EL SALVADOR

- Bunte Piñata-Figuren zum Befüllen mit Süßigkeiten für Kindergeburtstage
Regierung El Salvadors unterstützt Kleinbauern
Regierung kündigt Unterstützungsmaßnahme mit Saatgut und Biodünger an
San Salvador, 21. April 2013 (amerika21.de)
Das Ministerium für Ackerbau und Viehzucht in El Salvador beginnt am kommenden Montag wieder eine massive Unterstützungsaktion für Kleinbauern mit Saatgut und Bio-Düngemitteln. Dies kündigte das Ministerium am Samstag an. Die kostenlose Vergabe ist Teil des Regierungsprogramms zur Förderung der Familienbetriebe in der Landwirtschaft, die bis zu 2,1 Hektar Land bebauen und jahrzehntelang keinerlei Unterstützung erhielten.
Minister Pablo Ochoa erklärte, dass bis zum 24. Mai Samen und Bio-Dünger für den Anbau von Mais direkt an 375.000 Kleinbauern vergeben werden. Das Saatgut wurde erstmals zu 100 Prozent von Kooperativen und anderen Herstellern im Land selbst produziert.
Maismehl ist die Basis für die Herstellung von Pupusas (Tortillas), die in El Salvador zu den Grundnahrungsmitteln gehören. Die Ausdehnung der Anbauflächen soll eine noch höhere Ernte von Mais als im vergangenen Jahr bringen. Die Regierung wird ebenfalls Bohnen, ein anderes Grundnahrungsmittel der Salvadorianer, und Dünger für deren Anbau vergeben. Die Aussaat beginnt traditionell im August.
Diese Initiativen sollen nach Angaben der Regierung die Ernährungssicherheit für die Bevölkerung sowie die Preisstabilität bei Grundnahrungsmitteln verbessern. Darüber hinaus werden durch im Land gezogene Samen die Importe von Saatgut ersetzt, was zu mehr Souveränität bei der Produktion von Nahrungsmitteln führt. Die salvadorianischen Produzenten sowie die Landwirtschaft des Landes sollen gestärkt werden.
Folteropfern eine Stimme geben
Buch über Verbrechen der Militärdiktatur
Von Edgardo Ayala
San Salvador, 21. März (IPS) – Die Opfer des salvadorianischen Bürgerkrieges kommen ihrem Ruf nach Wahrheit und Gerechtigkeit ein Stück näher: Im April kommt ein Buch auf den Markt, in dem Zeugenaussagen von 270 Folteropfern aufgeführt sind, die im Jahr 1986 dokumentiert wurden. IPS hat exklusiv einen Blick in die Vorabversion erhalten.
Das Buch mit dem Titel 'Die Folter in El Salvador' hat 197 Seiten und wird herausgegeben von der nichtstaatlichen Menschenrechtskommission El Salvadors (CDHES). Die Mehrheit der Interviews führten CDHES-Mitglieder im Gefängnis mit dem euphemistischen Namen 'La Esperanza' (die Hoffnung) im Norden der Hauptstadt San Salvador. Die Interviewer waren selbst Opfer des Staatsterrorismus und wurden in diesem Gefängnis festgehalten.
Der Bürgerkrieg in El Salvador dauerte von 1980 bis 1992. Im Kampf der rechtsgerichteten Regierung, die von Vertretern der Oberschicht des Landes geführt wurde, gegen Regimegegner kamen insgesamt 75.000 Menschen ums Leben. 8.000 verschwanden und sind bis heute nicht aufgetaucht, auch ihre Leichen wurden nie gefunden.
"In den 80er Jahren konnten wir wegen der andauernden Repressalien das Buch unmöglich veröffentlichen. Aber jetzt kommen die Zeugenaussagen endlich ans Licht", sagte der CDHES-Chef Miguel Montenegro gegenüber IPS. Auch nach dem Krieg konnte das Buch zunächst nicht erscheinen, da der Kommission die notwendigen Gelder fehlten.
Montenegro selbst wurde 1986 von der berüchtigten 'Policía de Hacienda' (PH) gefangen genommen. Er lernte am eigenen Leib die unterschiedlichen Foltermethoden kennen, die die Sicherheitskräfte gegen Regimegegner einsetzten.
Die Policía de Hacienda wurde mittlerweile aufgelöst – genauso wie andere Einrichtungen des Sicherheitsapparates in El Salvador, denen schwere Menschenrechtsverstöße vorgeworfen wurden. Darauf hatten sich die damalige Regierung unter Präsident Alfredo Cristiani und die linksgerichtete Guerilla der Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) bei den Friedensverhandlungen geeinigt, die 1992 zum Friedensabkommen führten.
