Honduras - Interview mit Priestern
Interview mit drei katholischen Priestern aus Honduras
Pater Fausto Milla: Die Leute nennen mich Fausto. Ich bin honduranischer Priester und engagiere mich für ein gesellschaftliches Projekt, dass gestützt auf eigene Ressourcen eine gesunde und gut ernährte Bevölkerung zum Ziel hat. Derzeit unterstütze ich das Volk so gut ich kann im Kampf gegen das Verbrechen des Staatsstreichs. Ich werde bald 82 Jahre alt.
Pater Ismael Moreno: Ich bin Pater Ismael Moreno. Die Leute kennen mich als Pater „Melo“. Geboren im Norden von Honduras in El Progreso. Ich bin Jesuit und vor fast 32 Jahren dem Orden beigetreten. Seit acht Jahren arbeite ich als Direktor des Teams für Reflexion Forschung und Kommunikation (ERIC) und als Direktor von Radio Progreso zwei Institutionen des Sozialapostolats der Jesuiten hier in Honduras.
Pater Andrés Tamayo: Ich bin Pater Andrés Tamayo und seit 25 Jahren Priester. Am 31. August war der Jahrestag. Ich war Pfarrer in Salama, wo es zu extremer Abholzung und damit verbundener Umweltzerstörung kam, wogegen wir in der Gemeinde die Stimme erhoben. Ich versuche auch jetzt die Ressourcen und die Bevölkerung zu schützen. Ich habe das Gefühl, dass je mehr ich mich als Diözesanpriester einsetze, umso mehr bin ich in der jetzigen Situation gefordert.
Wie hat sich ihr Leben nach dem Staatsstreich verändert?
Pater Fausto Milla: Es war ein Übergang von der Normalität zu einer Situation der Hoffnung und des Optimismus. Dieser Wandel besteht darin,dass ich sehe wie Gott eingreift, mit unserem Volk für unser Volk wie damals als Er die Israeliten aus Ägypten hinausgeführt hat.
Pater Ismael Moreno: Ich bin für zwei Institutionen verantwortlich, eine im Dienst der Kommunikation, Radio Progreso, sowie das Forschungsinstitut und die Sozialpastorale. Radio und Sozialpastorale mussten ihre Aktivitäten an die Geschehnisse anpassen und neu ausrichten. Mir stellten sich plötzlich ganz neue Aufgaben. Eine besondere Herausforderung bestand darin, dass das Radio eine Stimme sein sollte, die in verschiedenen Sektoren der Gesellschaft zur Meinungsbildung beitragen sollte, dass es eine kritische Stimme sein sollte, das den Staatsstreich betrifft. Zugleich Auch eine Stimme der Hoffnung in einer sehr bedrückenden Situation. Die Aufgabe, die Hoffnung zu nähren die einem solchen Informationsmedium eigen ist wie ich es koordiniere.
Pater Andrés Tamayo: Ich brauchte zwei ganze Tage, um über meine Rolle als Priester nach dem Putsch nachzudenken. Mir wurde klar, ich musste meine Pfarre verlassen und mich rund um die Uhr um die Bevölkerung kümmern und um den Widerstand.
Wie geht die Arbeit in den Pfarrgemeinden vor sich? Wer beteiligt sich am Leben der Pfarren?
Pater Fausto Milla: ich bin Pensionist, ohne Priestergehalt. Elf Jahre war ich als Pfarrer im Süden von Copan in der Gemeinde von Corquen tätig. Von dort aus musste ich das Land in den 80er Jahren verlassen, weil es zu gefährlich wurde und mein Leben und das Leben meiner Leute in Gefahr war. In meiner Pfarre hatten wir Märtyrer in dieser Zeit. Jetzt lebe ich in der Gemeinde Santa Rosa de Copan, Hauptort der Diözese. Ich weiß nicht, ob ich dort helfe oder störe...
