. des Heils geschieht durch die Opfer des Systems und nicht durch die Gläubigen in den Kirchen.
Der Einsatz für die Armen/anderen und die Prioritäten, die sich daraus ergeben, sind Teil der Universalität. Die Solidarität bietet den Armen und den anderen Möglichkeiten, ihr Leben, ihr Eigentum und ihren Glauben zu gestalten. Gemeinsam trotzen die Armen, die anderen und die Leidenden der „Formalität“ des christlichen Glaubens und gestalten den Übergang des „Buches“ und der „Formeln“ zum Leben.
Aufrührerische Hoffnung
Die Solidarität erzeugt Hoffnung und Frieden. „Der Frieden ist das Ergebnis der Solidarität“, sagte Johannes Paul II. vor langer Zeit. Durch die Verkündigung des Reichs Gottes formt die missionarische Gegenwart Zeichen der Gerechtigkeit und Bilder der Hoffnung. In dieser Verkündigung steckt der anti-systemische Kern. Die Mission der Solidarität erweckt die Träume der indigenen Völker und der Armen, die an den Holzpfeilern des Systems gekreuzigt wurden, wieder zum Leben.
Paulo Suess, Priester der Diözese Augsburg, lebt in São Paulo, Brasilien. Er zählt zu den weltweit bekannten Befreiungstheologen und engagiert sich seit Jahren kritisch gegen die negativen Auswirkungen der Globalisierung. Außerdem setzt er sich aktiv für die Rechte der indigenen Bevölkerung ein.
Übersetzung: Barbara Horstmann