Buch zeigt Zeichnungen von Foltermethoden
Jetzt ist das Buch fertiggestellt und zeigt unter anderem Zeichnungen von mehr als 40 Foltermethoden, die laut den Zeugenaussagen in El Salvadors Gefängnissen angewendet wurden. Unter den am häufigsten praktizierten Methoden war beispielsweise 'El Avioncito', was auf Deutsch 'Das kleine Flugzeug' bedeutet: Das Opfer wurde an Schlingen, die von der Decke hingen, aufgehängt und die Hände auf dem Rücken zusammengebunden. Die Beine baumelten über dem Boden.
Angewendet wurde die Folter 'La Capucha' (Kapuze), die das Ersticken simulierte, indem Gefangenen eine Plastiktüte über den Kopf gezogen wurde, 'El Submarino' (U-Boot), das auch als 'Water Boarding' bekannt ist. Den Häftlingen wird der Kopf unter Wasser gedrückt, um ihnen das Gefühl zu geben, zu ertrinken. Daneben wurden Elektroschocks verabreicht, Zungen mit Schnitten traktiert und Chemikalien in die Augen geträufelt.
"Mich hat man in einen Raum am Sitz der Policía de Hacienda gebracht, dessen Boden und Wände voll waren mit geronnenem Blut", berichtet Montenegro. Die Foltermethoden seien Teil der staatlichen Politik gewesen, und das Volk habe das Recht zu erfahren, was während des Krieges passiert sei.
Die Verbrechen wurden nie gesühnt, weil das Parlament 1993 ein Amnestiegesetz verabschiedet hat, das Kriegsverbrechen und alle anderen Menschenrechtsverletzungen der 80er und 90er Jahre unter Straffreiheit stellt.
Gegen zwei Protagonisten des schmutzigen Krieges wurde allerdings doch Anklage erhoben: Ein Gericht in den USA erklärte im Jahr 2002 die Ex-Generäle Eugenio Vides Casanova und José Guillermo García, die in den 80er Jahren Verteidigungsminister in El Salvador waren, für drei Fälle für schuldig, in denen das Militär unter ihrem Mandat gefoltert hatte. Das Gericht verurteilte die Generäle zur Zahlung von 54,6 Millionen Dollar. Die Angeklagten, die sich in Florida niedergelassen haben, legten Berufung ein. Im Jahr 2012 entschied ein Gericht die Auslieferung von Vides Casanova an El Salvador.
US-Amerikaner sollte Foltermethoden aus El Salvador in den Irak bringen
In den 80er Jahren galten die USA noch als Verbündete der Regierungen El Salvadors. Am 5. März berichteten britische Medien vom US-Militär James Steele, der während des schmutzigen Krieges in El Salvador als Berater der Sicherheitskräfte tätig und an der Ausbildung der Soldaten beteiligt war. Steele soll im Jahr 2003 von der US-Regierung in den Irak entsandt worden sein, um dort "die salvadorianische Option" einzuführen und auf Oppositionskräfte im Land anzuwenden. Die britischen Medien verstehen darunter Foltermethoden, die bereits in El Salvador angewendet worden waren.
"Es ist traurig, dass im Irak nun wiederholt wird, was wir in El Salvador durchmachen mussten", kommentierte Montenegro die Enthüllungsgeschichte.
Auch die vor drei Jahren gegründete Salvadorianische Vereinigung von Überlebenden der Folter (ASST) trägt zur Aufklärung der Verbrechen der Vergangenheit bei. Damit will sie zum einen Verbrechen aufdecken und die Wahrheit ans Licht holen. Zum anderen will sie konkrete Verdachtsfälle vor der Interamerikanischen Menschenrechtskommission anzeigen.
"Wir dokumentieren die Fälle, um schließlich formelle Anklagen vorbereiten zu können", sagte ASST-Präsident Carlos Santos gegenüber IPS. Auch er war in den 80er Jahren verhaftet worden, als er noch Student der Theaterwissenschften war, und landete schließlich in 'La Esperanza'. "Bisher wurden die Verbrechen nicht gebüßt. Wir wollen auf keinen Fall, dass sich Taten wie diese wiederholen."
Die aktuelle Regierung unter Mauricio Funes weigert sich, die Anti-Folterkonvention von 1984 zu unterzeichnen. Auch das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs hat El Salvador nicht anerkannt.
Gesetz senkt Preise für Medikamente
Von Edgardo Ayala
San Salvador, 25. Januar 2013 (IPS) – Viele Medikamente kosten in El Salvador künftig nur noch rund die Hälfte. Nach einem langen Tauziehen hat das Parlament zum Jahreswechsel ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Bis zum 1. April haben die Händler Zeit, die Preise umzustellen.
