SIEGEL UND STANDARDS

FAIRTRADE

(FLO – Fairtrade Labelling Organisation)

Gründung & Ziel

Die erste Fairtrade-Organisation wurde 1988 in den Niederlanden unter dem Namen Max Havelaar ins Leben gerufen. Seitdem haben sich 24 weitere nationale Fairtrade-Organisationen gegründet. TransFair e. V. (gegründet 1992) ist die Label-Organisation in Deutschland und vergibt das Fair-Trade-Siegel gegen Lizenzgebühr an Produktgruppen, die nach den FLO-Standards gehandelt und produziert werden. Die Mitglieder von TransFair e. V. sind vorwiegend zivilgesellschaftliche Organisationen (z. B. Brot für die Welt, MISEREOR, CIR, Heinrich-Böll-Stiftung). Seit 1997 existiert der Dachverband Fairtrade International e. V. (Fairtrade Labelling Organizations/FLO), in dem auch drei Produzentennetzwerke von Kleinfarmer*innen und Arbeiter* innen in Afrika, Südamerika und Asien vertreten sind. Fairtrade International ist der Inhaber der verschiedenen FOKUSFairtrade-Siegel und entwickelt die Kriterien. Die Produkte reichen von Kaffee, Kakao, Bananen oder Baumwolle über Saft, Tee, Reis, Honig, Zucker und Wein bis hin zu Schnittblumen und Gold. Der Fokus liegt auf Produktzertifizierung und Lizenzvergabe auch über reine Fairhandelsorganisationen hinaus. Dies unterscheidet die FLO von der World Fair Trade Organization ( WFTO), dem anderen internationalen Dachverband des Fairen Handels. Ein Ziel von FLO ist, den Verkauf von Fairtrade Produkten im konventionellen Handel zu fördern. Der Marktanteil der gesiegelten Produkte in Deutschland liegt bei unter 3%. Bananenverkäufe machen über die Hälfte des Gesamtumsatzes aus mit einem Marktanteil von 10%. Verkauft werden die Produkte zunehmend auch bei Discountern und in Supermärkten unter Eigenmarken: Fairglobe ( Lidl), One World ( Aldi Süd) bzw. FAIR ( Aldi Nord). Über 70% ist auch zusätzlich EU-Bio zertifiziert. Der Fairtrade-Standard für kleinbäuerliche Produzent*innenorganisationen gilt unabhängig vom Produkt, das diese zertifizieren lassen wollen. Zielgruppe sind Kleinbäuer*innen und landwirtschaftliche Arbeitskräfte. Fairtrade International gibt außerdem produktbezogene Standards heraus, die für die Zertifizierung eines Produktes zusätzlich eingehalten werden müssen. So stellt das Siegel „Fairtrade Baumwolle“ Anforderungen an einen ökologisch verträglichen Baumwollanbau. Es wurde 2005 eingeführt und richtet sich insbesondere an Kleinbäuerinnen und -bauern. Der Fairtrade Textilstandard wurde 2016 ins Leben gerufen. Ziel ist es, die Anforderungen an die Arbeitsbedingungen für Beschäftigte entlang der gesamten Textil- Lieferkette festzulegen. Zusätzlich zum Textilstandard bietet Fairtrade ein Textilprogramm an, das Unterstützung bei der Umsetzung des Standards bietet.

Soziales

  • Der Standard basiert u. a. auf den ILO-Kernarbeitsnormen.
  • Nach dem Fairtrade Textilstandard soll auf existenzsichernde Löhne von Beginn an hingearbeitet werden. Sie müssen aber erst nach sechs Jahren erreicht sein, sie werden definiert anhand der Anker-Methode der ISEAL Alliance.
  • Sozialstandards gelten auch für Saison- und Zeitarbeiter*innen sowie Beschäftigte über Subunternehmen.
  • Das Recht auf Vereinigungsfreiheit und Kollektivverhandlungen wird gefördert.
  • Es gibt eine unabhängige Beschwerdestelle.
  • Aus- und Weiterbildungsangebote für Arbeiter*innen sind vorgesehen. Arbeiter*innen müssen im Umgang und Kontakt mit Chemikalien geschult werden.
  • Der direkte Handel mit den Produzentengruppen ohne Zwischenhändler sowie Vorfinanzierung und langfristige Lieferbeziehungen werden gefordert.
  • Im Kern der Fair-Trade-Standards steht die Zahlung eines garantierten Mindestpreises, der die Lebenshaltungs- und Produktionskosten der Produzenten decken soll.
  • Zudem muss eine Sozialprämie (Preisprämie), die sogenannte Fair-Trade-Prämie, gezahlt werden, die ökonomische undsoziale Entwicklungsprojekte ermöglicht.

