Artikel Das Leben ist hart hier aus der presente 3/2004

Das Leben ist hart hier

Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt San Salvador verwandelt sich das zunächst grüne Idyll schnell zu einem stinkenden Moloch...

Es ist schwül und die Abgase der Autos stehen in der morgendlichen Luft. Meine erste Station ist die Frauenorganisation Mélida Anaya Montes, kurz MAM genannt. Dort laufen gerade die Vorbereitungen für die geplante Feier. Bereits seit 12 Jahren kämpfen die Melidas, wie sich die Mitglieder des MAMs nennen, für Gleichheit und Gerechtigkeit der Geschlechter. Dass muss gefeiert werden und auch ich bin dazu eingeladen. Bunt geschmückt ist der Raum mit violett-weißen Bändern und Luftballons. Frauen zwischen 15 und 70 Jahren treffen nach und nach ein. Bei den heißen Debatten beklagt Carla, die seit Jahren bei den Melidas arbeitet, dass sich in den 70 Tagen der Regierung Saca ihre Situation erheblich verschlechtert hat: Die Elektrizität, sowie der öffentliche Nah- und Fernverkehr wurde teurer. Seine Politik führe zu mehr Arbeitslosigkeit. Und seine uneingeschränkte Unterstützung der US-amerikanischen Außenpolitik gefährde unsere Söhne, die in den Irak ziehen müssen. Tosender Applaus der Melidas folgt. Nachdem Beschlüsse für das nächste Jahr getroffen wurden, beginnt der informelle Teil des Festes.

Maras im Viertel

Beim Mittagessen erzählt mir meine Tischnachbarin Maritza von ihrer Arbeit als Menschenrechtspromotorin bei den Melidas. In ihrem Stadtviertel unterstützt sie die Maquila-Arbeiterinnen, wo sie kann. Mit Geld, falls es für die Milch der Kinder nicht reicht oder mit Tipps und Ratschlägen, wie sich die Frauen besser in ihrer Situation behaupten können. Dass Leben dort ist sehr gefährlich. Die Jugendbanden, Maras genannt, deren ursprüngliche Mitglieder aus den USA zurückgekehrte straffällige Jugendliche waren, haben den Stadtteil nahezu unter Kontrolle. Die im Wahlkampf vom konservativen Saca propagierte Politik der harten Hand hat nichts gebracht vielmehr die Situation verschärft. Heute kann jeder Jugendliche verhaftet werden, der eine Tätowierung trägt, die auf eine Mitgliedschaft in einer Jugendbande hinweist. Ob er straffällig geworden ist, spielt keine Rolle. Durch diese Willkür eskalierte die Gewalt und dies wurde dem 19-jährigen Sohn von Maritza zum Verhängnis: auf dem Weg zu seiner Freundin erschossen ihn Mitglieder einer Mara. Eine juristische Aufklärung des Falls findet nicht statt. „Das Leben ist hart hier“, sagt die Mutter von zwei Kindern, bevor sie sich in den Kreis mit den anderen Frauen reiht, um gemeinsam zu singen und den Geburtstag der Melidas zu feiern.

