Bergbau & Rohstoffe

Kriminalisierungskampagne eines britischen Bergbaukonzerns in Nicaragua

Gemeinde verteidigt erfolgreich Recht auf Protest und freie Meinungsäußerung

Kleinschürfer*innen in Mina La Inida während einer Pause in der Mittagshitze. Foto: Christian Wimberger (CIR)

August 2017 – Die Einwohner*innen des Dorfes Mina La India hängen wirtschaftlich fast vollständig vom sogenannten Kleinen Bergbau ab. Jetzt ist nicht nur diese Lebensgrundlage sondern auch die Existenz des Dorfes an sich gefährdet. Denn ein britisches Bergbauunternehmen mit Hauptsitz in London will Gold in einem groß angelegten Tagebau mitten im Dorf abbauen.


Das Unternehmen versuchte im vergangen Juni, mit einer Klage wegen vermeintlicher schwerer Sachbeschädigung gegen sieben Gegner*innen des Bergbauprojekts vorzugehen. Die Gemeinde konnte mit Protestaktionen das Unternehmen dazu bringen, die Klage zurückzuziehen. Auch Solidaritätsaktionen in Nicaragua und Europa haben einen wichtigen Beitrag zu diesem Etappenerfolg gegen das Unternehmen geleistet. Kurz bevor das Unternehmen die Klage einreichte, hatten sich die nicaraguanische Umweltorganisation Centro Humboldt und die CIR mit den selbstständigen Bergleuten getroffen und mit ihnen über den Konflikt mit dem Unternehmen gesprochen.
Aktualisierung von Anfang August: Die Regierung antwortet auf eine Straßenblockade der Gemeinde erneut mit der Entsendung von Sonderseinsatzkräften der Polizei. (Hintergrund am Ende des Textes)


Auch Sie können die Proteste gegen das Unternehmen unterstützen. Folgen Sie dazu einfach diesem Link zur Petition der internationalen Verbraucherorganisation SumOfUs.

Informeller Bergbau als Lebensgrundlage

In Mina La India an der Grenzen zwischen den Departaments León und Matagalpa leben ca. 4.500 Personen. Der Großteil lebt direkt oder indirekt vom informellen Bergbau, d.h. vom Schürfen ohne offizielle staatliche Erlaubnis. Die Schürfer zahlen keine Steuern an den Staat, empfangen aber auch keine Sozialleistungen. Die meisten Männer schürfen in selbst gegrabenen Gruben nach Gold, manche betreiben kleine Raffinerien, andere vermarkten das reine Edelmetall. Die Schürferei ist ein Knochenjob: Die selbstgegrabenen Löcher sind teilweise über 15 Meter tief und nur provisorisch mit Ästen und Holzbalken befestigt. Helm oder Schutzbekleidung trägt kaum ein Schürfer. Ähnlich problematisch sind auch die Arbeitsbedingungen in den ca. 70 Mühlen, in denen das Golderz raffiniert wird. Dort kommen die Betreiber ohne Schutz mit Quecksilber in Kontakt. Mit der giftigen Chemikalie lösen sie das Gold aus dem Gestein.


Die Bergleute misstrauen einander teilweise und arbeiten daher lieber in Gruppen von ca. sechs Personen als in großen Kooperativen wie in anderen Regionen Nicaraguas. Gewalt zwischen den Schürfer gab es aber noch nie, beteuert ein Einwohner der Gemeinde bei einem Gruppengespräch.


