Agrar und Umwelt

Zur UN-Klimakonferenz

“Trotz wiederholter Enttäuschung sind wir optimistisch”

Conférence des Nations Unies sur les changements climatiques - COP21 (Paris, Le Bourget)

Im November trafen sich Politik und Klimaexert*innen aus aller Welt wieder zur UN-Klimakonferenz (COP), diesmal in Bonn. Die CIR Partnerorganisation Centro Humboldt ist seit 2008 jedes Jahr als Beobachterin dabei. Sie soll die Interessen der zivilgesellschaftlichen Organisationen in Mittelamerika vertreten. Der Leiter des Centro Humboldt, Victor Campos, war selbst schon an fünf COPs beteiligt. Wir sprachen mit ihm schon vor der COP23 in Bonn über seine Erwartungen und die besondere Rolle Nicaraguas.

Nicaragua hat das Pariser Klimaabkommen nicht unterzeichnet, weil es der Regierung nicht konsequent genug ist. Jetzt hat Donald Trump den Austritt der USA verkündet – und Nicaragua will nun doch beitreten. Welche Rolle spielt Nicaragua in den Klimaverhandlungen?

Das stimmt, Nicaraguas Präsident Ortega hat vor kurzem angekündigt, das Pariser Abkommen zu unterzeichnen. Wir sind nicht sicher, ob dieser Schritt direkt mit der Entscheidung von Präsident Trump zusammenhängt, das Abkommen zu verlassen. Die Argumentation der beiden Präsidenten ähnelt sich, aber sie haben komplett verschiedene Lösungsansätze für die globale Klimakrise.
Trump, der „Klimawandel-Leugner“, sieht die fossile Brennstoffindustrie als einen Schlüsselfaktor für das Wachstum der US-Wirtschaft. Und aus seiner Perspektive ist es unfair, dass die Umsetzung des Abkommens zu einem großen Teil von den USA bezahlt werden soll. Ortega argumentiert, dass die Ursache der globalen Klimakrise in den Industrieländern liegt, die in der Vergangenheit die größte Menge Treibhausgase ausgestoßen haben. So steht es auch im Grundsatz des Übereinkommens: “Gemeinsame, aber differenzierte Verantwortung”. Weil die Industrie-Nationen vornehmlich für die Erderwärmung verantwortlich sind, sollten sie also auch in erster Linie für die Verringerung der Emissionen und deren Kosten zuständig sein, so Ortega.

Nicaragua wirft vor allem den Haupt-Verursachern des Klimawandels vor, ihre Schuld nicht einzugestehen. Wer ist das?

Den Daten des Weltklimarats (IPCC) zufolge haben sich von 1870 bis 2011 knapp 2.000 Gigatonnen CO2 in der Atmosphäre gesammelt. Etwa 82 Prozent davon sind von den zwanzig Ländern produziert worden, die als „entwickelt“ gelten. Das andere Extrem sind wir 100 Länder, die am wenigstens ausgestoßen haben. Wir repräsentieren nur drei Prozent der gesamten Emissionen. Die Regierung von Nicaragua stand bis vor kurzem dem Pariser Abkommen distanziert gegenüber, weil die globalen Klimaverhandlungen mögliche Lösungen verzögerten, über wissenschaftlichen Kriterien gestritten wurde und das Abkommen in Bezug auf Emissionen einen freiwilligen und nicht bindenden Charakter hatte. Dieser Kritik stimmten wir damals zu. Nur mit der Entscheidung, der größten Einigung in der Geschichte der Klimagerechtigkeit fern zu bleiben, waren wir nicht einverstanden. Die Verhandlungen der nicaraguanischen Regierung waren bemerkenswert, vor allem bezüglich des Green Climate Fund, dem Umgang mit Schäden und Verlusten und natürlich, weil sie den Konsens in Paris nicht unterstützt haben. Nicaragua stellte den Kontrapunkt dar, mit Positionen, die Sympathie in der G-77 plus China genießen, obwohl sich das nicht immer ganz oder teilweise in den Vereinbarungen widerspiegelt.

Nicaragua gewinnt schon viel Strom aus erneuerbaren Energien. Sollten nicht eher die Verursacher-Länder solche hohen Ziele haben?

Nicaragua hat in den letzten acht Jahren die erneuerbaren Energiequellen in der Stromerzeugung von 12 auf 53 Prozent gesteigert. Das war ein wichtiger, aber unzureichender Fortschritt. Die Tatsache, dass die Emissionen des Landes minimal sind, sollte keine Entschuldigung sein, sie nicht noch weiter zu reduzieren.

Das Centro Humboldt hat überall im Land Menschen, die Wetterdaten erheben und Klimaveränderungen messen. Was sagen uns die Ergebnisse?

Unsere Organisation ist Mitglied in einem Netzwerk aus mindestens zweihundert Kleinproduzent*innen in Nicaragua und weiteren Beobachter*innen in Honduras, El Salvador und Guatemala zusammensetzt. Seit einigen Jahren haben sie die Aufgabe, die wichtigsten klimatischen Variablen zu messen. So können wir das Verhalten klimatischer Variabilität besser verstehen und spezifische Anpassungsmaßnahmen identifizieren, die zu ihrem Überleben beitragen. Diese Methode haben wir in einigen Fällen als “Vorbild” innerhalb der UN-Klimarahmenkonvention präsentiert.
Die Klimadaten der Kleinproduzent*innen und die Analyse des regionalen Klimas bestätigen, wie stark der Klimawandel Mittelamerika trifft. Die Schäden, die etwa durch Wirbelstürme und Dürren in den letzten zwei Jahrzehnten verursacht wurden, identifizieren Mittelamerika als eine der anfälligsten Regionen des Planeten.

Aus Ihrer Erfahrung: Wie zielführend sind die Klimaverhandlungen bei der COP?

Die multilateralen Klimaverhandlungen sind zu langsam. Und die Verhandlungsmethoden müssen überarbeitet und flexiblere Entscheidungsmechanismen etabliert werden. Dass eine Lösung seit dem Desaster von Kopenhagen vor fast einem Jahrzehnt immer wieder verschoben wird, sagt genug über ihre Effizienz.

Was erwarten Sie sich vom COP-23 in Bonn?

Trotz wiederholter Enttäuschungen über das langsame Tempo und ungenügenden Ehrgeiz bei den Verhandlungen, sind wir optimistisch und wir erhoffen uns vom COP 23 vor allem Folgendes:

  1. Deutliche Fortschritte bei der Festlegung des globalen Anpassungsziels. Das ist unsere regionale Priorität.
  2. Der “Warschauer Internationale Mechanismus für Verluste und Schäden” sollte über den derzeitigen Entwurf hinaus mit klaren Zielen und einem Ausgleichsmechanismus genehmigt werden.
  3. Die Verordnung zur Durchführung des Pariser Abkommens soll mit den festgelegten Bedingungen genehmigt werden.
  4. Wir hoffen, dass der Entwurf für die Gestaltung eines „Dialog Facilitators“ ab 2018 angenommen wird. Dieser hätte dann den Auftrag, eine Bestandsaufnahme der aktuellen Nationalen Aktionspläne zu machen und deren Ambitionen zu überprüfen.
  5. Fortschritten bei der Definition der “Modalitäten” der Klimafinanzierung in Übereinstimmung mit dem Pariser Abkommen. Und wir sind zuversichtlich, dass im Umfeld des COP Mitteln zum Green Climate Fund bewilligt werden.

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