"Das Medikamentengesetz ist ein großer Fortschritt für das Recht der Menschen in El Salvador auf Gesundheit", sagt Margarita Posada, Leiterin der Vereinigung der kommunalen Promotoren, die sich bereits seit 2002 dafür einsetzt, eine bessere Regulierung des Pharmamarktes in El Salvador durchzusetzen.
Im Zuge der jetzigen Neuregelung hat die Nationale Medikamenten-Direktion (DNM) Anfang Januar eine Liste mit Maximalpreisen für 4.406 pharmazeutische Produkte veröffentlicht. Dafür hat die DNM die Preise für Medikamente in ganz Zentralamerika verglichen. Aufgenommen in die Liste wurden nur solche Produkte, die lediglich auf Rezept gekauft werden können. Die DNM arbeitet weiter an der Medikamentenliste. Im Februar sollen die Preise weiterer 7.000 Produkte veröffentlicht werden.
Preissenkungen bis 69 Prozent
Durchschnittlich reduzieren sich damit die Preise für die genannten Medikamente um 35 Prozent. Verbraucher können sich bei einigen stark nachgefragten teuren Produkten sogar über 69 Prozent Preissenkung freuen. Jetzt kostet beispielsweise ein Medikament zur Senkung des Cholesterinspiegels statt umgerechnet 68 US-Dollar nur noch 37 Dollar und ein Diabetesprodukt statt 23 nur noch 11,73 Dollar.
Bisher hatte die Industrie die Preise festgesetzt, und die Konsumenten mussten für viele Produkte tief in die Tasche greifen. Nach Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation WHO dürfen Medikamente nicht mehr als das Fünffache des internationalen Referenzpreises (PRI) kosten. Die Universität von El Salvador hat jedoch nachgewiesen, dass im Land viele Produkte um einiges darüber liegen. "Natürlich hat es seitens der Industrie Missbrauch gegeben", sagt Posada. Als Beispiel nennt sie ein Arthrose-Produkt, das in Ecuador vier US-Dollar kostet. In El Salvador müssen die Patienten jedoch 17 Dollar dafür auf den Ladentisch legen.
Bis Ende März hat die Industrie Zeit, die Preise zu übernehmen. "Im Laufe des Monats müssen dann alle Produkte mit dem Maximalpreis etikettiert werden", sagt José Vicente Coto von der DNM gegenüber IPS.
Apotheker beklagen sich
Während sich die Konsumenten freuen können, sind vor allem die Apotheker unzufrieden mit der Situation: Das neue Gesetz setzt die Verbraucherpreise fest – an die müssen sich in erster Linie die Einzelhändler halten. Doch dass auch die Hersteller die Preise senken müssen, ist im Gesetz nicht explizit vorgesehen.
Die DNM räumt ein, dass das Gesetz die Hersteller nicht eindeutig in die Pflicht nimmt. Doch es verstehe sich von selbst, dass sich die gesamte Produktions- und Handelskette auf die neuen Regeln einstellen müsse.
Doch die Industrie will davon nichts wissen. Die Vereinigung der chemischen Pharmazieindustrie (Inquifar), in der die Labore zusammengeschlossen sind, klagt, wenn sie sich auf die neuen Preise einlassen müsse, könne sie kaum überleben. Laut Carmen Estela Pérez, Geschäftsführerin von Inquifar, könnte ein großer Teil der Medikamente nicht mehr verkauft werden, weil die von der DNM festgesetzten Preise unter den Herstellungskosten liegen. "Diese Preise können wir nicht akzeptieren." Pérez warnte auch, dass rund 7.000 Arbeitsplätze in Gefahr seien. Auch 110 Millionen Dollar aus dem Exportgeschäft stünden auf der Kippe.
Bandenchefs stimmen Einrichtung von zehn Friedensgemeinden zu
Von Edgardo Ayala
San Salvador, 27. Dezember 2012 (IPS) – In El Salvador sollen zehn Gemeinden zu gewaltfreien Zonen erklärt werden. Die Anführer der Jugendbanden, die weite Teile des Landes beherrschen, haben ihre Zustimmung erteilt. Doch die Bevölkerung traut dem Frieden nicht.
"Wir werden alle illegalen Aktivitäten aufgeben", versicherte Carlos Mojica alias 'Der alte Lin' gegenüber IPS. Mojica ist der Anführer einer Splittergruppe der größten Jugendbande 'Barrio 18'. Bereits seit März laufen Verhandlungen zwischen der Regierung und den Chefs der mächtigen 'Maras', wie die Gangs in El Salvador genannt werden. Neben Barrio 18 ist das vor allem die Mara Salvatrucha (M-13).
