Mittelamerika

Zwischen zwei Kontinenten – Geschichte und Gegenwart Zentralamerikas

Eine Buchvorstellung von Dieter Boris

Das Buch „Zwischen zwei Kontinenten – Geschichte und Gegenwart Zentralamerikas“ ist im Aschendorff-Verlag erschienen. Die Christliche Initiative Romero (CIR) stellt aufgrund ihrer jahrzehntelangen Verbundenheit mit der Region Mittelamerika an dieser Stelle eine Rezension des Buchs von Dieter Boris vor.

Während in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts zahlreiche politische Ereignisse in Zentralamerika häufig auch hierzulande in den Medien an prominenter Stelle auftauchten (v. a. die „Bürgerkriege“ in Nicaragua und El Salvador), sich mit beiden Ländern und den dortigen Befreiungsbewegungen die bis dahin breitesten Solidaritätsbeziehungen entwickelten, sind seit zwei oder drei Jahrzehnten nur in Ausnahmefällen (bei Naturkatastrophen oder im Falle von Karawanen verzweifelter Migrant*innen, die in die USA wollen, bei Gewalt- und Kriminalitätsexzessen) entsprechende Meldungen über diese Region zu vernehmen.

Umso begrüßenswerter ist es, dass nun ein umfangreiches und äußerst solides Werk zu Zentralamerika von dem Leipziger Lateinamerika-Experten Peter Gärtner herausgebracht wurde (s. Hinweis). Die fast tausend Seiten umfassende, reichhaltig und liebevoll ausgestaltete Monographie, die den Charakter eines Handbuchs angenommen hat, versucht die Region einerseits als Einheit und Gesamtheit, andererseits die einzelnen Länder in ihren Besonderheiten zu analysieren.

Unterschiedliche ökonomische und politische Entwicklungspfade

Nach einem einführenden Überblickskapitel behandelt das zweite und dritte Kapitel die wichtigsten historischen Etappen: Vorkoloniale, koloniale Zeit, Unabhängigkeitsperiode und Weltmarkteinbindung im 19. Jahrhundert. Mit letzterer ist in Zentralamerika (wie im übrigen Lateinamerika) die Entstehung und Konsolidierung der jeweiligen Nationalstaaten verbunden gewesen. Erst durch den Export eines oder mehrerer auf dem Weltmarkt nachgefragter Güter und der Generierung wachsender Zolleinnahmen konnten genügend Ressourcen von der (bis dahin sehr schwachen) nationalen Zentralgewalt zwecks Ausbaus der Infrastrukturen, der Staatsapparate, des Militärs, der Polizei und Justiz sowie eines rudimentären Bildungssystem eingesetzt werden.

Vor allem die „Kaffeestaaten“ (Costa Rica, El Salvador und Guatemala) waren dabei erfolgreicher als die in dieser Hinsicht „Nachzügler“ Nicaragua und Honduras.Der Verfasser zeigt auch plausibel auf, wie und warum es innerhalb der ersten Gruppe trotz gemeinsamer „Kaffeerevolution“ zu durchaus unterschiedlichen ökonomischen und vor allem politischen Entwicklungspfaden kam, die mit der Landeigentumskonzentration, der Bewirtschaftungsweise im Kaffeesektor und dem Vorhandensein oder der Abwesenheit indigener Arbeitskräfte eng zusammenhingen (200, 279ff.). Bei Überwiegen kleiner und mittlerer Kaffee-Fincas und knapper, daher relativ verhandlungsstarker, weißer Lohnarbeiter kam es – trotz gleichfalls präsenter Oligarchie – zu einer vergleichsweise demokratischen Entwicklungsvariante des Regimetyps (Fall Costa Rica). Bei Überwiegen des Großgrundbesitzes und Vorhandensein großer indigener Bevölkerungsanteile (die teilweise zu Zwangsarbeit auf Kaffeeplantagen eingesetzt wurden) waren eher diktatorisch-repressive Regime die Regel: Guatemala, El Salvador.

Modernisierungsversuche – und ihr Scheitern

Der militärisch erfolgreiche Kampf Augusto C. Sandinos (1927-1934) gegen die Versuche der USA, Nicaragua zu einem Protektorat zu machen (dem aber seine Ermordung durch Somoza und dessen Machtübernahme folgten) sowie das genozidale Massaker an der indigen-bäuerlichen Bevölkerung in El Salvador durch das Militär und die dortige Oligarchie (1932) leiteten einerseits den Übergang zu „personalistischen Militärdiktaturen“ für vier oder fünf Jahrzehnte ein, was sich aber andererseits tief ins kollektive Gedächtnis der jeweiligen Bevölkerung eingrub; dies war wegweisend für den Beginn relativ erfolgreicher Befreiungsbewegungen, die vor allem in der zweiten Hälfte der 70er Jahre an Bedeutung gewannen: Die Sandinistische Nationale Befreiungsfront (FSLN) in Nicaragua und die FMLN (Frente „Farabundo Martí“ para la Liberación Nacional) in El Salvador.