Pater Andrés Tamayo: ich war seit 13 Jahren immer am gleichen Ort mit fünf Gemeinden und mehr als 96 Dörfern und Weilern als Priester tätig. Meine Aufgabe bestand darin diese Gemeinden zu begleiten, sie in ihrem Leben zu begleiten. Es ging dabei u.a. um die Frage der Ressourcen, um den exzessiven Holzeinschlag der Provinz Olancho, die über sehr viel Wald verfügt. Man muss die Gemeinden stärken. Bewusstsein schaffen in den Gemeinden, in denen es so viele Ermordete gibt. Wir hatten die Umweltbewegung von Olancho (MAO), die so stark wurde, dass es gelang, dass die Gemeinden selbst Nutzen aus dem Holz ziehen konnten. Aber leider kamen nach dem Putsch Soldaten und Polizei und respektierten die Vereinbarungen nicht die für dieses Gebiet per Gesetzt festgelegt worden waren. Man muss den Gemeinden ein Gewissen einprägen, mit so vielen ermordeten Kameraden. Wir sehen also die Entwicklung eines Volkes, das sich zunehmend organisiert.
Kardinal Oscar Andrés Rodríguez hat sich gegen die Rückkehr von Präsident Zelaya ausgesprochen. Was schlägt der Kardinal stattdessen vor, um aus der Krise herauszukommen? Was ist ihre Haltung dazu?
Pater Fausto Milla: Ich kenne Kardinal Rodriguez schon sehr lange und was er derzeit tut und sagt kommt nicht unerwartet, weil er schon immer so dachte. Er stammt aus einer reichen Familie im Westen von Honduras, aus Santa Rosa de Copan Und ist in einer Kongregation, die viel von Macht und von Geld hält. Aber das führt dazu, dass die Christen in Honduras christlicher werden insofern, dass ihr Glaube nicht von einem Kardinal nicht von einem Bischof und nicht von einem Priester abhängig ist. Ihr Glaube vertieft sich in Jesus. Fehler und Verrat gab es in der Geschichte der Kirche immer seit Jesus und Judas. Der Glaube vertieft sich in den Kämpfen Jesus gegen die mächtigen seiner Zeit gegen die Pharisäer die jüdischen Führer die politischen Führer wie auch die Römer. Es waren klare Auseinandersetzungen. Deshalb bezeichnet das Volk den Kardinal als Putschisten.
Pater Ismael Moreno: Hier in Honduras gibt es zwei Möglichkeiten wie die Kirche sich äußert: die eine ist das offizielle Wort das in der Hierarchie in der Erzdiözese von Tegucigalpa und im Wort von Kardinal Rodriguez besteht. Die andere Möglichkeit der Kirche sich zu den diversen Problemen des Landes zu äußern ist auf eine ruhigen Art und Weise, manchmal sehr leise, seitens der Diözesen, von Pfarren oder einzelnen Regionen, die die Menschen an der Basis begleiten. Wegen der institutionellen Schwäche der Kirche in Honduras wird das Wort von Tegucigalpa, besonders das des Kardinals, von der Gesellschaft in Honduras als das Wort der Kirche angesehen. Das hilft der Kirche nicht - weder der in Tegucigalpa noch der Anderen, die ganz Honduras umfasst. Als sich die Kirche am 4. Juli in Bezug auf den Staatsstreich äußerte, wurde das Wort der Bischofskonferenz und das spezielle Wort des Kardinals, der vom Text abwich und zum Ausdruck brachte, wie er selbst denkt, zusammengeführt. Seine Äußerungen sind sehr umstritten. In Angelegenheiten des Glaubens und der Doktrin müssen sich alle Priester an das Wort der Hierarchie halten. Aber in politischen Angelegenheiten sollten wir uns nicht an die Hierarchie halten, denn in diesem Bereich gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Es darf keine Gültigkeit haben, dass man dem Wort der Hierarchie folgen muss. Es ist ein umstrittenes partielles Wort und es wird hinterfragt, weil eindeutig ist, dass es mit pastoralen, persönlichen und familiären Präferenzen der verschiedenen Mitglieder der Hierarchie in Zusammenhang steht. Monsennor Romero sagt: „Was in einer politischen Konjunktur zählt, ist das arme Volk“. Im Wort der Bischofskonferenz zählte nicht die Präferenz für die Armen, sondern es waren die familiären und persönlichen Präferenzen und Affinitäten des Kardinals und der Bischöfe aus Tegucigalpa zu einflussreichen Sektoren des Landes. Zum Beispiel ist bewiesen, dass Rafael Ferrari an der Planung des Putsches beteiligt war und das Regime unterstützt. Er ist einer der größten Unternehmer in Honduras, wenn nicht in ganz Zentralamerika und gehört zu den 25 reichsten Männern Zentralamerikas und kontrolliert einen großen Teil der Medien in unserem Land. Er hat den Satellitenanschluss an den Fernsehsender 48 geschenkt, der Fernsehsender der katholischen Kirche. Ein bestimmter Sektor der katholischen Hierarchie, hauptsächlich aus Tegucigalpa, hat nicht die Freiheit im Namen der Armen zu sprechen, weil ihr Herz ihre Geschichten und ihre Fähigkeiten stark mit den Familien verbunden sind, die die meiste wirtschaftliche und politische Macht haben und mit der traditionellen spanischstämmigen, arabischen oder militärischen Mafia stark verbunden oder sogar Teil von ihr sind die in der Verantwortung des Putsches und der Erhaltung des De-facto- Regimes stehen.