Zusammen mit den Vertretern kleinerer Banden wie 'Máquina', 'Mao Mao' und 'Mirada Locos' einigten sich die großen Maras darauf, ihre Kämpfe gegeneinander einzustellen und Anschläge auf Polizei, Armee und Zivilbevölkerung zu unterlassen. Der Waffenstillstand hat trotz Kritik erste Erfolge erzielt: Während im Januar noch jeden Tag 13 Menschen umgebracht wurden, sind es derzeit zwischen fünf und sechs.
Schrittweiser Umbau
Um den Umbau Schritt für Schritt zu vollziehen, haben die Mediatoren der Friedensverhandlungen, der Ex-Guerillero Raúl Mijango und der katholische Bischof Fabio Colindres, nun die Idee der gewaltfreien Zonen initiiert. Die Mara-Anführer haben sich dazu verpflichtet, in diesen bisher noch nicht namentlich genannten Gemeinden keine Verbrechen mehr zu begehen.
Wenn die Zonen eingerichtet sind, soll das Programm auf andere Gemeinden ausgeweitet werden und schließlich das gesamte Land umspannen. "Wir gehen in kleinen Schritten voran, weil das einfacher umzusetzen ist. Nicht alle Sektoren sind ausreichend auf einen Umbruch vorbereitet", sagte Borromeo Henríquez alias 'Das Teufelchen von Hollywood', ein Chef der Mara Salvatrucha.
Gemeint sind damit zivilgesellschaftliche Organisationen, Kirchen und staatliche Behörden, die mit der sozialen Wiedereingliederung der Bandenmitglieder betraut sind. Die Jugendlichen sollen Ausbildungsplätze und Jobs erhalten, um ihr Geld künftig auf legale Weise verdienen zu können. "Wir bedauern, unseren Mitmenschen so viel Leid zugefügt zu haben", ergänzte Henríquez.
Initiative zu Gesetzesreform gestartet
Während der Friedensverhandlungen hat man sich auch darauf geeinigt, das Jugendbanden-Gesetz entweder zu reformieren oder aufzuheben. Das Gesetz war 2010 verabschiedet worden, um die Maras zu bekämpfen – jedoch erfolglos. Die Mediatoren des Friedensdialogs wollen nun, dass die Wiedereingliederung der Bandenmitglieder gesetzlich festgelegt wird, damit diese nicht der Willkür der Polizei ausgesetzt sind, sobald sie sich entwaffnen. Bereits laufende Verfahren gegen Bandenmitglieder sollen hingegen weiter verfolgt werden.
Der Vorschlag soll nun im Parlament verhandelt werden. Die Abgeordneten sollen sich außerdem mit der Einrichtung eines Kompensationsfonds für Kriminalitätsopfer und deren Familien auseinander setzen. Der bereits existierende Fonds für wirtschaftliche und soziale Entwicklung in den Gemeinden (Fodes) soll reformiert werden, sodass ein Viertel der Gelder an Projekte fließt, an denen ehemalige Bandenmitglieder beteiligt sind. Auch Präventionsmaßnahmen sind geplant.
Der Waffenstillstand steht jedoch auf wackeligen Beinen. Ein Großteil der Bevölkerung zweifelt daran, dass es tatsächlich vorbei ist mit der Gewalt. In einer Umfrage des Universitätsinstituts für öffentliche Meinung (Iudop) im Dezember gaben 89,4 Prozent der Teilnehmer an, dem Waffenstillstand zu misstrauen.
"Ein Recht auf Neuanfang?"
"Es ist nicht einfach für die Menschen, uns zu verzeihen. Ich habe eine ziemlich dunkle Vergangenheit hinter mir. Aber habe ich nicht auch ein Recht darauf, mein Leben zu verändern und neu anzufangen?" fragt Henríquez, der im Norden der Hauptstadt San Salvador im Gefängnis 'La Esperanza' einsitzt.
Die Maras wurden in den 1980er Jahren von bürgerkriegsvertriebenen Zentralamerikanern in den USA gegründet. Viele Mitglieder wurden in ihre Heimatländer zurückgeschickt, wo sie vor allem junge Leute aus Armenvierteln für ihre kriminellen Aktivitäten wie Erpressungen, Entführungen und Drogenhandel rekrutierten. 60.000 Jugendliche sollen den verschiedenen salvadorianischen Maras angehören.
In den USA steht die MS-13, die noch immer in den Vereinigten Staaten operiert, seit Oktober auf der Liste der transnationalen Verbrecherbanden, die auch die mexikanische Drogenmafia 'Los Zetas' aufführt.
