Nichts von Romero zu lernen?

Globalisierung von oben und unten
Die Aktualität Romeros zeigt sich durch seine Präsenz im Straßenbild San Salvadors.
Die Aktualität Romeros zeigt sich durch seine Präsenz im Straßenbild San Salvadors.

Wenn wir heute, 25 Jahre nach der Ermordung Romeros, danach fragen, was von ihm zu lernen ist, bleibt auf den ersten Blick nicht viel: Die Zeiten haben sich geändert. Das prophetisch eindeutige Wort, das sich scheinbar in der unmittelbaren Repression (seiner Ermordung) bewahrheitete, trifft heute auf eine veränderte Welt.

Diese Welt ist voller Komplexitäten, weltweiter Abhängigkeiten, dem Fehlen überzeugender Alternativen, großer Projekte und der Allgegenwärtigkeit der Politik der kleinen Schritte und der Selbstbescheidenheit. Aber was von Romero bleibt, ist nicht die Tatsache, dass sich ein Bischof in einer von Terror und Krieg geschlagenen Gesellschaft auf die Seite der Armen gestellt hat, sondern die Erkenntnis, dass die Welt aus verschiedenen Perspektiven wahrgenommen werden kann und dass es letztlich eine Entscheidung ist, die Welt aus der Perspektive der Armen, derjenigen, die Brot, Gesundheit, Bildung und Partizipation fordern, wahrzunehmen. Und das schließt gleichzeitig aus, die Welt aus der Perspektive derjenigen wahrzunehmen, die behaupten, es sei alles gut so und nicht anders machbar, und es bedeutet, einzusehen, dass, selbst wenn alles gut wird, es dann für viele zu spät ist.

Globalisierung von oben

Aus einer solchen Perspektive, wie Romero sie einnahm, erscheinen die gegenwärtigen Verhältnisse, die man gerne Globalisierung nennt, als ein System der Ausweglosigkeit und der phantasielosen neoliberalen ökonomischen Konzepte. Die uns angediente Globalisierung aber ist nichts anderes als eine Krise des Kapitalismus, der die zunehmenden Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und seine kriegerischen Konfl iktlösungen allerdings immer schwerer verbergen kann. Neu an dieser Situation ist, dass Armut und Elend sich ebenfalls globalisieren. Auch die Zentren bleiben davon nicht mehr verschont. Arbeitslosigkeit und Armut in allen Formen gibt es nun auch in den industrialisierten Ländern des Nordens und Profi teure dieser Globalisierung auch in den Ländern des Südens. Zunehmend werden diese Verhältnisse in den multinationalen Konzernen und im Finanzwesen global organisiert.

Globalisierung von unten

Diese Entwicklungen erfordern eine Globalisierung von unten: Gegen die Globalisierung von Armut, Arbeitslosigkeit, Exklusion und Umweltzerstörung gilt es, eine Universalisierung der Menschlichkeit und des Mitfühlens voranzubringen. Erste Ansätze dafür sind bereits sichtbar: Die großen Globalisierungsproteste, aber auch die Weltsozialforen sind ein Beleg dafür, dass das Nord-Süd-Verhältnis nicht nur von oben bestimmt wird, sondern sich auch von unten neu konfiguriert und Menschen sich auf die Suche nach einer eigenen Globalisierung und Universalisierung machen. Dies wird kein einfacher Weg werden, denn es gilt, von den lokalen und nationalen Erfahrungen ausgehend, gemeinsame Interessen und Strategien zu entwickeln. Dabei kann es weder um die Übernahme der Paradigmen des Südens-noch um eine Übernahme westlicher Paradigmen gehen, sondern um eine Verflechtung der unterschiedlichen lokalen und nationalen zivilgesellschaftlichen Widerstandsformen.

