Öffentliche Beschaffung

Verborgener Hebel: Öffentliche Beschaffung als Motor für agrarökologische Transformation

Die öffentliche Beschaffung kann ein zentraler Hebel sein, um Agrarökologie zu skalieren: Sie schafft Nachfrage, setzt Anreize für nachhaltige Produktionsweisen und öffnet Märkte für Erzeuger*innen, die nach agrarökologischen Prinzipien arbeiten. Um diese Chance zu nutzen, ist es entscheidend, wie wir über Agrarökologie sprechen und das holistische Konzept zurückübersetzen in Kriterien, die im Vergabeprozess eingebracht und umgesetzt werden können.

4. Februar 2026

Mit dem ab August 2026 geltenden Ganztagsförderungsgesetz für Grundschulen wird ein Anstieg der Anzahl an Schulkantinen in Deutschland erwartet. Der wirtschaftliche Hebel von öffentlicher Lebensmittelbeschaffung wird damit umso mächtiger.

Die öffentliche Hand – also Bund, Länder und Kommunen – geben jährlich rund 500 Milliarden Euro für Waren und Dienstleistungen aus. Ein Teil fließt in die Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Schulen, Betriebsrestaurants städtischer Dienstleister, Pflegeeinrichtungen, bis hin zu Justizvollzugsanstalten. Schätzungen zufolge essen täglich etwa 16 Millionen Menschen in diesen Einrichtungen. Durch das bundesweite Ganztagsförderungsgesetz für Grundschulen ist ab diesem Jahr ein weiterer Anstieg dieser Zahl zu erwarten.

Gerade hier liegt ein erhebliches Potenzial, um Agrarökologie in die Breite zu tragen: Das Essensangebot für Kantinennutzer*innen kann verbessert und gleichzeitig Erzeuger*innen durch verlässliche Abnahmen bei der Umstellung bzw. Fortsetzung nachhaltiger Produktionsweisen unterstützt werden.

Ein Blick in den Globalen Süden

Während in Deutschland dieses Potenzial bisher kaum genutzt wird, zeigt ein Blick in den Globalen Süden, wie öffentliche Beschaffung agrarökologische Strukturen erfolgreich fördern kann. Brasilien gilt aufgrund des staatlichen Schulspeisungsprogramm (PNAE) als Pionier: 30 % der Gelder für die Verpflegung in Schulen müssen für Produkte aus kleinbäuerlicheren Familienbetrieben aufgewandt werden, ab dem kommenden Jahr steigt die Quote auf 45 %. In der Region wird der Erfahrungsaustausch gezielt vorangetrieben und so gibt es mittlerweile ähnliche Programme und Gesetzesinitiativen beispielsweise in Kolumbien und Honduras.

Handlungsspielräume in Deutschland: Wo Vergabe Agrarökologie verstärken kann

In Deutschland fehlen bislang vergleichbare politische Rahmenvorgaben – und damit eine klare Selbstverpflichtung, um agrarökologisch wirtschaftende Betriebe gezielt über die öffentliche Beschaffung zu fördern.

Trotzdem gibt es bereits heute Spielräume, die in der Vergabe genutzt werden können – entscheidend ist dabei, wie wir über Agrarökologie sprechen. Zwar schafft der Begriff innerhalb der Bewegung Verbindung, im deutschen Beschaffungskontext braucht es jedoch eine Übersetzung in konkrete, belegbare Kriterien. Statt in Konkurrenz zu anderen Nachhaltigkeitsanforderungen zu treten, können so strategische Synergien genutzt werden: In Schulessensausschreibungen lassen sich beispielsweise soziale und ökologische Eignungs- und Zuschlagskriterien festlegen, wie Bio-Quoten, saisonale Verfügbarkeit oder die Förderung kurzer Lieferketten durch einen Zuschlag für eine geringere CO₂-Bilanz im Transport.

Einige Städte gehen bereits einen Schritt weiter und verankern anspruchsvollere Vorgaben für die Lebensmittelbeschaffung in Ratsbeschlüssen oder kommunalen Ernährungsstrategien. Ergänzend zeigen zahlreiche Pilotprojekte wie „Essen mit Zukunft“, wie diese Spielräume erfolgreich genutzt werden können, unterstützt durch gezielte Schulungen von Verwaltungsangestellten und Küchenpersonal.

Durch die strategische Nutzung dieser Möglichkeiten kann die öffentliche Beschaffung schon jetzt ein wichtiger Baustein für eine agrarökologische Transformation sein. In diesem Jahr steht zudem eine Reform des EU-Vergaberechts an. Dieser Prozess bietet eine Chance, soziale und ökologische Kriterien in Ausschreibungen verbindlich zu verankern und damit förderliche Strukturen für agrarökologische Gemeinschaftsverpflegung zu stärken.

Anne Sträßer

Ich bin für Ihre Fragen da:

Anne Sträßer
Referentin im Bereich nachhaltige Ernährungs- und Agrarsysteme und öffentliche Beschaffung
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