Nachruf auf Bernd Päschke
Am 19. Mai 2012 starb Bernd Päschke 81jährig in einem Altenheim in Berlin-Schöneiche.
Er war Professor für praktische Theologie in Mainz, aber alles andere als ein deutscher Professor: er war vor allem einer von uns, Genosse. Bernd war Mitglied in der Bewegung Christen für den Sozialismus, die sich nach dem Militärputsch in Chile 1973 auch in Deutschland gegründet hatte, und die bis heute eine der wichtigsten Unterströmungen linken, befreiungstheologischen Christentums ist. Schon früh engagierte er sich in der El Salvador-Bewegung.
Er war nicht nur auf überregionaler und bundesweiter Ebene organisierend und vermittelnd aktiv, sondern immer wieder auch im Land selbst, in Zeiten des Befreiungskampfes, und auch schon vorher: Begegnungen mit Oscar Romero, mit VertreterInnen der FMLN, aber vor allem und immer wieder Begegnungen mit den leidenden und kämpfenden Menschen im Land prägten sein Leben. Er versuchte diese Erfahrungen in seinen Büchern „Salvadorianische Passion“ (1985), „Befreiung von unten lernen“ (1987) oder „Massaker im Namen der Freiheit“
(1982) zu verarbeiten und weiterzugeben. Seine Solidarität war ihm tief eingeschrieben, bis zu seinem Lebensende hat sie ihn geprägt und beschäftigt. In „Salvadorianische Passion“, einer Dokumentation der Karwoche El Salvadors aus der Perspektive der Basisgemeinden schrieb er im Vorwort:
„Eine Aufarbeitung meiner Eindrücke und Erfahrungen ist mir bis heute nicht gelungen. Ich bin damit nicht fertig geworden … Ich möchte darum auf den folgenden Seiten vor allem die Betroffenen selbst zu Wort kommen lassen.“
Darum ging es ihm: diesen Menschen eine Stimme zu geben, und da, wo das nicht ging, mit der Autorität dessen, der bei diesen Menschen war, für sie zu sprechen: Die US-amerikanische Politik anzuprangern, gegen den Imperialismus zu kämpfen, für herrschaftsfreie Verhältnisse einzutreten.
Dabei teilte er das, was er hatte, immer auch mit denen, die den gleichen Kampf kämpften. Ich erinnere mich noch gut an sein Engagement für den befreiungstheologischen Verlag edition liberación, der aus der Bewegung ChristInnen für den Sozialismus entstanden war. Hier hat er nicht nur Bücher veröffentlicht, sondern ganz konkret auch mit seinem Geld die Veröffentlichung unserer Bücher unterstützt. Bernd gehörte zu jenen der 68er-Generation, die ganz selbstverständlich und bis heute ihr Leben für und in „Gleichheit Freiheit Geschwisterlichkeit“ lebten: kraftvoll, inspirierend, motivierend immer auch ein wenig chaotisch, zwischen seinen immensen Stapeln gesammelter Informationen, Desinformationen und Gegeninformationen, und zugleich immer fröhlich. In den letzten Jahren ging es ihm zunehmend schlechter. Ab und an versuchte er, wieder Anschluss an unsere Bewegungen zu finden, meldete sich hie und da, aber ich glaube, ihm fehlte die Kraft, auch angesichts der dunklen Zeiten im neoliberalen Kapitalismus. Nie ist er aber nur einen Millimeter von seiner Überzeugung als Linker und Christ abgewichen, dass die Menschen, deren Leben vorzeitig zu Ende geht, das Gravitationszentrum allen Handelns sein sollten.
¡Hasta la resurrección!, Bernd!
Michael Ramminger
Zuckerrohrarbeiter in Mittelamerika
Zu Tode geschuftet für den Biosprit
Von Sandra Weiss
15. Februar 2012 (Der Standard) - Zuckerrohrschneider in Mittelamerika sterben zu Tausenden an rätselhaftem Nierenversagen - Wissenschafter tippen auf zu schwere Arbeit, zu wenig Wasser und die Praktiken großer Agrarkonzerne.
Die Schule von La Isla ist gepflegt für ein so kleines Dorf inmitten der weiten Zuckerrohrfelder im Westen Nicaraguas. Frischgestrichen in Weiß-Blau und blitzblank geputzt. Seit einiger Zeit gibt es sogar Computer. "Seit die Medien anfingen, über uns zu berichten", sagt Lehrer Roger de la Cruz. Von seinen 320 Schülern sind ein Drittel Waisen. Ihre Väter sind gestorben, mit 40, mit 30, die jüngsten erst Anfang 20. "Manchmal gibt es jeden zweiten Tag ein Begräbnis", sagt der Dorflehrer von La Isla. Der 6000 Einwohner zählende Ort wird im Volksmund nur noch "Die Insel der Witwen" genannt. Alle Männer starben an der gleichen Krankheit: chronischem Nierenversagen.