Der Austausch zwischen Nord und Süd darf also heute weniger denn je eine Einbahnstraße sein: Er muss mehr sein als ein Austausch zwischen „Soli-Gruppen“ hier und NROs im Süden, die sich im Projektmanagement treffen. Er muss vielmehr ein Austausch in beide Richtungen zwischen „Gleich(en)-Engagierten“ sein. So käme es z.B. darauf an, in gemeinsamen Auseinandersetzungen Armutsverhältnisse im Norden und im Süden so miteinander zu vermitteln, dass die einen nicht gegen die anderen ausgespielt werden können. Für uns in den mächtigen Industrieländern ist dies natürlich eine doppelte Herausforderung: Sind wir bereit, die Welt aus der Perspektive der Armen wahrzunehmen, folgert daraus auch, die Armut, Ungerechtigkeit und Ungleichheit im eigenen Land zu erkennen und sich gegen sie zu stellen – und gleichzeitig Wege zu suchen, die nicht zu Lasten der Armen in den Ländern des Südens gehen. Eine Überwindung ungerechter, gewalttätiger Weltverhältnisse setzt neue Allianzen zwischen Nord und Süd voraus. Es gibt langfristig keine Alternative zu einer solchen „Globalisierung von unten“.

Die Aufgabe von ChristInnen

Es scheint sehr wenig, angesichts der drückenden Hegemonie dieser neoliberalen Globalisierung von einer noch abstrakten „Globalisierung von unten“ zu sprechen. Denn die Themen sind doch offensichtlich: eine zunehmende Vertiefung des Gegensatzes von Arm und Reich, Arbeitslosigkeit und eine neue Weltordnung, die wieder auf Kriege und Militarisierung setzt. Aber die wirklichen Probleme liegen dahinter: Fragen der Hoffnung, der Sprachlosigkeit, der Suche nach Menschen, die die Empörung, den „Schrei“ teilen und die Kritik wagen.

Als ChristInnen haben wir eigentlich einen reichen Fundus, aus dem wir schöpfen könnten. Denn am Anfang unserer Tradition steht ja eine solche „Globalisierung von unten“ – oder theologisch: Katholizität. Die ersten ChristInnen folgten der Logik entgrenzender Praxis der Gerechtigkeit, die an den Grenzen des Eigenen nicht Halt machte. Diese Praxis besaß wirklich globalisierende und universalisierende Dynamik und war deshalb in der Lage, verschiedensten Menschen eine glaubwürdige Heilsverheißung zu machen. Sie sind von ihrer Umwelt nicht als religiöse Gemeinschaft wahrgenommen worden, sondern als solidarische „Mahl“- und „Teil“-Gemeinschaft, die sich nicht an ethnische, konfessionelle oder geschlechterspezifische Grenzen hielt.

Heute sind die Kirchen und die ChristInnen von solcher Praxis weit entfernt und es sollte uns nachdenklich machen, dass unsere Stimme in der globalisierungskritischen Bewegung viel zu selten vernehmbar ist. Gerade heute besteht unsere Aufgabe darin, Teil einer Bewegung zu werden, die im „Widerspruch zum Geist des Systems“ (Paulus) lebt. Nur dann können auf mittlere Sicht neue Alternativen, Hoffnungen und Utopien formuliert werden. Nur aus solchen Gemeinschaften und sozialen Bewegungen heraus, die zurzeit nur anfänglich und unverbunden existieren, kann die notwendige Frage nach einer Universalisierung der Hoffnung und der Menschenrechte gestellt werden.

Von Romero lernen

Gefordert ist die Arbeit an dem, was heute noch über unsere Vorstellungen hinausgeht, so wie auch das utopische Projekt Jesu weit über die Veränderungsvorstellungen aller Gruppierungen seiner Zeit hinausging. Jon Sobrino hat einmal in einer Überlegung zu Romero gesagt: „Wir müssen die Geschichte der Unmenschlichkeit umkehren und eine Menschheitsfamilie begründen, in der wir alle als Söhne und Töchter Gottes leben können.“ Manche historische Situation und Erfahrung (wie die in El Salvador) erleichtert tragischerweise die Artikulation solcher Sätze, und trotzdem haben sie heute die gleiche unbedingte Bedeutung.


Michael Ramminger ist Theologe und Mitarbeiter des Instituts für Theologie und Politik, Münster