Kleidung

Hauptsache fair? Menschenrechte und die Sportindustrie

Foto: Sandro Schuh/Unsplash
Foto: Sandro Schuh/Unsplash

Die Sportindustrie und ihre Akteur*innen

2022 findet eine der umstrittensten Fußball-Weltmeisterschaften überhaupt statt. Im Vorfeld kam es im Austragungsort Katar zu zahlreichen Menschenrechtsverletzungen und sogar Todesfällen, besonders unter den Wanderarbeiter*innen, die für den Bau der Veranstaltungsorte ins Land kamen. Hierdurch sind würdige Arbeitsbedingungen in der Sportindustrie global neu in den Fokus gerückt. Heißt es nicht sonst so schön, dass Fairness im Sport großgeschrieben wird?

Schon bei der Auswahl von Katar als Veranstaltungsort hatten nicht alle Bewerberländer die gleichen Chancen. Wegen Korruptionsvorwürfen gegen die FIFA gibt es viele Fans, Sponsor*innen und Vereine, die zum Boykott der Weltmeisterschaft 2022 aufrufen. Während sich die Frauen-EM in England der bestehenden Stadien bedient, findet die Männer-WM 2022 in einem Land statt, welches für den Großteil der Mannschaften und Fans eine weite Anreise bedeutet und zudem kaum Infrastruktur für eine Veranstaltung dieses Ausmaßes hat. Die FIFA sieht hier sicherlich sportökonomisches Wachstumspotenzial, doch dies ist wohl kaum ressourcenschonend. Länder des Globalen Südens sollten zwar die Möglichkeit haben, sich um die Austragung der Meisterschaft zu bewerben. Allerdings sollte das Auswahlverfahren fair und transparent sein und Menschenrechtsverletzungen eine Rolle spielen. Sport ist eine Projektionsfläche für politische Interessen und die Industrie täte gut daran, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein.

Protest gegen die WM 2022: Welche Initiativen gibt es?

Boycott Qatar 2022 (BQ2022)
Fußball unterliegt kommerziellen Tendenzen. Deren Grenzen wurden und werden immer erweitert, und in gewisser Weise müssen der Fußball und seine Fans damit leben. Doch die viel zitierte „rote Linie“ ist mit der WM 2022 in Katar deutlich überschritten. Zahlreiche Faninitiativen rufen daher auf, praktische Zeichen zu setzen. Das Ziel ist es, das lukrative Zusammenspiel zwischen FIFA, Sponsor*innen und autokratischen Regimes zu stören. Mehr Informationen und Materialien unter: www.boycott-qatar.de

#Back2Bolzen

Die Schalker Fan-Initiative e.V. trägt mit der Kampagne #Back2Bolzen zur aktiven Gestaltung des Fan-Boykotts der WM bei. Ziel der Aktion ist, dass möglichst viele Menschen, Gruppen und Vereine vor allem (aber nicht nur) an den Spieltagen der WM 2022 (also zwischen dem 21. November und dem 18. Dezember 2022) selbst aktiv werden, anstatt sich die Spiele im Fernsehen anzusehen: indem sie selbst Fußball spielen oder Menschen, die spielen, unterstützen, mit ihnen feiern und Freude am Spiel haben. Dazu organisieren alle Interessierten an ihren Standorten Spiele oder Turniere, ob klein oder groß, ob auf der Straße, dem Bolzplatz oder in einer Halle, ob mit Wenigen oder mit ganz Vielen. Notfalls auch TippKick-, Kicker-Turniere oder E-Sport. Auch Trainingsspiele vor der WM, vielleicht während der Länderspiele, können Teil von #Back2Bolzen werden. Macht mit. Engagiert euch. Spielt Fußball!

Back2Bolzen Logo
Die Lohnfrage

Bei Betrachtung der Sportindustrie stoßen Interessierte leider auch außerhalb von Katar auf ungerechte Arbeitsbedingungen, die eng mit der Abwicklung von Großveranstaltungen wie Weltmeisterschaften verwoben sind. Seit Jahrzehnten setzt sich die CIR für Näher*innen in Mittelamerika ein, die für große Bekleidungshersteller arbeiten. Die Arbeiter*innen erhalten oft nur einen Bruchteil des Geldes, das an anderer Stelle für die fertigen Kleidungsstücke bezahlt wird. Zudem mussten viele trotz boomender Sportartikelindustrie während der Pandemie mit Lohnausfällen rechnen. Der Wettkampf um die lukrativsten Sponsoring-Deals wird ausgetragen ohne Rücksicht auf die Menschen, deren Existenzen von der Arbeit in den Fabriken abhängen.

Ein Beispiel für Lohndiebstahl: Nike und Violet Apparel
Die Fabrik Violet Apparel in Kambodscha, die zum Unternehmen Ramatex gehört, schuldet 1.200 Arbeiter*innen ihren Lohn plus Schadensersatz. Die Fabrik kündigte von einem auf den anderen Tag ihre Schließung an. Zu ihren größten Abnehmern zählen Nike und das britische Unternehmen Matalan. Aktuell läuft eine E-Mail-Protestaktion, mit der Nike aufgefordert wird, seinen Arbeiter*innen zu zahlen, was ihnen zusteht.

Protest vor der Fabrik Violet Apparel, Ung Chanthoeun mit Mikrofon, Quelle: payyourworkers.org

Was kann ich tun?

Bei Lebensmitteln ist es heutzutage teilweise üblich, auf Labels, Herkunft und Produktionsbedingungen zu achten. Bei Sportartikeln wäre dies auch wünschenswert. Während einige wenige Sportvereine inzwischen damit werben, nachhaltige Merchandise-Artikel im Shop zu führen, ist an anderer Stelle noch alles wie zuvor. Aus unserer Sicht ist es zwingend notwendig, dass Fairness in der Sportartikelindustrie neu gedacht wird und der öffentliche Wunsch nach sozialen und ökologischen Standards sich in der Produktion niederschlägt. Aber Vorsicht vor Green Washing! Der Schein kann trügen, manche Zertifizierungen und Siegel sind weniger transparent als andere und auch der Begriff „nachhaltig“ wird gelegentlich zu früh in den Mund genommen. Verbraucher*innen sollten sich hier genau informieren, zum Beispiel mithilfe unseres Wegweisers durch das Label-Labyrinth.

Porträt von Sandra Dusch Silva

Ich bin für Ihre Fragen da:

Sandra Dusch Silva
Referentin für nachhaltige Lieferketten und Kleidung
duschnoSpam@ci-romero.de
Telefon: 030 - 41723800