Eigentlich eine Zivilisationskrankheit, die ältere Menschen trifft. In La Isla ist das anders, fast alle waren junge Männer, kräftige Landarbeiter. Sieben von zehn Männern sind nach Auskunft der Nichtregierungsorganisation La Isla in dem Ort nierenkrank, in Europa ist es einer.
Zweithäufigste Todesursache
La Isla ist kein Einzelfall. In El Salvador ist Nierenversagen die zweithäufigste Todesursache bei Männern. In Nicaragua sterben mehr an Nierenversagen als an Aids und Diabetes zusammen. 24.000 Tote waren es in den vergangenen zehn Jahren in Nicaragua und El Salvador. Von 2005 bis 2009 wuchs die Zahl laut der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation in Nicaragua um 41 Prozent, in El Salvador und Guatemala um 26 Prozent.
Besonders hoch ist der Anteil im feuchtheißen Tiefland, wo Zuckerrohr und Baumwolle angebaut werden. Von einer "neuen Epidemie unbekannter Ursache" spricht die Weltgesundheitsorganisation WHO. Dass ihr auf dem Grund gegangen wird, dem stehen mächtige Interessen entgegen.
Salvadors Gesundheitsministerin María Isabel Rodríguez wollte die neue Krankheit auf die Liste chronischer Leiden auf dem amerikanischen Kontinent setzen - und stieß auf erbitterten Widerstand der USA. Rodríguez vermutet deshalb einen Zusammenhang mit dem jahrelangen Einsatz giftiger Pestizide ohne entsprechende Schutzmaßnahmen.
Das brächte internationale Chemiekonzerne in die Schusslinie. Und auch einheimische Firmen wie den Zuckerkonzern Pellas, der einer der reichsten Familien Nicaraguas gehört. Milliarden stehen auf dem Spiel. Nicht nur an Entschädigungen, sondern vor allem an Absatzmärkten.
Absatzmarkt Europa
Denn der Konzern plant, seine Zuckerrohrproduktion für den Ethanolexport in die USA und nach Europa auszuweiten. Zehn Prozent des Treibstoffs sollen laut EU-Richtlinie bis 2020 mit Agrotreibstoffen versetzt werden. Die USA fördern einem Wikileaks-Bericht zufolge massiv Biosprit in Mittelamerika, um damit den Einfluss des venezolanischen linken Präsidenten Hugo Chávez zu konterkarieren, der in den vergangenen Jahren mit Petrodollars und billigen Erdöllieferungen seine Fühler in den Hinterhof der USA ausgestreckt hat.
Aurora Aragón weiß, was auf dem Spiel steht. Die Medizinerin ist die Erste, die in Nicaragua die mysteriösen Todesfälle vor zehn Jahren entdeckt und untersucht hat. Sie hat Nierenwerte gemessen, Vergleichsstudien angestellt, Blutwerte und Grundwasser untersucht. Mit kaum staatlicher Unterstützung und einer totalen Blockade durch Pellas.
"Es gibt mehrere Hypothesen: Vergiftung durch Pestizide oder extreme Arbeitsüberlastung in heißem Klima ohne ausreichende Wasserzufuhr", zählt Aragón auf. Möglich ist auch eine Kombination dieser Faktoren. Zu einem ähnlichen Schluss kamen die Ärzte Carlos Orantes und Ramón Trabanino, die zeitgleich in El Salvador forschten. Analysen des Grundwassers haben zwar Belastungen mit Schwermetallen, Schädlingsbekämpfungsmitteln und Bakterien des Wassers ergeben, aber sie liegen unter den weltweit zulässigen Höchstnormen. Haben sich die Männer schlicht und ergreifend totgearbeitet?
Zuckerrohrschneider arbeiten als Tagelöhner im Akkord und bekommen ein Plus, wenn sie das vorgegebene Soll übererfüllen. Jede Minute, die mit Trinken oder mit einer Pause verbracht wird, ist "verlorene Zeit". Und noch einer neuen Vermutung geht derzeit ein US-Professor nach: dem Klimawandel. Der Wissenschafter will Temperaturkurven und Nierenerkrankungen in Nicaragua, Indien, Australien und Indonesien vergleichen. "Dies könnte möglicherweise erklären, warum das Phänomen erst in den 1990er-Jahren auftrat und auf Zuckerrohrplantagen in höhergelegenen Gebieten weniger geballt auftritt", sagt Aragón.
