Bischof Ramazzini aus Guatemala

Aufruf zur "Kultur der Solidarität"
Bischhof Ramazzini und CIR-Vorstand Norbert Arntz.
Bischhof Ramazzini und CIR-Vorstand Norbert Arntz.
Grupo Sal umrahmt den Abend musikalisch.
Grupo Sal umrahmt den Abend musikalisch.

Münster (pbm). „Zutiefst bewegt“, „betroffen und wütend“ „neu motiviert“ – so äußerten sich einzelne der mehr als 200 Teilnehmer am Ende des Forums „Canto del mundo – von Würde, Gerechtigkeit und Solidarität“, das am Mittwochabend (4. Juli) im Münsterschen Franz-Hitze-Haus stattfand. Eingeladen hatte die Akademie in Kooperation mit der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung KAB, der Christlichen Initiative Romero und dem Referat Weltkirche des Bistums Münster. Mit klaren Worten hatte Bischof Alvaro Ramazzini aus Guatemala zu einer „Kultur der weltweiten Solidarität“ aufgerufen – umrahmt von den virtuos dargebotenen, lateinamerikanischen Liedern der „Grupo Sal“ aus Tübingen.

"Die Menschheit als Ganzes kann sich nur entwickeln, wenn jeder Einzelne eine echte Chance zur Entwicklung bekommt“ – diesen Gedanken aus dem Lehrschreiben ‚Populorum progressio’, das 1967 zur Zeit von Papst Paul VI. entstand, machte der Bischof von San Marcos, einer sehr armen Diözese im Hochland an der Grenze zu Mexiko, zum roten Faden seiner unzweideutigen Ausführungen. Er zitierte aus der Enzyklika: „Jeder Mensch hat ein Recht auf ausreichende Ernährung, auf eine würdige Wohnung, auf Gesundheitsdienste, auf eine Ausbildung, die Fähigkeiten und Talente entwickelt, auf eine ehrenvolle und auskömmlich bezahlte Arbeit“.

Die Wirklichkeit heute, 40 Jahre später, sei immer noch völlig anders: „Auf unseren Kaffeefarmen müssen die Menschen von morgens sechs bis abends sechs arbeiten“, schilderte der Seelsorger, „mit Löhnen, die kein Überleben gestatten; bei unzumutbaren Arbeitsbedingungen; ohne jede Sozialversicherung.“ Scham und Wut ließen seine Stimme beben, als er bewertete: „Das ist fast ein Feudalsystem, es versklavt und zerstört die Menschen, es raubt ihnen jede Kreativität und Würde.“ In Guatemala seien sechs von zehn Kindern unterernährt, in Lateinamerika hungerten fast 50 Millionen Menschen, „jetzt: in diesem Moment“.

Dieses Elend sei jedoch kein lokales Problem, im „globalen Dorf unserer Tage“ betreffe, so der Geistliche, was in einem Teil der Welt geschehe, auch alle anderen. Flüchtlingsbewegungen und Migration seien Folgen solcher Armut. Anders als Waren könnten Menschen Grenzen nicht frei überwinden, etwa zwischen Mexiko und den USA. Daran und an oft ungerechten internationalen Handelsbeziehungen würden Kehrseiten der Globalisierung deutlich.

In dem Zusammenhang nannte der Kirchenführer die „wachsende Kluft zwischen Arm und Reich“, die auch durch eine „weltweite kulturelle Homogenisierung“ Vorschub erfahre. Massenmedien würden überall Werte vom ‚Sein’ zum ‚Haben’ verändern: „Sie zeigen nicht: ‚nein zum Krieg’, ‚beneide nicht deinen Nächsten’ oder ‚wirf deinen Abfall in den Mülleimer’“, illustrierte der Vorsitzende der guatemaltekischen Bischofskonferenz, „sie werben für Autos und Kleidung oder zeigen Menschen, die viel Geld verdienen oder schön sind“. Damit würden Massenmedien zur Individualisierung beitragen und gleichzeitig Gemeinschaft und Füreinander untergraben.

„Wir Bischöfe von Lateinamerika haben uns eindeutig auf die Seite der Indigenas (Ureinwohner) und Campesinos (Bauern) gestellt, die seit Jahrzehnten Leidtragende der Globalisierung sind“, betonte Bischof Alvaro, „für sie machen wir uns für eine Bodenreform stark, auch wenn so etwas gefährlich ist“. Dies sei die gelebte ‚Option für die Armen’ und darin habe sie jüngst Papst Benedikt XVI. bestärkt: „Er hat etwas sehr Wichtiges deutlich gemacht: es gibt eine unmittelbare Verbindung zwischen dem Glauben an Jesus Christus und der ‚Option für die Armen’“, die damit Auftrag des Evangeliums an alle Christen und nicht nur für Befreiungstheologen sei. „Der neue Name für Friede ist Entwicklung“, zitierte der Bischof den Papst, „der neue Name für Entwicklung ist Solidarität, die Liebe zu Gott und zum Nächsten ist nicht von einander zu trennen“.

Als wichtigen Schritt, die weltweite Ungerechtigkeit zu überwinden, stufte Ramazzini die vielen Initiativen des fairen Handels ein: „Eure praktische Hilfe für einige trägt dazu bei, dass wir den Schmerz leichter ertragen, den wir spüren, wenn wir sehen, unter welchen Bedingungen immer noch viel zu viele Campesinos und Indigenas leben müssen“. Unter großem Beifall der Teilnehmer rief der Bischof zu einer Kultur des weltweiten Miteinanders auf: „Wenn wir die Globalisierung menschlich gestalten wollen, müssen wir die Solidarität globalisieren!“

Wie in einen Hörfunkmagazin gab es zwischen den jeweils rund zehnminütigen Ansprachen des Kirchenführers musikalische Einlagen, die gleichzeitig Inspiration für die Hörer und den Referenten waren. Mehr als einmal griff Ramazzini Begriffe und Ideen aus den Liedertexten auf, so dass sich fast ein Dialog zwischen den sechs Musikern und dem Redner entwickelte. „Grupo Sal“, seit 25 Jahren aktives Urgestein der deutschen Weltmusik-Szene, ließ auch bei diesem Auftritt in Münster inhaltlich wie musikalisch den Funken überspringen: die leidenschaftlich dargebotenen Interpretationen lateinamerikanischer Songs brachten die Zuhörer zum Mitklatschen oder in rhythmische Bewegung.

Der derart gelungene gemeinsame Auftritt der von Bischof Alvaro Ramazzini und der „Grupo Sal“ war eine Premiere, hatte Heinz Meyer von der Akademie Franz-Hitze-Haus zu Beginn hervorgehoben. Eine, die sich nicht nur ideell bereicherte: denn die Veranstaltung hatte neben dem kulturellen und informativen auch einen karitativen Charakter: in der Pause waren Körbchen herumgegangen, in denen Spenden für ein Hilfsprojekt für mittellose Kinder in Ramazzinis Diözese gesammelt wurden: sie waren am Ende übervoll mit Euro-Banknoten. Der Bischof hatte es zuvor auch deutlich gesagt: „Unsere Welt braucht heute mehr Taten als Worte“.

Martin Wißmann

© 2010 Christliche Initiative Romero e.V.