Das Dorf hat eine lange Bergbaugeschichte, in der vor allem ein kanadischer Konzern eine bittere Erinnerung hinterlassen hat. Das Unternehmen Noranda hat von 1938 bis 1956 Gold in der Nähe des Dorfes Gold abgebaut. Noranda stellte die Arbeiten ein, nachdem es durch Grabungsarbeiten eine Überschwemmung auslöste. Zahlreiche tiefe Schächte, in die man beim Wandern auf dem Schotterweg zwischen felsigen Hängen beinahe hineinstürzt, ließ das Unternehmen offen und ungesichert zurück. Die Erinnerung an die Katastrophe ist in der Gemeinde noch präsent, da durch die Überschwemmung die wichtigste Trinkwasserquelle versiegt

Kleinschürfer*innen in selbst gegrabenen Schächten. Foto: CIR

Mit Quecksilber wird das Erz raffiniert. Foto: CIR

Gemeinde soll für Tagebau mitten im Dorf weichen

Über 60 Jahre später will jetzt das britische Unternehmen Condor Gold das Edelmetall in Mina La India in einem offenen Tagebau aus der Erde holen. Die Zentralregierung vergab die Lizenz für Erkundungsarbeiten an das Unternehmen, ohne die Gemeinde vorher zu befragen wie es das Gesetz in Nicaragua vorsieht. Obwohl das Unternehmen mit dem eigentlichen Abbau noch nicht begonnen hat, legt es eine ähnliche Rücksichtslosigkeit an den Tag wie Jahrzehnte zuvor das kanadische Unternehmen. „Condor Gold kam hier 2011 an und begann mit den Erkundungsarbeiten, ohne sich der Gemeinde vorzustellen“, sagt Karen Laguna, ein Mitglied bei der lokalen Antibergbaubewegung. Sie berichtet, dass die Vertreter*innen des Unternehmens in Hausbesuchen den Einwohner*innen eine bevorstehende Umsiedlung ankündigten. Tatsächlich kann aber die Regierung dem Unternehmen nur die Rechte an dem Unterboden erteilen. Damit Condor Gold den Tagebau graben kann, müssten aber alle betroffenen Einwohner*innen ihre Grundstücke an das Unternehmen verkaufen und über 300 Familien umgesiedelt werden. Der Großteil der Gemeindemitglieder weigert sich, dem Unternehmen nachzugeben.

Karen engagiert sich in der lokalen Umweltbewegung. Foto: CIR

Eine soziale Bewegung leistete Widerstand

Condor Gold benutzt seitdem die lokalen Institutionen, um die Gemeinde einzuschüchtern und zum Verkauf ihrer Grundstücke zu bringen. Zeitweise haben die Behörden den Bewohner*innen die Versorgung mit Wasser und Elektrizität verweigert. Angesichts dieser Schikane sahen sich einige Gemeindemitglieder gezwungen, die lokale Umweltbewegung “Movimiento Comunal Santa Cruz de la India” zu gründen. Die Bewegung will ein industrielles Bergbauprojekt unter keinen Umständen zulassen. Karen ist besonders stolz auf einen Protestmarsch, den die Bewegung im Juni 2016 durchführte, als das Unternehmen gerade eine gesetzlich erforderliche Studie über die Umweltauswirkungen des Projekts vorstellte. „Der Marsch war ein totaler Erfolg! 98 Prozent der Bevölkerung nahm daran teil“, sagt sie. An der Bewegung beteiligen sich auch viele Kleinschürfer*innen. Sie erkennen zwar an, dass sie durch die Verwendung von Quecksilber selbst die Umwelt verschmutzen. Die Auswirkungen sind ihrer Meinung nach aber lange nicht so verheerend wie bei einem industriellen Bergbauprojekt, das Zyanid als Scheidemittel in enormen Mengen einsetzt. Erste Auswirkungen machen sich bereits jetzt bemerkbar, denn das Unternehmen hat bei einer Probebohrung eine Wasserader durchbrochen und so den Grundwasserspiegel deutlich herabgesetzt. So hat es permanent die Wasserversorgung der Gemeinde beeinträchtigt. Das Centro Humboldt hat die Schäden wissenschaftlich verifiziert.

