Diesen Fragen ging die Christliche Initiative Romero im Rahmen ihrer Herbsttagung mit zahlreichen TeilnehmerInnen aus ganz Deutschland auf den Grund. ExpertInnen aus Industrie und Zivilgesellschaft beleuchteten die Möglichkeiten und Grenzen der individuellen Kaufentscheidung. Das vielfältige Tagungsprogramm wurde durch interaktive Arbeitsgruppensessions abgerundet, mit der Absicht, die Auswirkungen der eigenen Kaufentscheidung zu ergründen.
Nachhaltigkeit im Supermarkt?
Zu Beginn der Tagung zeigte Bernward Geier aus dem Pro Planet-Beirat von Rewe auf, wie man eine Nachhaltigkeitsstrategie auch in großen Supermarktketten einführen kann. Anhand des blauen Pro Planet-Labels auf bestimmten Produkten kann der Kunde nachvollziehen, wo das entsprechende Lebensmittel produziert wurde. Immer mehr Rewe-Produkte tragen mittlerweile das Label, welches Verbraucher beim Kauf unterstützen und Orientierung bieten soll. Geiers Fazit: „ Nach zwei Jahren Pro Planet-Beirat sind wir auf einem guten Weg aber noch nicht am Ziel. Es stehen uns viele positive Herausforderungen bevor.“
Dass private Kaufentscheidungen jedoch nicht notwendige politische Regulierungen ersetzen können, argumentierte Gisela Burckhardt, aktiv in der Kampagne für Saubere Kleidung und Vorstandsmitglied bei FEMNET, im Anschluss der Präsentation des Pro Planet- Beiratsmitglied und Netzwerkers Bernward Geier. Sie appellierte an die soziale Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsibiltiy, CSR) von Konzernen bezüglich der Einhaltung von Sozialstandards in der Produktionskette. In den sogenannten Nachhaltigkeitsstrategien der Unternehmen hätte die Ökonomie leider immer den Vorrang. Sie stellte die Frage, ob die Auszeichnung von circa 100 Produkten mit dem Pro Planet-Label aus über tausenden Rewe-Produkten tatsächlich als nachhaltig zu bezeichen ist oder vielmehr ein Zeichen von Schönfärberei ist – ein Trend vieler Unternehmen sich mit sozialen Schmalspur-Aktivitäten einen grünen, fairen Anstrich zu geben.
Faire Alternative
Maria Elena Medina Vallejos von der nicaraguanischen Nähkooperative Nueva Vida machte deutlich, dass faire Arbeitsbedingungen auch in der Bekleidungsbranche möglich sind. In einem eindringlichen Vortrag stellte sie das Prinzip der fairen Nähkooperative Nueva Vida vor und betonte die Wichtigkeit dieser bisher noch raren ArbeiterInnenkooperativen hinsichtlich würdiger Arbeitsbedingungen und existenzsichernder Löhne. Ihre Botschaft an die TagungsteilnehmerInnen: „Solidarität muss von den KonsumentInnen ausgehen. Denn nur wenn sich KonsumentInnen für den Kauf von fair produzierten Textilien interessieren, tragen sie dazu bei, dass die Arbeitsbedingungen und die Löhne der ArbeiterInnen verbessert werden.“
Orientierung im Siegeldschungel
Wege aus dem Siegeldschungel diskutierten Mark Starmanns, CSR-Experte und Mitarbeiter der Uni Zürich, Sophie Koers, Kommunikationsmanagerin der Multi-Stakeholder-Initiative für den Bekleidungssektor Fair Wear Foundation (FWF) und Mecki Naschke vom Insitut für Marktökologie. Naschke forderte, dass die Kriterien von Öko-Labels über die gesetzlichen Mindeststandards hinausgehen müssen, da diese häufig nicht ausreichend sind, um nachhaltigen Umweltschutz und Vermeidung von Gesundheitsschäden zu gewährleisten. Sie machte darauf aufmerksam, dass chlorfrei gebleichtes Papier mittlerweile eine Selbstverständlichkeit im Ladenregal sei, während Kleidung immer noch unter erhöhtem Chlor-Einsatz hergestellt wird. Nicht immer ist dies den KonsumentInnen bewusst. Auch Mark Starmmans rief die KonsumentInnen dazu auf, sich zu „empören“ und von den Unternehmen die Einhaltung von Sozialstandards zu fordern. Er hob hervor, dass die zunehmende Anzahl ethischer KonsumentInnen zwar einen wichtigen Wandel im Konsumbewusstsein signalisiere, jedoch auch, dass ethischer Konsum immer noch nur eine Nische darstelle. Zudem zweifelte er den Zweck der Freiwilligkeit von CSR-Maßnahmen an: „Wie weit kommt man mit Freiwilligkeit?“ Sophie Koers von der FWF informierte in einer erfrischend humorvollen Präsentation über die fast unfassbare Komplexität moderner Produktionsketten in der Bekleidungsindustrie, die strikten Auflagen der FWF an Mitgliedsunternehmen und die Fortschritte, die die stetig zunehmenden Mitgliedsunternehmen hinsichtlich der Einhaltung von Sozialstandards machen. Dennoch betonte sie auch, dass es bisher noch kein 100% fair produziertes Kleidungsstück auf dem Markt gäbe.
