„Die politische Stabilisierung hat einen schweren Schlag erlitten“
Münster, 29. Januar 2010. Heiner Rosendahl, Vorstandsmitglied der Christlichen Initiative Romero, ist Mitarbeiter der UN-Mission in Haiti. Durch das schwere Erdbeben in Haiti wurde auch der Hauptsitz der Mission in Port-au-Prince, wo 200 bis 250 Mitarbeiter tätig waren, zerstört. Heiner Rosendahl hat die Katastrophe vor Ort miterlebt. Er blieb unverletzt und nahm bereits kurze Zeit nach dem Erdbeben wieder seine Arbeit für die Vereinten Nationen in Haiti auf.
Heiner Rosendahl hat uns einen persönlichen Bericht über die Ereignisse und die Situation in der Katastrophenzone Haiti übermittelt:
„Am 12. Januar war ich um 16.50 Uhr gerade in einem Gespräch mit meinem jungen Kollegen Matteo über die Schnell-Impact-Projekte. In diesem Jahr haben wir drei Millionen US-Dollar, um Projekte in Haiti zu unterstützen. In einigen Provinzen sind meine Kollegen aber spät dran mit den Mittelzusagen.
Als die Erde sich bewegte, war uns beiden sofort klar: Erdbeben. Ein Augenblick: rausrennen. Ich war wenige Meter hinter Matteo. Auf meinem ebenerdigen Balkon kam mir der Gedankenblitz, dass unser sechsstöckiges Hauptgebäude in meine Laufrichtung fallen könnte, bevor ich außer Reichweite wäre. Es fielen auch schon Brocken von oben herunter. Also zurück in mein Büro in eine Ecke. Das Rumpeln der Erde war so massiv, dass ich die Entscheidung bereute und mein Ende voraussah. Dann war es plötzlich zu Ende. Ich sah nichts mehr vor lauter Staub und Dreck, außer ein wenig Licht von meiner Balkonseite. Durch dieses Loch gelang es mir, nach draußen zu kommen.
Meine Augen, meine Nase, der Mund waren belegt mit Staub. Ich stieg vor meinem Büro auf Beton, der vorher nicht dagewesen war. Als ich ein wenig sehen konnte, suchte ich das Bürohauptgebäude – aber da war nur noch Himmel. Ich merkte, dass ich auf dem Dach des Bürogebäudes stand, das offenbar vom sechsten Stockwerk nach hinten weggeglitten und auf mein kleines Bürogebäude gestürzt war. Wie ich später feststelle, hatte die Hälfte der Betondecke in meinem Büro sich bis auf den Boden runtergedrückt. Wie durch ein Wunder hatte ich die richtige Zimmerecke gewählt, war dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen. Am 12. Januar habe ich einen zweiten Geburtstag gefeiert.
Doch dann schaute ich noch einmal in den Himmel, wo vorher die Büros gewesen waren. Kais Büro, Andrews, das des Chefs der Mission, das seines Stellvertreters, die der vielen anderen, die Andrew und ich am Samstag vorher zu uns nach Hause eingeladen hatten, um auf das neue Jahr anzustoßen – die gesamte Führungsriege der Mission.
Unter den Trümmern vor meinem Büro, eben unter jener Betondecke des Gebäudes, hörte ich ein Rufen. Mit einem kolumbianischen Polizisten holten wir einen haitianischen Kollegen heraus, dessen Beine zwischen den Betonteilen feststeckten.
Heute war ich noch einmal vor den Ruinen des UN-Hauptquartiers, die einmal das Zentrum bildeten, von wo die Stabilisierung Haitis ausging. Die politische Stabilisierung hat einen schweren Schlag erlitten.
Weiterleben, weiterarbeiten: Wir sind dabei, uns zu reorganisieren und uns mit anderen zu organisieren. Wir haben nicht nur die ganze Infrastruktur der politischen und inhaltlichen Abteilungen, sondern auch die „Command and control“-Leute – auf Deutsch eher „Leitung“ – verloren, aber Gott sei Dank gibt es ja unsere Verwaltungs- und Logistikzentrale am Flughafen, die intakt geblieben ist.
Heute Morgen hat ein dänischer Kollege Klopfzeichen gegeben, und nach weiteren sechs Stunden konnten die Rettungskräfte ihn unverletzt bergen – nach fünf Tagen. Er ist der einzige aus meiner Abteilung, der fehlte. Ich war gerade dort, als sie ihn rausholten.
Bislang sind die Menschen sehr ruhig. Es gibt keine weit angelegten Plünderungen und kaum Gewalt. Wenn ein zusammengestürzter Supermarkt geplündert wird, ist es auch die Schuld der Besitzer, nicht sofort den Supermarkt zu räumen, da waren ja auch Menschen drin. Wir sehen das, wie unser neuer Leiter es ausgedruckt hat, recht gelassen.
Ich bin noch nicht so pessimistisch in Bezug auf diesen Aspekt. Aber das Land ist so zerstört, vor allem auch die öffentliche Verwaltungsinfrastruktur. Wie will die Regierung die nächsten Gehälter zahlen für Lehrer, Ärzte, Richter, Polizisten? Und wie will man das Land wiederaufbauen? Die Fotos mit dem eingestürzten Palast gehen um die Welt, aber es sind auch alle Ministerien eingestürzt. Die Regierung operiert von einer Polizeistation neben unserer Logistikzentrale. Es scheint alles zu sein, was noch steht.
Betroffen ist im Wesentlichen die Region Port-au-Prince, weil hier auch das Epizentrum war, darüber hinaus Jacmel im Südosten. Les Cayes im Süden und Miragoane sind wohl mit leichteren Schäden davongekommen. Zur Region Port-au-Prince zählen aber schon wohl drei Millionen Menschen. Ein Drittel der Menschen in Haiti. Inzwischen ist die internationale Hilfe angelaufen.
Beim Erdbeben sind alle Häftlinge des Hauptgefängnisses von Port-au-Prince entkommen, über 4000 Insassen. Die Gelegenheit genutzt haben auch die Häftlinge in Miragoane sowie in Damassin. Organisierte Kriminalität wird wieder leichter Fuß fassen und unsere Bemühungen um Jahre zurückwerfen.
Ich bin aber optimistisch.“

- Gespenstische Ruinenlandschaften: Die Folgen des schweren Erdbebens in Haiti prägen überall das Bild. Foto: United Nations