Neun Jahre Tagelöhner
Pablos Vater Salomón Marcelino Vargas sitzt er in einem Plastikstuhl vor seiner einfachen Ziegelhütte, blass und gekrümmt vor Schmerzen. Neun Jahre lang schuftete er als Tagelöhner auf der Plantage, die keine zehn Meter neben seiner Hütte beginnt. Pellas war lange der einzige Arbeitgeber weit und breit. 4200 Angestellte plus 1400 Saisonarbeiter hat die Firma. Viele sind eingestellt über Drittfirmen, haben Zeitverträge und sind nur so lange sozial abgesichert, wie ihr Vertrag läuft.
Von morgens sechs bis 15 Uhr war Vargas ohne Schutzkleidung unter sengender Sonne auf den Feldern, pflanzte Zuckerrohr, versprühte ohne Schutzkleidung Chemikalien, schnitt das erntereife Zuckerrohr. Sein Wasser musste er von zu Hause mitbringen. Vor zwei Jahren, kurz nachdem sein Bruder an Nierenversagen gestorben war, wurde auch bei ihm ein erhöhter Kreatininwert festgestellt. Vargas wurde nicht wieder eingestellt. Mit 40 Jahren und sieben Kindern, das jüngste ist zwei. Bei neun liege sein Kreatininwert, sagt er, normal sind Werte um die 1,2.
Alle im Dorf glauben, dass Pellas schuld an der Krankheit ist. Das Unternehmen, Hersteller des weltberühmten Rums Flor de Caña, weist Vorwürfe wie diese zurück. "Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern und der Erkrankung", sagt Firmensprecher Ariel Granera im neunten Stock des verspiegelten Firmensitzes in der Hauptstadt Managua.
"Seit Jahren verwenden wir nur von der Regierung zugelassene Pestizide, die Arbeiter werden mit isotonischen Getränken und einem ausgewogenen Mittagessen versorgt und haben ein Ruhezelt, wo sie sich im Schatten erholen können. Die Firma hat vier Millionen US-Dollar investiert für Medikamente, den Ausbau der Straßen und des Spitals, für Mikrokredite und landwirtschaftliche Projekte in der Region", zählt er auf.
Wenig Wasser, viel Arbeit
Ignorieren kann Pellas die Todesfälle nicht mehr. Als das Unternehmen 2006 einen Kredit bei der zur Weltbank gehörenden IFC beantragte, um eine Ethanolfabrik zu bauen, wurde dieser nach Protesten der Arbeiter zunächst auf Eis gelegt und eine Schlichtungsinstanz einberufen.
Die Universität von Boston testete im Auftrag von Weltbank und Pellas Pestizidrückstände im Blut der Arbeiter und fand keine erhöhten Werte. Ein Persilschein für Pellas ist das aber nicht. "Alles deutet auf extreme Dehydrierung bei großer Hitze und schwerer körperlicher Arbeit hin", bestätigt auch ein Bostoner Wissenschafter die Vermutungen seiner Kollegen aus Mittelamerika.
Nicaraguas sozialistische Regierung ignoriert das Problem weitgehend. Kosten für Dialyse und Nierentransplantate sind unerschwinglich in einem der ärmsten Länder Lateinamerikas. Die Regierung hat wenig Mittel und andere Prioritäten - anders als im Nachbarland El Salvador.
Die Regierung dort ist zwar der Ursache auch noch nicht auf die Schliche gekommen, hat aber immerhin ein staatliches Unterstützungsprogramm aufgelegt - mit kostenloser Dialyse einschließlich Transport ins Krankenhaus und ständiger medizinischer Überwachung.
Die Einwohner von La Isla hingegen haben die Hoffnung fast schon aufgegeben. Während Granera im Pellas-Hochhaus am sauberen Image des Unternehmens bastelt und Aragón versucht, weitere Forschungsmittel aufzutreiben, kämpft Vargas um sein Leben. Und Dorflehrer de la Cruz tut sein Bestes, um mit einem Animationsprogramm am PC doch noch ein Lächeln auf die Gesichter seiner Schüler zu zaubern.
DER STANDARD, Printausgabe, 15.2.2012.
Neues Steuergesetz in El Salvador
Schritt zu mehr Steuergerechtigkeit?
Ende 2011 verabschiedete das Parlament El Salvadors ein neues Steuergesetz. Die rechtsextreme ARENA-Partei stimmte geschlossen dagegen, alle anderen Abgeordneten dafür. Ziel des neuen Gesetzes ist es, GeringverdienerInnen zu entlasten und GroßverdienerInnen stärker in die Pflicht zu nehmen.
