presente 20 Jahre CIR

Wir müssen Brücken bauen

Gespräch mit Thomas Krämer (CIR/Managua) über die Neuorientierung der CIR-Arbeit in den letzten Jahren.

Thomas, die CIR ist groß geworden mit ihrem Einsatz für die Befreiung der unterdrückten Bevölkerung in El Salvador und für die Ziele der sandinistischen Revolution in Nicaragua. Heute tritt die CIR eher mit Themen wie “Saubere Kleidung” oder “Kinderarbeit” in Erscheinung. Welche Veränderungen haben zur neuen Schwerpunktsetzung geführt?

Für Mittelamerika liegt es auf der Hand: In den 80er Jahren herrschte in El Salvador, Nicaragua und Guatemala Krieg mit brutalen Massakern und Vertreibungen. In El Salvador und Guatemala waren die politischen Freiheiten wegen der Unterdrückung der Opposition de facto außer Kraft gesetzt. Dies alles fand im Kontext des Kalten Krieges statt, bei dem die CDU-Bundesregierung fast bedingungslos zur USA stand – und damit auf Seiten unterdrückender Regierungen. Die Dramatik der Situation orientierte die Themen der CIR-Solidarität. Ganz anders in den letzten Jahren: Die Kriege sind beendet, demokratische Verhältnisse setzten sich mehr und mehr durch – ohne dass jedoch die sozialen Probleme einer Lösung näher kamen. Eine Solidarität mit der armen Bevölkerungsmehrheit in Mittelamerika ist heute wichtig wie eh und je, doch die konkreten Ansatzpunkte liegen nicht so klar auf der Hand.

Es gibt auch andere Voraussetzungen für die CIR-Arbeit in Deutschland.

Ja, der Hauptgrund dafür liegt jedoch in den genannten Veränderungen in Mittelamerika. Während bis Ende der achtziger Jahre in unseren Medien über Mittelamerika als einem der wichtigsten weltweiten Krisenherde kontinuierlich berichtet wurde, ist die Region heute fast aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden. Es sei denn, eine Naturkatastrophe ist für einige Tage eine Sensationsberichterstattung wert. Die Folgen für unsere Solidaritätsarbeit sind offensichtlich. Es gibt kein selbstverständliches Interesse mehr an Mittelamerika.
Und noch eine weitere, vielleicht wichtigere, Veränderung betrifft unsere Arbeit: Die Zeit der Suche nach den großen gesellschaftlichen Alternativen und der Theoriedebatten ist vorbei. Diejenigen unter uns, die sich von dem Schicksal der Menschen in der Dritten Welt berühren lassen, sind eher an konkreten Veränderungen interessiert.

Am stärksten gilt dies wohl für die politische Öffentlichkeitsarbeit?

Vereinfacht gesagt hat die CIR einen Wechsel von der länderbezogenen zur themenorientierten Arbeit vollzogen. Nicht mehr die aktuelle Situation in El Salvador, Nicaragua oder Guatemala steht im Mittelpunkt, sondern länderübergreifende Themen wie die Rechte arbeitender Kinder, die Befreiungstheologie heute, die Auswirkungen der Globalisierung oder die Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie. Die Konstante in unserer Arbeit ist das, was die CIR-Identität ausmacht: Die christliche Mittelamerikasolidarität. Wir haben uns nicht für Beliebigkeit entschieden, sondern suchen nach Themen, die für die Menschen in Mittelamerika von großer Bedeutung sind und gleichzeitig dazu geeignet sind, hier bei uns das Interesse nicht nur von ExpertInnen oder Mittelamerika-Begeisterten zu wecken.

Wie ist die Resonanz auf dieses Vorgehen?

Die Resonanz hängt ab vom jeweiligen Thema, aber auch von der Art und Weise, in der wir es in die Öffentlichkeit bringen. Das bei weitem größte Interesse hat in den vergangenen Jahren unsere Arbeit im Rahmen der Kampagne für 'Saubere' Kleidung gefunden. Das Erfolgsrezept lag dabei sicher auch in der Zusammenarbeit mit den anderen Trägerorganisationen der Kampagne. Insgesamt hat sich in den letzten Jahren das Interesse an unserer Arbeit permanent erhöht.

Ist die Neuorientierung der CIR-Arbeit ganz unproblematisch verlaufen? Gab es keine internen Widerstände?

Tatsächlich ist nicht allen CIR‘lerInnen die stärkere Orientierung an Themen, die auf hiesige öffentliche Resonanz stoßen, ganz leicht gefallen. Wer über viele Jahre die politischen Entwicklungen der Partnerländer verfolgte, am Leid der unterdrückten Menschen Anteil nahm, dessen Herz hängt an diesen Ländern. Vielleicht muss man anerkennen, dass die Situation in Mittelamerika heute bei uns nicht mehr so Viele interessiert – es sei denn, es gelingt uns Brücken zu bauen zur Lebenswirklichkeit der Menschen hier. Dazu eignet sich bei weitem nicht jedes Thema, das vor Ort vielleicht große Bedeutung besitzt.

In die Kampagne für 'Saubere' Kleidung hat die CIR viel Kraft investiert

Unser wichtigstes Ziel ist es, dass die Unternehmen des Bekleidungshandels erstens ihre Verantwortung für die Art und Weise, unter der ihre Ware hergestellt wird, übernehmen, zweitens soziale Mindeststandards akzeptieren und drittens diese unabhängig überprüfen lassen. Heute gibt es quasi kein Unternehmen mehr, dass öffentlich seine Mitverantwortung für die Arbeitsbedingungen bei den Zulieferbetrieben ablehnt.

Unser größter Erfolg im Rahmen der Kampagne für 'Saubere' Kleidung ist bislang vielleicht, die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie in Mittelamerika und anderswo zum öffentlichen Thema gemacht zu haben. Den Unternehmen ist klar, dass sie reagieren müssen.

Hat es sich auch für die Betroffenen in Mittelamerika gelohnt?

Die Veränderungen in der Geschäftspolitik der Bekleidungskonzerne wirken sich nur langsam auf die Beschäftigten ihrer Zulieferer aus. Nur dort, wo Kontrollen durchgeführt wurden, gibt es heute bessere Arbeitsbedingungen. In Fällen von konkreten Verletzungen der Arbeits- und Menschenrechte bei den Zulieferern deutscher Bekleidungsunternehmen, die uns bekannt wurden, konnten wir durch Eilaktionen und durch direkte Gespräche Verbesserungen erreichen. Die wichtigste Arbeit in diesem Bereich leisten jedoch unsere PartnerInnen in Mittelamerika über ihre Ausbildungs-, Rechtsbeistands- und Öffentlichkeitsarbeit. Über unseren Solidaritätsfonds konnten wir auch verschiedene Organisierungsbemühungen in Mittelamerika unterstützen. Aber alle Beteiligten wissen: Wir brauchen einen langen Atem.

© 2010 Christliche Initiative Romero e.V.