Pater Fausto Milla: Ich möchte hinzufügen, dass fast alle Bischöfe von Honduras aus dem Ausland kommen. Von den acht Diözesen haben nur zwei Bischöfe aus Honduras: die Diözese Santa Rosa de Copan und die Diözese Tegucigalpa. Die anderen wiederholen was der Kardinal sagt, es gibt kein eigenständiges Denken. Die Begünstigungen der Oligarchie für die katholische Hierarchie und vor allem für den Kardinal sind offensichtlich. Als Der Kopf des Putsches Präsident des Kongresses war, hat er dem Kardinal per Dekret ungerechtfertigt Geld zugesprochen. Es scheint, dass die Regierung Zelaya ihm dieses Geld nicht mehr ausbezahlt hat. So sehen wir, dass es persönliche Interessen sind, die nichts mir dem Glauben oder gar mit Politik zu tun haben.
Pater Andrés Tamayo: Ich glaube dass Kardinal Rodríguez im ganzen Land zu stark idealisiert wird. Wo immer es ein Problem gab, war der Kardinal derjenige der das Problem lösen konnte, und es kam zu einer starken Abhängigkeit, dass die Mächtigen des Landes immer nach ihm riefen, damit er einschreitet und das Problem löst- nicht für das Volk, das Forderungen stellt, sondern um die Interessen der Mächtigen zu verteidigen. Ein anderer Punkt ist, dass er in allen Interviews immer seine persönliche Meinung herausstrich. Das größte Problem ist, dass der Kardinal selbst sagte dass Blut fließen werde. Für mich verhält er sich wie ein Botschafter der Oligarchie in Honduras. Sicher gab es auch intensive Gespräche des Kardinals mit der Oligarchie ich glaube sogar dass der Kardinal vom Putsch wusste und auch bei den Treffen war bei denen der Putsch vorbereitet wurde.
Was würden Sie den Organisationen der internationalen Zusammenarbeit mit Honduras raten, die oft auf dem katholischen Bereich kommen? Wie können sie in der aktuellen Lage und hinsichtlich der Wahlen Unterstützung leisten?
Pater Fausto Milla: in Bezug auf die Wahlen gibt es nichts zu verlangen außer dass sie nicht anerkannt werden, denn es sind Wahlen unter einem Usurpatorischen Regime und sie sind vor dem Gesetz in Honduras und auf der Welt nicht gültig. Wir wünschen uns eine organisierte und besser koordinierte Hilfe. Es gibt Institutionen die scheinbar sozial und volksnah waren und dann sahen wir, dass sie Putschisten sind und weiterhin von Europa Geld verlangen mit dem Argument, dass es für den Widerstand sei. Ich kann Ihnen Namen von Institutionen nennen...Man muss genau schauen in Europa, wem man Hilfe in Form von Geld geben kann. Worum wir die Welt bitten ist dass man uns so viel hilft wie möglich. Mit einer organisierten Hilfe von jedem Land, wie seit dem 15. August mit vielen Gruppen aus unterschiedlichen Ländern weltweit. Sie sollten sich so organisieren wie als sie den Sandinismus, die FMLN aus El Salvador unterstützten. Die Hilfe für Honduras ist viel wichtiger als die Unterstützung damals von Nicaragua, El Salvador und Guatemala. Wichtiger deshalb weil es kontinentale und globale Bedeutung hat, weil Honduras wie ein Labor ist in dem experimentiert wird. Wenn die Putschisten hier als Gewinner aussteigen, wozu wählt man dann eine Regierung, wenn jeder Reiche einen Leutnant bezahlen kann, damit dieser einen Staatsstreich inszeniert.