Lesen Sie hierzu auch den Artikel in Presente 1-2012, die Mitte März erschienen ist.
Weiterführende, spanische Informationen zum neusten Steuergesetz:
Coyuntura - Revista de análisis No 8 / 2011
Zahl grausamer Frauenmorde steigt
Fortaleza, 03. Februar 2011 (adital) - Die Bekämpfung und Verringerung der Frauenmorde ist zu einer großen Herausforderung für die Länder Zentralamerikas geworden. Unter diesen befindet sich auch El Salvador, wo täglich mindestens eine Frau einer, von einem Mann ausgeübten, Gewalttat zum Opfer fällt. Daten, die im Landesbericht des Instituts zur Förderung der Frau ISDEMU (Instituto para el Desarrollo de la Mujer) aufgeführt sind bestätigen, dass diese Verbrechen aus Hass weiter ansteigen.
Im gesamten Jahr 2010 wurden 552 Frauen in El Salvador gewaltsam getötet (Die Bevölkerung El Salvadors beträgt 7,3 Millionen, d.R.). Die Zahl der gemeldeten Fälle übersteigt die der 540 im Jahr 2009. Laut der Stiftung für Demokratie, Sicherheit und Frieden FUNDEMOSPAZ (Fundación para la Democracia, Seguridad y Paz) beschleunigt sich der Zuwachs, da die Fälle in den letzten drei Jahren um 64 Prozent gestiegen sind. Die Zahl der monatlichen Fälle habe sich von 28 im Jahr 2007 auf 46 im Jahr 2010 erhöht.
Auch Jugendliche und ältere Frauen von Gewalt betroffen
Aus den Strafanzeigen zwischen 2009 und 2010 wird deutlich, dass sich die Gewalt gegen Frauen, die oftmals in Mord gipfelt, ausweitet. Sie betrifft Frauen im Alter von 13 bis 60 Jahren und wird besonders innerhalb der Familie verübt.
Den Großteil der 1.436 in diesen beiden Jahren eingegangenen Anzeigen machen Stöße (28 Prozent) und Schläge (22 Prozent) aus. Doch es sind die psychische Gewalt, Beschimpfungen und Mangel an Respekt, die am häufigsten von den Frauen El Salvadors beanstandet werden. Diese beklagten zudem sexuelle Gewalt, Gebrauch obszöner Worte, Einschüchterung und erzwungene sexuelle Beziehungen. Allein in den Jahren 2009 und 2010 wurden im Land 597 Fälle vermerkt.
Leider geht das Problem El Salvadors über hohe Gewaltzahlen und Frauenmorde hinaus. Das Erschreckende sind die Merkmale dieser Verbrechen. Demnach weisen die Leichen der Opfer oftmals verbrannte Füße und Hände auf, andere Male wurden diese sogar abgetrennt oder es finden sich Objekte wie Stöcke, Drähte, Flaschen und Messer in den Sexualorganen der Frauen. Die Autopsien zeigen zudem, dass viele Opfer sexuelle Aggression und Folter erleiden mussten bevor sie starben.
“Gewalt wird toleriert”
Für Ima Guirola, Vertreterin der feministischen Organisation Cemujer, sind die gewaltsamen Morde und Grausamkeiten gegen Frauen die Antwort auf eine “kulturelle Konstruktion der Billigung von Gewalt” in El Salvador. Guirola fügte hinzu, dass die Bevölkerung nach dem bewaffneten Konflikt (1980-1992), dem 75.000 Menschen zum Opfer fielen, “Gewalt als etwas Natürliches toleriert”.
Zusätzlich zur Banalisierung von Gewalt stellt die Straffreiheit ein Problem dar. Es gäbe in bis zu 70 Prozent der Fälle keine Verurteilung vor Gericht, so Julia Evelyn Martínez, Direktorin des ISDEMU. Die ernste Situation im Land hat internationale Gremien dazu bewogen, vom Staat El Salvador zu fordern, seine Frauen zu schützen und der Problematik Aufmerksamkeit zu schenken, da dies eine wichtige Rolle für die Gesamtentwicklung des Landes spiele.
Der Staat sei verpflichtet, “für effiziente Schutzmaßnahmen zur Bekämpfung und Verhütung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu sorgen”, heißt es in dem Landesbericht über Gewalt gegen Frauen. Stärkere Anstrengungen müssten unternommen werden, um die Gewalt gegen Frauen und die Straflosigkeit in solchen Fällen zu bekämpfen. Zudem müsse die legislative Reform dahingehend beschleunigt werden.
von Natasha Pitts
© Nachrichtenpool Lateinamerika e.V.













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