Ökologie

  • Die Verwendung von gefährlichen Chemikalien gemäß der Definition von Stockholmer Übereinkommen, WHO Klasse 1a und b sowie Rotterdamer Übereinkommen ist verboten.
  • Gentechnisch veränderte Organismen sind verboten.
  • Es gibt Kriterien zu Verfahren des integrierten Pflanzenschutzes, die allerdings erst ab drei Jahren verbindlich sind.
  • Förderung des biologischen Anbaus durch zusätzliche Fairtrade-Bio-Aufschläge, welcher i.d.R. 20 % des Mindestpreises entspricht.
  • Es werden Monitoring und Effizienzsteigerung des Wasserverbrauchs gefordert, aber keine konkreten Angaben zum Abwasservolumen erstellt.
  • Es existieren Kriterien hinsichtlich CO2-Emissionen.

Glaubwürdigkeit

  • Die Organisationsstruktur ist öffentlich zugänglich.
  • Unterschiedliche Interessengruppen, einschließlich Produzentenorganisationen aus dem Globalen Süden und Gewerkschaften sind in Entscheidungsgremien vertreten.
  • Der Großteil der Finanzierung wird über Lizenzeinnahmen erzielt. Die Zertifizierungskosten sind hoch: Knapp 3.000 Euro müssen für eine Antrags- und Erstzertifizierungsgebühr gezahlt werden.
  • Monitoring- und Evaluierungsprozesse hinsichtlich der Wirkungen des Standards werden durchgeführt. Die Ergebnisse sind öffentlich zugänglich und werden bei der Weiterentwicklung des Standards genutzt.
  • Die Einhaltung der Standards wird anhand von Audits kontrolliert und bewertet. Die Kooperativen unterlaufen alle 2–3 Jahre ein vollständiges Audit durch den akkreditierten unabhängigen Dritten FLOCERT. Die Häufigkeit der Audits basiert zum Teil auf Risikobe¬wertungen. Unangekündigte Kontrollen finden statt, und Interviews mit einem Teil der Arbeiter*innen werden auch außerhalb des Arbeitsplatzes geführt.
  • Es besteht Mitgliedschaft bei der ISEAL Alliance.
  • Die Produktionskette von Mitgliedern muss bis zum Hersteller des Endprodukts dokumentiert werden. Die sogenannte FLO-ID ist die Identifikationsnummer der Produzentenorganisation.
  • Auf Ebene der Produzentenorganisationen ist die Mischung von Produkten von Mitgliedern und Nichtmitgliedern verboten. Bei Kakao, Rohrzucker, Saft und Tee kann auf Ebene der Weiterverarbeitung gemischt werden. Mengenausgleich ist möglich.
  • Im Fairtrade-Code können Konsument*innen eine Zahlenkombination, die auf Verpackungen von manchen Fairtrade-zertifizierten Produkten abgebildet ist, in eine Suchmaske eingeben und erhalten Informationen zum Produkt.

Kommentar CIR 

Insgesamt ist es ein anspruchsvoller Standard. Durch die Bioaufschläge ist der Anteil an bio- und fair-zertifizierten Produkten hoch. Existenzsichernde Löhne werden gefordert und das Recht auf Vereinigungsfreiheit und Kollektivverhandlungen aktiv unterstützt. Durch langfristige Lieferbeziehungen sowie die Zahlung eines Mindestpreises werden die negativen Auswirkungen der Beschaffungspolitik sowie die Abhängigkeit vom Weltmarktpreis reduziert. Die Interessen von Produzentenorganisationen aus dem Globalen Süden, von Gewerkschaften und anderen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen fließen in Entscheidungen ein. Problematisch an der Produktzertifizierungen sind für die Kleinbäuerinnen und -bauern die hohen Kosten und die Tatsache, dass keine komplette Umstellung stattfindet. Durch die Fokussierung auf den Massenmarkt werden zunehmend Produkte auch auf Plantagen angebaut. Die Rechte von Wanderarbeiter*innen und auch von Leiharbeiter*innen lassen sich mit den bisherigen Instrumenten nicht glaubwürdig schützen. Der Anteil der Mengenbilanzierung steigt. Dies kann zu Verunsicherung der Konsument*innen führen und Strukturen fördern, die dem Grundgedanken des Fairen Handels nicht entsprechen.

Stand: August 2017

SIEGEL UND STANDARDS

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