Zweitens wäre es eine schwere Hypothek für andere lateinamerikanische Länder insbesondere für die Nachbarsstaaten wie Guatemala und El Salvador. Deshalb brauchen wir Unterstützung auf allen Ebenen. Zum Beispiel könnten wir mit etwas mehr finanzieller Hilfe mehr zur Stärkung des Widerstandes tun. Im Westen bin ich Vorsitzender des Leitungsgremiums der Provinz Copan und ich ich kann Ihnen sagen, dass alles was beigetragen wird von uns kommt und von den Leuten, die hier sehr arm sind. Manchmal sagen sie zu mir: „Wenn wir einen Bus oder fünf Busse hätten, würden wir Ihnen 500 Leute an den oder den Ort schicken“. Aber das sind arme Leute ich bin kein Befürworter des Paternalismus einer totalen Hilfe. Wir werden um Hilfe kämpfen, aber wir werden die Menschen bitten 25% oder 50% beizutragen, damit die Glaubwürdigkeit bestehen bleibt. Andernfalls wäre es auch ein Schaden für den Widerstand und wir verlieren an Glaubwürdigkeit.
Eine Forderung der Widerstandsfront und der Christen, die in ihr organisiert sind, ist eine neue alle Sektoren mit einbeziehender Verfassung. Welche Ängste hat die konservative Kirche davor? Ist es ein Kampf zwischen einer karitativen Kirche und einer Kirche die strukturelle Veränderungen und soziale Gerechtigkeit will?
Pater Fausto Milla: das ist der entscheidende Punkt. Es ist ein Krieg der Ideen: Sie wollen einen Krieg der Kugeln, Schläge, Gift und Bomben. Das Volk hat 85 Tage friedlichen Widerstand geleistet und viel gelitten. In Deutschland oder Österreich darüber zu reden und hören, dass Leute geprügelt werden ist einfach. Aber dabei zu sein, zuzusehen wie Frauen am Boden geschlagen und getreten werden, ist sehr schwierig. Diese Frauen werden schlimmer behandelt als der Kadaver eines Hundes. Die Wut und die Empörung, die diese grausamen Taten hervorrufen, wenn man sieht wie sich diese Menschen zu Dämonen aus der Hölle verwandeln. ich denke sie werden unter Drogen gesetzt und sie werden psychologisch bearbeitet, damit sie gegen die Leute so vorgehen können. Wir wissen nicht, wann das Volk: "Basta Ya! - jetzt reichts"! Sagen wird, wann diese friedlichen Demonstrationen aufhören. Es ist nicht leicht diese vielen Toten zu sehen, das vergossene Blut, die Schläge, das Leid und zu ertragen, wie ihnen die wenigen Informationsmedien genommen werden die dem Volk helfen, das ist nicht normal. Wir sind großer Gefahr eines Bürgerkrieges ausgesetzt.
Was sagt die Bischofskonferenz zu diesem Ausmaß an Unterdrückung?
Pater Fausto Milla: Es hat wenig Sinn darauf näher einzugehen: der Kardinal macht weiterhin bei den Treffen der Putschisten mit, um dort Entscheidungen zu treffen. Er ist wie ein Teil der Regierung, wie ein Minister ohne Amt, wie ein Berater ohne Lohn- ich weiß nicht ob sie ihm mittlerweile Geld geben, das ihm vorher fürs Nichtstun gegeben wurde. Ich würde diesen Leuten nur etwas sagen: "Lest das Evangelium und steht an der Seite des Volkes“!
Interview 20.September 2009: Magdalena Heuwieser
Übersetzung: Roland Bangerter




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