Gewalt in Mittelamerika - El Salvador
Demonstrantinnen unserer Partnerorgansation ORMUSA zeigen, wie sie Gewalt erleben. Foto: CIR/Archiv

Leben im Angesicht der Gewalt

Frausein in El Salvador 

In El Salvador hat Frauenhass System: „In El Salvador gibt es einen Hass auf alles Weibliche, der durch kulturelle Praktiken, Glaubenssätze, Stereotype etc. vermittelt wird. In der Werbung wird ein Frauenbild entworfen, das die Frau zum Objekt macht, zu einem Wesen zweiter Klasse”, stellte Julia Evelyn Martínez, ehemalige Leiterin des nationalen Fraueninstituts ISDEMU, kürzlich in der Zeitschrift ila fest. Die Gewaltstatistiken bestätigen diese Einschätzung.

Die steigende Zahl von Frauenmorden ist alarmierend: 592 Frauen wurden 2009 ermordet, 2010 waren es nur geringfügig weniger. Und das in einem Land, das etwa so groß ist wie Hessen. El Salvador ist insgesamt das gefährlichste Land Lateinamerikas. Mit etwa 12 Toten pro Tag weist es eine der höchsten Mordraten auf. Von 2008 bis 2009 stieg die Anzahl der Morde um 37 Prozent. 

Kein Rückgang der Gewalt

Nach einem 12 Jahre dauernden blutigen Bürgerkrieg, der 1992 endete, ist die Gewalt in El Salvador nicht weniger geworden. Bis 2009 regierte die ultrarechte ARENA-Partei. In dieser Zeit festigte sich die konservative Linie Frauen gegenüber. 1997 wurde Abtreibung in allen Fällen verboten – selbst wenn die Situation für Frau oder Kind lebensbedrohlich ist. Dieses soziale Klima, das den Frauen das Recht auf Selbstbestimmung versagt, spiegelt sich heute noch in der Gewalt gegen Frauen wider. 

Auch die Entwicklung der Frauenmorde ist dramatisch: Von 1999 bis 2010 haben sich die Morde an Frauen verdreifacht. Damit weist El Salvador die weltweit höchste Mordrate an Frauen auf. Ein trauriger Rekord. Zudem zeigt die Entwicklung, dass die Zahl der Morde an Frauen im Vergleich zu denen an Männern stärker ansteigen. Die Morde sind der Höhepunkt einer anhaltenden Gewalt gegen Frauen. Gerade die innerfamiliäre und sexuelle Gewalt ist im Zunehmen begriffen.

Die Justiz verfolgt Morde und Gewalt gegen Frauen jedoch noch seltener und ineffektiver als sie es bei den Morden an Männern tut. Männer können fast sicher sein, dass sie vor Strafverfolgung gefeit sind. Auch diese Straflosigkeit ist ein Grund für die ansteigende Gewalt gegen Frauen. Betroffenen Frauen wird häufig unterstellt, sie seien Mitglied einer Jugendbande oder Prostituierte. Damit wird ihnen eine Mitschuld angelastet, die das strukturelle Problem verkennt. Die oftmals stark verstümmelten Leichen weisen nicht auf eine Verbindung zu den Banden, den Maras, hin, sondern auf einen tiefgründigen Hass gegen die Frauen an sich. 

Neues Gesetz, neue Hoffnung

In diesem Bereich konnte jedoch aufgrund des Einsatzes vieler Frauenorganisationen – unsere Partnerorganisation ORMUSA (Organisation der salvadorianischen Frauen für den Frieden) in vorderster Linie – eine Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen erzielt werden: Im November 2010 wurde das „Gesetz für ein Leben frei von Gewalt” verabschiedet, welches Frauenmord als Mord an einer Frau aus Gründen des Hasses oder der Verachtung für das Frausein definiert. Innerhalb dieses Gesetzes werden auch einige Indikatoren für diesen Hass aufgelistet. Das Strafmaß liegt deutlich höher als bei anderen Tötungsdelikten: Frauenmord kann nun mit bis zu 35 Jahren Haft bestraft werden. Wenn der Mord gemeinschaftlich oder von einem Amtsträger begangen wird oder das Opfer jünger als 18 Jahre ist, so handelt es sich um einen besonders schweren Frauenmord. Dieser wird mit bis zu 55 Jahren Gefängnis geahndet. 

Damit ist eine juristische Grundlage gelegt, um die anhaltende Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen. Dennoch bleibt noch viel zu tun, damit die Idee der Gleichheit und der Unrechtscharakter von Gewalt gegen Frauen in der gesamten Gesellschaft verstanden werden. Denn nur ein Frauenmord, der tatsächlich vor Gericht landet, kann auch dementsprechend geahndet werden. 

© 2010 Christliche Initiative Romero e.V.