Artikel Maquila oder Migration? aus der presente 3/2004

Maquila oder Migration?

Die Geschichte von Carla Rodriguez

Carla Rodriguez ist 21 Jahre alt und wohnt im Stadtteil El Rodeo in Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, in der Nähe des Flughafens und der Zona Franca Las Mercedes, in der mehrere Tausend Männer und Frauen in den Weltmarktfabriken, den sogenannten Maquilas, Arbeit gefunden haben. Heute morgen nimmt Carla mit ihrer Freundin Jeanethe an einem Workshop der Frauenorganisation Movimiento de Mujeres María Elena Cuadra (MEC) teil. Es geht um CAFTA, das Freihandelsabkommen mit den USA, und seine Auswirkungen auf Nicaragua im allgemeinen und auf die nicaraguanischen Frauen im Besonderen. „Die nicaraguanischen Bauern und Bäuerinnen werden gegen die billigeren Produkte aus den USA nicht konkurrieren können“, wird befürchtet. „Noch mehr Menschen werden ihr Einkommen verlieren“ ...und in den USA oder Costa Rica ihr Auskommen suchen. So wie Carla. Nach dem Abitur ging sie nach Costa Rica und arbeitete dort in Jobs, die kaum jemand machen möchte: als Serviererin in Bars, als Hausangestellte... Sie verdiente nicht schlecht, zumindest im Vergleich zu dem, was sie in ähnlichen Jobs in Nicaragua verdienen würde, wenn sie überhaupt Arbeit gefunden hätte. Nach offiziellen Schätzungen verlassen täglich 300 NicaraguanerInnen das Land, um vor allem in den USA und Costa Rica aber auch in Mexiko und Guatemala Arbeit zu finden. Man schätzt, dass aktuell etwa eine Million NicaraguanerInnen im Ausland leben, was in etwa der Einwohnerzahl Managuas entspricht (5,2 Millionen EinwohnerInnen zählt Nicaragua insgesamt).

Dollar aus dem Ausland

Das Geld, das Carla in San José verdiente, schickte sie mehrheitlich nach Hause, zu ihrer Mutter, die die fünf Geschwister und die Großmutter versorgen musste. „Remesas“ nennt man diese Geldsendungen der ArbeitsmigrantInnen in ihre Heimat. Sie machen 19 Prozent des Bruttoinlandprodukts Nicaraguas aus. In jeder ländlichen Kleinstadt Nicaraguas gibt es inzwischen mindestens ein Büro von us-Firmen, die Geld telefonisch anweisen – deren bekannteste ist Western Union. Diese Büros sind inzwischen integraler Bestandteil des ländlichen Raumes, in den Städten findet man sie natürlich auch. Laut interamerikanischer Entwicklungsbank liegen die Remesas in Höhe von 788 Millionen US-Dollar jährlich über dem, was Nicaragua durch den Export nicaraguanischer Produkte erwirtschaftet. „Einzig und allein die repressive Migrationspolitik des Nachtbarstaates Costa Rica“, so der nicaraguanische Soziologe und Ökonom Oscar René Vargas, „kann die steigende Zahl emigrierender Nicas aufhalten.“ Seit den 80er Jahren habe es drei Phasen der Migration gegeben: die erste von 1980 bis 1984, in der die das Land verließen, die von den regierenden SandinistInnen verfolgt worden seien; die zweite von 1984 und 1987: Migration, um dem Kriegsdienst zu entgehen; und schließlich die dritte Phase von 1989 bis heute: die ökonomisch motivierte Migration. Vargas glaubt nicht, dass sich diese Entwicklung mittelfristig ändere, denn das prinzipielle Problem sei die hohe Arbeitslosigkeit und die fehlenden Einkommensmöglichkeiten im Lande.

Alternative Maquila

Migration oder Arbeit in den Maquilas, den Weltmarktfabriken für Bekleidung, lauten die beiden Alternativen. Jeanethe Martínez arbeitet wie Carla seit einem halben Jahr in der Zona Franca Las Mercedes in der Fabrik Hansae. Sie hat Verwaltungswissenschaften studiert – und keine Arbeit bekommen. Sie lebt in einem Unterschichtviertel im Westen Managuas. Mehr als die Hälfte aller dort lebenden Familien hat mindestens ein Familienmitglied im Ausland. Suchten früher vor allem Männer im Ausland ihr Glück, emigrieren heute immer mehr junge Frauen. Das ist in Jeanethes Stadtteil fast schon ein Problem, denn immer mehr Haushalte werden von Großmüttern geführt, von alleinstehenden älteren Frauen, die die Enkel versorgen, während ihre Töchter oder Söhne in Costa Rica oder sonstwo Arbeit suchen. Endlich Legalität Seit in den USA jedoch 1997 die dort ohne Aufenthaltsberechtigung und Arbeitserlaubnis lebenden NicaraguanerInnen „legalisiert“ wurden und damit die offizielle Zahl der nicaraguensischen ArbeitsmigrantInnen in den USA um 180.000 anstieg, ist auch ein Anstieg der nach Nicaragua gesendeten Remesas zu verzeichnen. 1997 schickten gerade 48 Prozent der in den USA lebenden NicaraguanerInnen Geld in ihre Heimat, heute sind es zwischen 75 und 80 Prozent. Durch die Klärung ihres aufenthaltrechtlichen Status waren für viele in den USA illegal lebenden NicaraguanerInnen regelmäßige Besuche in ihre Heimat wieder möglich; und es bestand andererseits nicht mehr zu efürchten, über den Geldtransfer als illegal in den USA lebend aufzufliegen. Und anders als in den 80er und 90er Jahren kehren viele emigrierende NicaraguanerInnen nach kurzer Zeit wieder in ihre Heimat zurück. „Das Phänomen der definitiven Migration ist von dem der zirkulierenden Migration abgelöst  worden,“ so der Soziologe Vargas. „Viele gehen nur für sechs oder zwölf Monate ins Ausland.“ So wie Carla, die, nach dem sie ihr zweites Kind erwartete, nach Nicaragua zurückkehrte. „Ich wusste in Costa Rica nicht, was ich mit den zwei kleinen Kindern machen sollte, während ich arbeitete. Hier kann ich sie bei meiner Mutter lassen.“ In der Maquila Hansae verdient Carla jedoch nur halb so viel wie in Costa Rica, und sie ist sich sicher, dass sie dorthin zurückkehren wird.

© 2010 Christliche Initiative Romero e.V.