Nicaragua

Keine Normalität ohne Demokratie

Unsere Referenten Thomas Krämer und Thorsten Moll trafen unsere Partnerorganisationen in Nicaragua im November 2018, als eine vermeintliche Ruhe in der Krise des Landes eingekehrt war. Trotzdem war ihre Reise stark von der politischen Situation im Land geprägt – sie erkannten ihre ehemalige Heimat auf Zeit kaum wieder.

Foto: CIR

Schon die Vorbereitungen auf unsere Reise nach Nicaragua laufen anders als gewohnt: Anstatt bei unseren Partner*innen und ihren Familien unterzukommen, buchen wir ein großes internationales Hotel. Möglichst anonym soll es sein, damit wir unsere Treffen unbemerkt abhalten können. Nur wenige Organisationen werden wir während unserer Reise vor Ort in ihren Büros besuchen, um kein unnötiges Risiko einzugehen. Seit Beginn der Proteste im April und deren gewaltsamer Unterdrückung durch das Ortega-Regime hat sich in Nicaragua auch für unsere Arbeit und die unserer Partnerorganisationen vieles verändert. Mit einem Leihwagen fahren wir vom Flughafen durch die Straßen Managuas und sind überrascht: Auf den ersten Blick scheint hier alles ganz normal. Statt leerer Straßen, wie wir sie erwartet haben, ist auch am Sonntag in der Hauptstadt viel Betrieb. Es scheint, als sei wieder Ruhe eingekehrt, als hätten die Menschen keine Angst mehr, ihre Häuser zu verlassen. Im weiteren Verlauf unserer Reise bestätigt sich dieser Eindruck immer wieder. So finden sich etwa auf dem zentralen Platz in Masaya oder während der Purísima-Feier in Managua auch nach Einbruch der Dunkelheit viele Menschen auf den Straßen. (Die Purísima für die Jungfrau Maria ist wohl das populärste Fest in Nicaragua und findet vom 28. November bis zum 8. Dezember statt.) Anspannung ist hier nicht zu spüren. Wenn wir nicht wüssten, wie schwierig die politische Situation in Nicaragua aktuell ist, würden wir es fast nicht bemerken.

Der Wunsch nach Normalität…

Durch unsere Gespräche bekommen wir den Eindruck, dass es der Wunsch vieler Menschen ist, wieder zur Normalität zurückzukehren. Zu lange schon erleben sie diesen Ausnahmezustand. Zu lange schon spüren sie die Angst, dass sie selbst oder die Menschen, die ihnen nahe stehen, zu politischen Gefangenen werden, dass es noch mehr Tote geben wird, dass der Konflikt und die Gewalt wieder ausbrechen. Die psychische Belastung der vergangenen Monate hat sichtbare Spuren hinterlassen. Die Menschen fühlen sich müde und erschöpft. Sie sehnen sich nach Alltag. Und doch bröckelt die Fassade der Normalität, wenn man tiefer eintaucht und hinter die Kulissen blickt. Auf offener Straße über Politik zu reden, ist für die meisten im Moment ein Tabu, von Kritik an der Regierung ganz zu schweigen. Zwar erzählen uns die Menschen – vor allem im Tourismussektor bereitwillig über ihre schwierige Situation, die ohnehin kaum zu übersehen ist. Sie versuchen dabei aber, sich so neutral wie möglich auszudrücken. Wer aus ihrer Sicht die Verantwortung trägt, bleibt unausgesprochen. Zu groß ist wohl die Angst, dass jemand mithören könnte. Zu groß ist generell die Unsicherheit,
wem man eigentlich noch trauen kann.

… und deren Unmöglichkeit

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob es überhaupt Normalität geben kann und geben darf. Nachdem die Proteste niedergeschlagen wurden und ein großer Teil der politischen Gegner*innen außer Landes geflohen ist oder inhaftiert wurde, ist in Nicaragua eine eher gespenstische Stille eingekehrt. Für Maria Teresa von einer Partnerorganisation aus Matagalpa „ist diese Stille im Moment noch schlimmer“ als Vieles, was in den Monaten zuvor passiert ist. Zur Tagesordnung überzugehen, ohne dass Gerechtigkeit hergestellt wurde, scheint gerade für die Betroffenen schwer zu ertragen und das schlechteste denkbare Szenario zu sein. Auch für unsere Partnerorganisationen wird es wohl ein weiter Weg zurück zur Normalität.
Für sie spitzt sich im Verlauf unseres Besuches – und auch danach, wie sich gezeigt hat – die Lage immer weiter zu. Die zunehmende Repression der Regierung gegen die Zivilgesellschaft und die herrschende Willkür führen dazu, dass zahlreichen Organisationen der Entzug des rechtlichen Status droht. Zudem müssen viele geplante Aktivitäten an den politischen Kontext angepasst werden. Auf Lobbyarbeit, beispielsweise für Gesetzesentwürfe, verzichten die Organisationen, um nicht auf dem „Radar“ der Regierung zu landen. Leute für öffentliche Aktionen wie Demos zu mobilisieren, ist aufgrund eines Versammlungsverbotes ohnehin zu riskant. Wenig verwunderlich also, dass es in der Zivilgesellschaft für die Regierung kaum noch Rückhalt gibt. Die NGOs haben Ortega und Murillo den Rücken zugewandt, obwohl viele von ihnen einst Teil der sandinistischen Bewegung waren und an Ortegas Seite standen.

Normalität – nur mit Demokratie

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Repression teilt Elia von unserer Partnerorganisation aus Masaya zwar den Wunsch vieler Menschen nach Ruhe und Alltag. Sie macht aber auch deutlich, dass ihr dies alleine nicht genug wäre. „Wir möchten auch Normalität, aber eine Normalität mit Demokratie!“, sagt sie. Es ist ein Satz, der zwei Dinge deutlich macht: In Nicaragua ist die Normalität noch nicht wieder eingekehrt. Und dies wird mit dem Präsidentenehepaar Ortega Murillo für viele Menschen auch nicht mehr möglich sein.

Porträt von Thomas Krämer

Ich bin für Ihre Fragen da:

Thomas Krämer
Geschäftsführung, Referent für Nicaragua
kraemernoSpam@ci-romero.de
Telefon: 0251 - 674413-14