Tagebuch zur Maquila-Delegationsreise 2015 in El Salvador

Vom 26. Januar bis zum 6. Februar 2015 hat die CIR eine Delegationsreise zum Thema "Maquila" (spanisch für Bekleidungsfabrik) ins mittelamerikanische Land El Salvador unternommen. Gemeinsam mit JournalistInnen und entwicklungspolitischen MultiplikatorInnen aus Deutschland sowie Mitarbeiterinnen von Nichtregierungsorganisationen aus Rumänien, der Slowakei und Bulgarien trafen wir Partnerorganisationen der CIR aus der Menschen- und Arbeitsrechtsarbeit. Auf dem Reiseplan standen u.a. Treffen mit FabrikarbeiterInnen, Betriebsgewerkschaften sowie ArbeitsrechtlerInnen. 

An dieser Stelle gibt es ein digitales Reise-Tagebuch zu lesen, in dem wir einige unserer Erlebnisse aufgeschrieben haben.

Wer mehr arbeitet, verdient auch mehr

Donnerstag, 5.2.2015

Gegensätzlicher können die Akteure im Maquila-Bereich kaum sein: morgens haben wir ein Treffen mit der Arbeitsinspektion, der Abteilung des Arbeitsministeriums, die die Einhaltung der Arbeitsrechte in den Nähfabriken überwachen soll. Und nachmittags mit CAMTEX – der Wirtschaftskammer, die die Interessen der Fabrikbetreiber vertreten und Investoren ins Land locken soll.

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Treffen mit CAMTEX
Treffen mit Vertretern von CAMTEX

Ausgepresst wie Zitronen: Northface-ArbeiterInnen bei Young One

Dienstag, 3.2.2015

Die Gewerkschaft FEASIES hat heute nachmittag für uns ein Treffen mit NäherInnen für die Marke „The North Face“ organisiert. The North Face ist Marktführer in der Branche für Outdoorbekleidung und lässt unter anderem in der Zulieferfabrik Young One nahe der Hauptstadt San Salvador in einer sogenannten Freien Produktionszone von 1450 ArbeiterInnen Outdoor-Kleidung produzieren.

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Betriebsratmitglieder von Young One
Betriebsratmitglieder von Young One

Centro Bartolomé de las Casas: Gegen die Kultur der Gewalt

Montag, 2.2.2015

Das Centro Bartolome de las Casas (kurz: CBC) hat sein Zentrum mitten im historischen Viertel San Salvador – dort, wo man bei Einbruch der Dämmerung schleunigst verschwinden sollte. Durch das Gebäude laufen wie ein Kreuz die Grenzen verschiedener verfeindeter Banden, Maras genannt. Wer im Gebiet der anderen Gang angetroffen wird, ist tot. Das gilt auch für Schüler und Jugendliche, die lediglich in einer Gegend wohnen, wo die andere Bande herrscht.  Das macht es auch für viele schwer, überhaupt ins CBC zu kommen. Oder sie müssen weite Umwege gehen, denn feindliches Gebiet ist wie eine Tretmine. Auch wenn man überhaupt nichts mit den Maras zu tun hat.

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Zu Besuch im Centro Bartolomé de las Casas
Zu Besuch im Centro Bartolomé de las Casas

Die Feministin auf dem Ministerinnensessel

Montag, 2.2.2015

San Salvador - Schon Tage vor dem Treffen ist die Spannung in der Maquila-Delegation spürbar. Wie sollen wir die Ministerin ansprechen: Señora la Ministera, Ministera oder nur Señora? Wichtiger noch: Welche Fragen werden wir der Ministerin stellen? Wird es ein netter Austausch von Informationen oder werden wir sie mit nicht erfüllten Versprechungen konfrontieren?

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Arbeitsministerin Sandra Edibel Guevara Pérez

Starke Frauen bewirken Veränderung …

und mahnen internationale Solidarität an

Sonntag, 1.2.2015

Nur eine dünne Blechwand trennt unseren Besprechungsraum in der Geschäftsstelle von Mujeres Transformando von der vielbefahrenen Durchgangsstraße. Draußen brummen die Lkws vorbei. Von Lautsprecherwagen dröhnt Musik, lautstark werden Parolen über Megaphon verbreitet. Die Endphase des Wahlkampfs für die Parlamentswahlen ist eingeläutet, und es gilt, die Wähler mit allerlei Versprechungen zu mobilisieren. Sie konkurrieren mit den nicht minder lautstark über Lautsprecher verkündeten Heilsversprechen einer evangelikalen Sekte, die ihren Gottesdienst in einem Versammlungsraum auf der anderen Straßenseite feiert.

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Maquila Komitee Mujeres Transformando
Treffen mit Frauen des Maquila-Komitees bei Mujeres Transformando

Die Heldinnen von Hermosa

Freitag, 30.1.2015

Es sind ganz normale T-Shirts, grün, blau und schwarz, die da auf dem Tisch liegen. Doch in jedem einzelnen Stich, mit dem sie genäht sind, stecken Mut, Stolz, Liebe und Hoffnung.