Das vierte Kapitel (332-552) behandelt vier „Modernisierungsanläufe und ihr Scheitern“. Dies vollzog sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in unterschiedlicher, teilweise entgegen gesetzter Weise. Gärtner differenziert dabei zwischen verschiedenen „Modernisierungstypen von unten“ (zugleich Demokratisierungsversuche) und „Mobilisierungstypen von oben“, wobei soziale Träger, Erfolge und Misserfolge und innere Widersprüche recht unterschiedlich waren. Neben dem relativ positiven Ausnahmefall Costa Rica – auf der Basis besonderer gesellschaftlicher Ausgangsbedingungen – steht das Scheitern der guatemaltekischen Revolution (1944-1954) vor allem infolge tatkräftiger US-Unterstützung der Konterrevolutionäre im Mittelpunkt.

Revolutionäre Wellen und Guerilla-Aktivitäten

Die revolutionären Wellen der 70er und 8oer Jahre, die von bedeutenden Guerilla-Aktivitäten vor allem in Nicaragua, El Salvador und Guatemala getragen waren, werden minutiös analysiert und bewertet. Auch hier waren die Ergebnisse durchaus unterschiedlich: von einem zeitweiligen (1979-1990) Erfolg der Sandinistischen Befreiungsfront in Nicaragua über eine quasi Pattsituation in El Salvador (festgeschrieben im Friedenvertrag von 1992) bis hin zu einem Rückschlag in Guatemala, der mit Massenmorden an der indigenen Bevölkerung einherging.

Der Friedensvertrag zwischen dem zivilen Präsidenten und der führenden guatemaltekischen Guerillaorganisation URNG wurde 1996 unterzeichnet. Allerdings ebneten die Kompromisse und die spezifischen Kräfteverhältnisse den Weg zur Rückkehr der jeweiligen Oligarchien an die Regierung, die ihr neoliberales Wachstumsmodell seit den 90er Jahren relativ ungehindert durchsetzen konnten (vor allem in Guatemala und El Salvador). Bei diesem traten nun zu den traditionellen Agrarexporten auch neue, wie z.B. Palmöl, hinzu, die sog. „Maquila“-Industrie (ausländische Lohnveredelungsbetriebe, die auf den Weltmarkt ausgerichtet sind), die wachsenden Rücküberweisungen der Migranten, ein ausgebauter Finanzsektor, der Tourismus, der Bergbau sowie der (illegale) Drogenhandel. „Es ist…. dieser oligarchische Neoliberalismus, der Demokratie und innergesellschaftlichen Frieden gleichermaßen untergräbt.

Mit dem Übergang ins 21. Jahrhundert wird dann deutlich, dass diese Variante der Modernisierung die Dauerkrise Zentralamerikas bis zum Gewaltexzess treibt und die Region weiter dem geopolitischen Zugriff Washingtons überlässt.“ (338)

Fehlstart ins 21. Jahrhundert

Das vorletzte Kapitel ist mit „Fehlstart ins 21. Jahrhundert“ betitelt, da zwar per Friedensabkommen und formeller Demokratisierung Fortschritte erzielt werden konnten, aber durch die intensivierte und diversifizierte neoliberale Politik die alten Probleme extremer sozialer Polarisierung sogar weiter zugespitzt wurden. Entsprechend konzentrieren sich die Analysen u.a. auf die seither forcierte Ressourcenplünderung, die ansteigenden Migrationswellen sowie die „Selbstmodernisierung der Oligarchie“ einerseits und die wachsende Opposition gegen Megaprojekte und Extraktivismus, die sich weiter entfaltenden Indigenen-, Frauen- und ökologischen Protestbewegungen andererseits.

Das letzte, sechste Kapitel schließlich resümiert auf einem theoretisch hohen Niveau noch einmal die Verläufe und Resultate der jüngeren historischen Entwicklung und wagt einen nüchternen Blick in die nahe Zukunft. Die – auch innerhalb der Linken insgesamt recht unterschiedlich beurteilten – neuesten Entwicklungen in Nicaragua werden beispielhaft thematisiert und mit einigen, hier wenig bekannten Differenzierungen versehen.

Fazit

Das imposante Werk Gärtners enthält natürlich viel mehr als sich in einem sehr kurzen Überblick formulieren lässt; z.B. auch Einzelstudien über neue „Akkumulationsachsen“ in Zentralamerika und regionale Konzentrationsprozesse im Bankensektor, die als Beispiele besonders innovativer Passagen angesehen werden können. Gleichzeitig ermöglicht das sehr detaillierte Inhaltsverzeichnis, am Ende eine Chronologie, ein Glossar, viele Tabellen und Karten einen selektiven Zugriff beim Lesen. Ein eng beschriebenes Literaturverzeichnis von fast 70 Seiten erspart den Gang in eine Spezialbibliothek. Kurzum, es handelt sich um eine herausragende Studie, die von „Laien“, Studierenden und „Experten“, die an Zentralamerika interessiert sind, gleichermaßen mit großem Gewinn gelesen werden kann.

Weitere Informationen

Hinweis:
* Peter Gärtner: Zwischen zwei Kontinenten. Geschichte und Gegenwart Zentralamerikas, 943 S., Aschendorff-Verlag: Münster 2020. Bezug: Buchhandel

Quelle: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung (W&E 01/2021)

Porträt von Thomas Krämer

Ich bin für Ihre Fragen da:

Thomas Krämer
Geschäftsführung, Referent für Nicaragua
kraemernoSpam@ci-romero.de
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