Eine absurde Klage gegen sieben Aktivist*innen

Der Konflikt zwischen der Bewegung und dem Unternehmen fand seinen bisherigen Höhepunkt in einer Klage des Unternehmens gegen sieben Aktivisten wegen angeblicher Sachbeschädigung vor dem lokalen Gericht in Santa Rosa del Peñón. Die Aktivist*innen haben laut eigenen Angaben bei einer Protestaktion lediglich acht Sandsäcke entfernt. Die Explorationsarbeiten seien zudem illegal gewesen, da sie auf dem Landbesitz von Gemeindemitglieder stattfanden. „Sie erfinden Straftaten, die wir nicht begangen haben“, sagt Olman Onel Salazar, ein Aktivist der Bewegung, der selbst von dem Unternehmen angeklagt wurde. Ihm und den anderen sechs Angeklagten drohten bis zu fünf Jahre Haft. Die Klage versteht Olman Onel Salazar als eine Strategie zur Einschüchterung einer sozialen Bewegungen, die lediglich ihr Recht auf Protest ausübt.


Die Gemeinde reagierte auf die Klage Anfang Juni mit einem „Schulstreik“. Nur noch einige wenige Angestellte bei dem Bergbauunternehmen schickten ihre Kinder zur Schule. Ansonsten blieb die Schule der Gemeinde leer. Für die Bergbaugegner*innen war der Schulstreik eine Form des zivilen Ungehorsams gegenüber dem Zentralstaat, der die Konzession an das Unternehmen vergab und selbst durch Steuereinnahmen von Bergbauprojekten profitiert. Daraufhin entsendete die Zentralregierung 60 Polizist*innen in die Region, was die Gemeinde als Einschüchterung verstand.

Internationale Untersützung

Parallel zu den lokalen Protestaktionen rief die Bewegung internationale Organisationen auf, sie bei der Verteidigung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung zu unterstützen. Die vor kurzem gegründete Zentralamerikanische Allianz angesichts des Bergbaus (ACFREMIN) verfasste daraufhin einen offenen Brief, den u.a. London Mining Network aus der Stop Mad Mining-Kampagne und die CIR unterzeichneten. In dem Brief fordern die Organisationen Condor Gold auf, die Klage zurückzuziehen, die Umweltschäden zu beheben und das Bergbauprojekt aufzugeben.


Am 1. Juli hat das britische Unternehmen zumindest der ersten Forderung nachgegeben und die Klage zurückgezogen. Laut einer Stellungnahme von Condor Gold habe man sich außergerichtlich geeinigt, was die Bewegung aber nicht bestätigt. „Das Zusammenspiel aus den Protestaktionen der Gemeinde und der internationalen Aufmerksamkeit brachte das Unternehmen dazu, die Klage zurückzuziehen“, sagt Heizel Torres von der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Centro Humboldt. Das ist ein erster wichtiger Sieg der Gemeinde – und der internationalen Solidarität. „Das vereint uns jetzt noch mehr“, sagt Karen Laguna. Für die Bewegung geht es weiterhin darum, das Bergbauprojekt zu stoppen.

Aktualisierung vom 09.08.2017 – Erneute Spannungen in Mina La India

Nachdem sich die Situation nach Ende des Gerichtsprozesses für einige Wochen entspannt hatte, eskalierte der Konflikt zwischen der Gemeinde und dem Unternehmen sowie dem Staat am 4. August erneut. Das Unternehmen setzte seine Explorationsarbeiten fort, die bereits den Grundwasserspiegel herabgesetzt hatten. Die Umweltbewegung entschied deshalb, dem Unternehmen den Zugang zu Dorf zu blockieren. Daraufhin schickte die Regierung Sondereinsatzkräfte der Polizei nach Mina La India. „So kriminalisieren sie uns. Wo sind denn die glücklichen Familien, wenn sie uns mit der Polizei einschüchtern müssen?!“, schreibt die lokale Bewegung „Movimiento Comunal Santa Cruz de la India“ auf ihrer Facebookseite.