Gewalt in Mittelamerika - Nicaragua

- Die Radiohexe von Bocana de Paiwas und ihre Mitstreiterinnen kämpfen gegen das restriktive Abtreibungsverbot: "Ich entscheide über mein Leben." Foto: CIR/Archiv
Trügerische Sicherheit
Bei Gewalt gegen Frauen werden die Tatsachen verdrängt
Nicaragua ist im Vergleich zu seinen mittelamerikanischen Nachbarländern ein Hort der Sicherheit. Doch eine landesweite Studie zu Demografie und Gesundheit von 2006/07 zeigt, dass Gewalt gegen Frauen auch hier alarmierend hoch ist.
Jede zweite Frau in Nicaragua gibt an, dass sie schon in irgendeiner Form Gewalt durch ihren Partner erlebt hat, sei es verbale oder psychische Gewalt oder physische Gewalt in Form von Misshandlung oder ungewollten sexuellen Handlungen. Jede dritte Frau hat bereits physische Gewalt durch ihren Ehemann oder Partner erlebt. Die Studie zeigt aber auch erste positive Trends auf: Demnach liegt die Gewaltrate bei getrennt lebenden oder geschiedenen Frauen deutlich höher als bei denen, die noch mir ihrem Partner zusammenleben. Dies deutet darauf hin, dass viele Frauen sich die Gewalt nicht gefallen lassen und sich von ihrem Mann trennen, wenn dieser sich gewalttätig zeigt.
Die Gründe, aus denen nach Meinung von Frauen Männer gewalttätig werden, zeigen das strukturelle Problem der patriarchalen Kultur auf: Der zweithäufigste Grund ist Eifersucht. Weitere Gründe sind, dass die Frau etwas von ihrem Mann fordert oder ihm nicht gehorcht, dass sie sich weigert, Sex mit ihm zu haben, oder familiäre Probleme. Als häufigste Ursache wurde Alkohol- und Drogenkonsum genannt.
Frauenmorde müssen als solche gesehen werden
Die Folgen sind gravierend für die Frauen: Neben körperlichen Beschwerden wie Blutergüssen, Kratzern und Schrammen, welche in 60 Prozent der Fälle zurückbleiben, entstehen auch psychische Schäden. Viele Frauen fühlen in der Folge Beklemmung und Angst vor ihrem Partner.
Nicht in der Studie erfasst sind die manchmal tödlichen Folgen der Gewalt. 2009 gab es 79 Frauenmorde – Morde an Frauen, weil sie Frauen sind. Diese Daten wurden vom Frauennetzwerk gegen Gewalt (Red de Mujeres contra la violencia, RMCV) herausgegeben. In den offiziellen Statistiken gibt es die Kategorie „Frauenmord” nicht. Frauenmorde werden als Mord oder Totschlag klassifiziert. Eine Möglichkeit, die Tatsachen zu verdrängen und die strukturellen Probleme hinter den Frauenmorden zu vertuschen. Die Frauenbewegungen in Nicaragua wehren sich: Unter Federführung unserer Partnerinnenorganisation Movimiento de Mujeres de María Elena Cuadra (MEC) wurde dem Parlament ein Gesetz vorgelegt, welches ebenjene juristische Lücke schließen soll. Die Zahlen zeigen, dass ein solches Gesetz notwendig ist: 2010 wurden zehn Morde an Frauen mehr registriert als noch im Jahr davor, 89 insgesamt. Nur neun Männer befinden sich derzeit wegen Mord an einer Frau in Haft, 33 warten auf einen Urteilsspruch, zwei sind auf freiem Fuß, fünf haben Suizid begangen. Von 50 weiteren Tätern, also mehr als der Hälfte, fehlt jede Spur. Von den 89 Frauen waren neun sogar unter 15 Jahre alt. Sie wurden vor der Tat vergewaltigt oder sexuell missbraucht. Allein im Januar 2011 wurden acht Frauen getötet.
In den Medien werden die Morde laut RMCV oft als „Verbrechen aus Leidenschaft” dargestellt und die Mörder als Psychopaten. Diese Erklärung reicht jedoch nicht weit genug. In den meisten Fällen handelt es sich um Täter aus dem familiären Umfeld oder um den Partner. Dies weist ebenso wie die Zahl der Gewalttaten insgesamt – nicht nur derer, die im Tod der Frau gipfeln – deutlich darauf hin, dass endlich auch seitens des Staates effektiv gegen die patriarchalen und machistischen Strukturen angegangen werden muss.
Leider geschieht in Nicaragua eher das Gegenteil: Seit 2006 gibt es eines der restriktivsten Gesetze gegen Schwangerschaftsabruch. Seitdem sind viele Frauen gestorben, denn selbst wenn das Leben der Schwangeren oder des Kindes gefährdet ist, darf nicht abgetrieben werden. Diese Entwicklungen zeigen, dass die Politik nicht daran interessiert ist, ein neues Frauenbild zu fördern.



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