Fernsehteam filmt vor Ort

Nachdem ich einige Interviewtermine vereinbart habe, treffe ich mich am folgenden Tag mit Mike L., einem Journalisten der ARD. Er ist in der Stadt, um über die Situation der Maquila- ArbeiterInnen zu berichten. Gemeinsam fahren wir zu den Toren der Weltmarktfabrik Chi - Fung, die u.a. für adidas produziert. Es ist 6:30 Uhr. Massenhaft strömen um diese Zeit ArbeiterInnen zu den mit Stacheldraht umzäunten Werkstoren. An den kleinen Imbissbuden, die von der Bushaltestelle bis vor die Tore der Fabrik sich aneinander reihen, versuchen wir mit NäherInnen ins Gespräch zu kommen. Doch sie haben Angst, ihren Job zu verlieren und sind nicht bereit über ihre Arbeitssituation zu sprechen – außer Laura. Sie arbeitet seit fünf Jahren bei Chi-Fung und leidet unter den schlechten Arbeitsbedingungen. „Falls ich auf die Toilette gehen möchte, werde ich durch die in den Kameras installierten Mikrofone zurecht gewiesen. Meine KollegInnen und ich trinken daher sehr wenig. Und einige wurden davon krank. Doch einen Arzt aufzusuchen ist schwierig. Die VorarbeiterInnen erlauben dies erst nach einem Besuch der fabrikeigenen Krankenstation. Dort erhalten wir dann meist Schmerzmittel, damit wir weiterarbeiten können. Einige KollegInnen nehmen Schmerz- und Aufputschmittel sogar regelmäßig ein. So können sie dem hohen Arbeitsdruck besser standhalten. Insbesondere jetzt vor den Olympischen Spielen, wo sich das Arbeitssoll stark erhöht hat. Die VorarbeiterInnen treiben uns permanent zur Eile. Wenn wir das Arbeitssoll nicht erfüllen, schreien sie uns an und zwingen uns, länger zu arbeiten. Diese Überstunden werden uns nicht bezahlt. Erst spät verlassen wir dann die Fabrik.“

Waffen und Prostitution

Nach Einbruch der Dunkelheit ist es gefährlich allein auf der Straßen zu sein. Hier wird selbst das kleinste Geschäft von mindestens einem bewaffneten Wächter geschützt. Am nächsten Tag treffen wir Tina, eine Arbeiterin aus Hermosa, ebenfalls ein Zulieferer von adidas. Tina ist im sechsten Monat schwanger und arbeitet seit rund einem Jahr in der Fabrik. Sie erzählt ebenfalls von der permanenten Kontrolle und dem starken Arbeitsdruck: So darf sie maximal zweimal pro Tag auf die Toilette. Für eine schwangere Frau eine Zumutung. Auch ihr Lohn ist zu gering, dass sie ihre zukünftige Familie davon ernähren könnte. Marina Rios, Promotorin des MAM, bestätigt dies: „ Die meisten Arbeiterinnen sind alleinerziehende Mütter. Für sie und ihre Kinder reicht der gezahlte Monatslohn von 151 Dollar, was dem gesetzlichen Mindestlohn entspricht, nicht aus. Viele der NäherInnen arbeiten nachts zusätzlich als Prostituierte, um über die Runden zu kommen. Eine zunehmende Anzahl von HIV –Infizierten Maquila-Arbeiterinnen ist die Folge. Deswegen startete selbst das Gesundheitsministerium eine Kampagne in den Fabriken um den Frauen den Gebrauch von Kondomen nahezulegen. Aber für zwei Dollar mehr machen die Frauen es häufig auch ohne.“ Um ihre Aussage zu überprüfen, fahren wir nachts gemeinsam zum Straßenstrich. Die erste Prostituierte, die wir dort antreffen, arbeitet nicht in einer Maquila. Ihre Kollegin Marta hingegen schon. Auffallend ist die unterschiedliche Kleidung der beiden Frauen: während die eine ihrem Gewerbe entsprechend gekleidet ist – mit Minirock, enganliegender, teilweise geöffneter Bluse und hohen Pumps, trägt Marta einen schlichten Rock, der ihr Knie bedeckt und flache Schuhe. Wie eine Prostituierte wirkt die Mutter von drei Kindern nicht. Zurückhalten erzählt uns Marta, dass sie hier auf der Straße arbeiten muss, um für ihre Kinder das Nötigste zu bezahlen. Sie lebt allein und ihr Gehalt in der Maquila reicht nicht. Marina gibt Marta zum Abschluss des Gesprächs die  isitenkarte der Melidas und fordert sie auf, dort vorbeizukommen. Für diese Frauen bieten die Melidas oft  die einzige Möglichkeit über ihre Probleme zu sprechen, sowie Unterstützung zu finden.

© 2010 Christliche Initiative Romero e.V.