Sie stammen aus der Nähkooperative ACOPIUS. Die Frauen, die dort beschäftigt sind, haben viele Jahre unter verheerenden Bedingungen für den Weltkonzern Adidas in der Fabrik Hermosa geschuftet. Sie verdienten so wenig Geld, dass sie sich nebenher noch als Haushaltshilfen verdingten oder Nachtschichten in anderen Maquilas übernahmen.

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Unter welchen Bedingungen die Bordadoras in El Salvador arbeiten, zeigt auch der folgende spanischsprachige Film.

CIR-Delegation mit ehemaligen Hermosa Arbeiterinnen

Bordadoras - die stickenden Sklavinnen

Donnerstag, 29.1.2015

In der Fifth Avenue in New York geht eine wohlhabende Mutter in eine Kinder-Boutique und kauft das hübsche Kleid, das sich ihre Tochter wünscht. Der Stoff ist bunt gepunktet und rund um den Ausschnitt sind kleine Prinzessinnen gestickt, ein Mädchentraum. Zur selben Zeit in einem kleinen Dorf in El Salvador wäscht Valentina* Wäsche, danach wird sie das Geschirr spülen, aufräumen und den Boden fegen.

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Estefania, Carla, Valentina

Unter welchen Bedingungen die Bordadoras in El Salvador arbeiten, zeigt auch der folgende spanischsprachige Film.

Isabels großer Traum

Mittwoch, 28.1.2015

Mit der Hand macht Isabel den vier Jugendlichen ein Zeichen, als wir aus dem Bus steigen. Dann führt sie uns durch ihr Viertel. Wir passieren einen kleinen Gang, queren ein Rinnsal, spazieren die Dorfstraße entlang. Dort steht ein Jugendlicher, Kappe quer auf dem Kopf, tief sitzende Jeans und im Nacken eine Tätowierung, die 18, Zeichen einer der beiden Gangs mit tausenden Mitgliedern, die weite Teile des Landes terrorisieren. Isabels Dorf ist in der Hand der „18“. Unser Besuch hat der kleinen, resoluten Frau deswegen einige schlaflose Nächte bereitet. Zunächst hat sie „nein“ gesagt, als man sie fragte, ob sie einer Gruppe aus Europa ihr Zuhause zeigen wolle. Dann hat sie sich doch durchgerungen, weil sie erzählen will von den Lebensbedingungen einer Näherin in den Maquilas.

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Isabel bei der Arbeit an ihrer Nähmaschine

Frauenrechte in El Salvador

Dienstag, 27.1.2015

Frauenrechte – und die mutig und offensiv propagiert in einer machistischen Gesellschaft – das war zunächst das Thema am Dienstag. Wie wehre ich mich gegen Unrecht und Gewalt? Wie zeige ich mich standhaft im Einfordern meiner Rechte? Wie begegne ich dem auch arbeitstäglichen Machismo? Die Vertreterinnen der Fraueninitiative Ormusa gaben detailreich und gut informiert Antwort auf die Fragen der Gruppe.

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Blaskapelle von San Pedro de Masahuat

Die CIR-Partnerorganisation ORMUSA hat nach unserem Besuch zur Museumseröffnung diesen newsletter mit Fotos verschickt.

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Perspektivenwechsel

Montag, 26.1.2015

Endlich geht es los! Ich habe mich so auf diese Reise gefreut. Das ganze Jahr arbeite ich an Fragen von Gerechtigkeit und Wandel in meiner Heimat in Franken. Oft geht es dabei darum, die Perspektive des Südens in unser Leben zu holen, Verständnis zu schaffen, für die Lebenssituation der Menschen,  FAIRbindungen zu schaffen, die aufzeigen, was die Ausbeutung in den Sweatshops dieser Welt mit uns und unserem Verhalten zu tun hat. Nun bin ich auf der anderen Seite der Welt angekommen. Hier sind die Verlierer dieses Systems und auch hier gibt es Menschen, die ähnlich wie wir in Deutschland gegen Windmühlen kämpfen, sich aber nicht beugen lassen von der scheinbaren Übermacht dieses Systems aus Korruption, Unterdrückung und Gewalt. Ich bin sehr gespannt, auf deren Perspektiven.

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Sergio Chavez und Sonia Lara

Es geht los!

Sonntag, 25.01.2015

Unsere Reise hat begonnen! Die CIR-Maquila-Delegation hat am Sonntag den Ort der Ermordung Oscar Romeros besucht. Der Erzbischof von San Salvador wurde am 24. März 1980 während einer Predigt in der Krankenhauskapelle Divina Providencia vor dem Altar von einem Scharfschützen erschossen.

Anschließend fuhren die VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen und die JournalistInnen zum Parque Cuscatlan. "Ich bin schockiert über die unheimliche Gewalt, die sich mit der brutalen Hinrichtung von Oscar Romero in El Salvador ausbreitete", sagte Markus Dufner vom Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Der Bürgerkrieg forderte im kleinsten Land Mittelamerikas 40.000 zivile Opfer. Auf einer langen Mauer im Park sind die Namen der Ermordeten und Verschwundenen verzeichnet.

Verzeichnis der im Bürgerkrieg Ermordeten und Verschwundenen

© 2016 Christliche Initiative Romero e.V.