
Foto: Knut Henkel
Die Orangenbäume fehlen. Wer durch Teile des Bundesstaates São Paulo fährt, sieht Lücken in der Landschaft, wo einst endlose Zitrushaine standen: vertrocknete Plantagen, gerodete Reihen, Fabriken, in denen die Förderbänder stillstehen. In Bebedouro, einst Zentrum der brasilianischen Orangenindustrie, wirkt vieles wie aus der Zeit gefallen. Hinter rostigen Toren wuchern Pflanzen über verlassene Anlagen, in den Büros liegt Staub auf den Tischen.
Noch immer exportiert Brasilien große Mengen Orangensaft: 2024/25 rund 448.500 Tonnen im Wert von fast 1,8 Milliarden Euro. Doch die Mengen sinken deutlich. Ein Minus von 23 Prozent markiert den schleichenden Niedergang einer ganzen Region.
Der Grund klingt harmlos: Greening. Doch die Pflanzenkrankheit, übertragen durch kleine Zikaden, hat die Landschaft verändert. Sie lässt Früchte klein und bitter werden, zerstört ganze Ernten und zwingt Anbauende, ihre Haine zu roden. Verstärkt wird die Krise durch extreme Hitze, Dürren und unregelmäßige Regenfälle.
In Monte Azul steht Glaucio Antônio da Vogre zwischen kranken Bäumen, die seit Jahrzehnten seiner Familie gehören. „Mit Greening zu produzieren ist sehr schwierig“, sagt er leise. „Man verliert 20 bis 30 Prozent der Ernte.“ Auch der Markt setzt die Bauern unter Druck. „Drei große Abnehmer bestimmen die Preise“, sagt Produzent Paulo Falchi. Für viele kleinere Höfe bleibe kaum Luft zum Überleben.
Foto: Knut Henkel
Die Krise verändert nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch das soziale Gefüge. Auf den Feldern wird weiter hart gearbeitet, doch die Zahl der Jobs sinkt. Bezahlt wird pro Kiste, oft für umgerechnet kaum 19 Euro am Tag. Gewerkschaften sprechen von wachsender Unsicherheit. „Die Zukunft liegt darin, dass jeder ein kleines Stück Land hat“, sagt Gewerkschaftsvertreter Aparecido Bispo.
Daniela Honório, selbst ehemalige Landarbeiterin, organisiert heute Gesundheitsversorgung, Bildung und psychologische Hilfe. Die Gewerkschaft, sagt sie, müsse näher am Menschen sein. Rund um die besetzten Landflächen berichten Arbeiter*innen von Pestiziden im Wasser, zerstörten Ernten und einem Alltag zwischen Unsicherheit und Abhängigkeit.
Von São Paulo führt die Reise weiter nach Süd-Minas Gerais in die Kaffeeberge. Zwischen grünen Hügeln entsteht eines der wichtigsten Exportprodukte Brasiliens – mit dunkler Vergangenheit.
„Anbau und Verarbeitung von Kaffee basieren in Brasilien historisch auf Sklaverei“, sagt Jorge Ferreira dos Santos, Gewerkschafter und selbst ehemaliger Erntearbeiter. Mit 13 Jahren kam er aus dem armen Nordosten zur Kaffeeernte, wurde mehrfach aus sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen befreit. Heute dokumentiert er Missstände auf Farmen, oft verdeckt. Schutzkleidung fehlt, Unterkünfte sind prekär, Arbeitszeiten brutal. Rund 70 Prozent der Arbeiter*innen arbeiten informell.
Foto: Markus Reichert
Tage später auf dem Amazonas zwischen Manaus und Santarém. Am Steuer steht Jorge Miranda aus Belém do Pará. „Der Fluss ist alles für uns“, sagt er. „Er gibt Arbeit, Nahrung und Richtung.“ Doch der Amazonas verändert sich: sinkende Pegel, extreme Hitze am Morgen, heftigere Stürme. „Das bringt hier alles durcheinander.“
Nach Tagen auf dem Wasser erreicht das Schiff Santarém. Hier beginnt die nächste Agrarfront. Riesige Soja- und Maisfelder ziehen sich bis an die Dörfer heran. Der Boom begann Ende der 1990er-Jahre mit einem Exportterminal des US-Konzerns Cargill. Seither wächst die Anbaufläche unaufhaltsam.
In Açaizal, einer indigenen Munduruku-Gemeinde, vertritt Josenildo dos Santos rund 70 Familien. Er ist Lehrer und Kazike, Dorfvorsteher und Vermittler zwischen Behörden, Gerichten und Agrarunternehmen. „Das Verfahren um unsere Landtitel läuft seit dem Jahr 2000“, sagt er. „Große Teile unseres Landes sind bereits zerstört und mit Soja bepflanzt.“
Früher war das Dorf von Regenwald umgeben. Heute reichen Monokulturen bis an die Häuser heran. „Die Sojabauern treten sehr aggressiv auf“, sagt Gilson Rego von der katholischen Landpastoral, die Seelsorge und Gemeinschaftsarbeit für Menschen im ländlichen Raum bietet. Sie roden, schaffen Fakten und bringen bis zu 15-mal pro Zyklus Pestizide aus. „Die Sojalobby hat einen langen Arm.“
Ohne Landtitel bleibt der Widerstand schwer. „Die Großbauern bekommen Kredite, wir kämpfen um Anerkennung“, sagt dos Santos. Währenddessen werden Felder direkt neben der Schule gespritzt. Kinder klagen über Übelkeit und Hautausschläge. Während die Produktion weiter steigt – 2025/26 auf einen geschätzten Rekord von 175 Millionen Tonnen –, wächst der Druck auf Wald, Wasser und Menschen.
Und doch gibt es andere Wege. Im Amazonas entstehen agroökologische Systeme, bei denen Gemüse, Fischzucht, Obst und Wald zusammen gedacht werden. In Manaus organisieren Familien solidarische Landwirtschaft: Verbraucher*innen finanzieren Ernten vor, Produzent*innen erhalten feste Preise. Ein Gegenmodell zur Exportlogik.
Die Reise durch Brasiliens Agrarfronten zeigt, wie eng alles verbunden ist: Klimakrise, globale Märkte, Monokulturen und Landkonflikte. Im Zentrum steht die Frage, welches Landwirtschaftsmodell Europa mit seinem Konsum und seinen Regeln stärkt – und welches es verdrängt.

Ich bin für Ihre Fragen da:
Sandra Dusch Silva
Referentin für nachhaltige Lieferketten und Kleidung
dusch@ci-romero.de
Telefon: 0176 / 64 19 07 09
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