Im Anschluss hatten die TagungsteilnehmerInnen die Möglichkeit, brennende Fragen in drei Arbeitsgruppen zu den Themen Labeldschungel, Fair Wear Foundation und Ökostandards wie dem Global Organic Textile Standard (GOTS) an die ExpertInnen zu richten und gemeinsam bestehende Herausforderungen beim ethischen Konsum zu diskutieren.
Unternehmensverantwortung im Visier
Die prominent besetzte abendliche Podiumsdiskussion stellte sicherlich das Highlight der Veranstaltung dar. Andreas Streubig, Bereichsleiter Umwelt- und Gesellschaftspolitik der Otto Group, Lorenz Berzau von der Business Social Compliance Inititiative, Mark Starmanns, CSR-Experte der Uni Zürich und Sandra Dusch Silva, Referentin für Ethischen Konsum der Christlichen Initiative Romero, diskutierten angeregt über die Verantwortung von Unternehmen für die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltschutz in Produktionsländern – gekonnt und pointiert moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Nils Klawitter, Redakteur bei Der Spiegel. Hitzig wurde die Funktion der Unternehmensplattform BSCI (Business Social Compliance Initiative) zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen in der globalen Zulieferkette diskutiert. Sandra Dusch Silva warf der BSCI, vertreten durch Lorenz Berzau, vor, die Bemühungen der Initiative für faire Arbeitsbedingungen seien nicht weitreichend genug, die Einkaufspraxis der Unternehmen fördere sogar die prekäre Arbeitssituation in Produktionsfabriken durch die kurzen Lieferzeiten und stetigen Wechsel der Produktionsstätten. Außerdem fehle die Zahlung eines existenzsichernden Lohnes an die FabrikarbeiterInnen durch die BSCI-Mitgliedsunternehmen. „Uns ist klar, dass der gesetzliche Mindestlohn in den meisten Produktionsländern nicht ausreicht“, gab Berzau zu, verwies aber an die Verantwortung der nationalen Regierungen, die Lohnsituation zu verändern. Das Unternehmen Otto machte seine ersten Gehversuche mit Biobaumwolle Anfang der 90er Jahre - früher als viele KonkurentInnen, und ist im Bereich Unternehmensverwantwortung weiter als die Mehrheit der deutschen Unternehmen. Angesprochen auf die komplexe Produktionskette von Universalhändlern wie Otto, mit mehr als 10.000 Zulieferen, sagte Andreas Streubig, dass das Unternehmen bei einer solch großen Anzahl nicht jeden Zulieferer kennen könne. Doch kann das System funktionieren, wenn die Zulieferer nicht bekannt sind?
Die diesjährige Herbsttagung war ein voller Erfolg. Sowohl TeilnehmerInnen als auch ReferentInnen verließen die Tagung mit wertvollen Anregungen, weiterführenden oder auch neuen Fragen und, im besten Falle, einem gesteigerten Bewusstsein über die Auswirkungen der eigenen Kaufentscheidung.