Oscar Romero

El Salvador

Romero 1980 – 2018

Dein Volk hat Dich heiliggesprochen

29. November 2018 / Dorothee Mölders

Dotothee Mölders vor einem Springbrunnen, über dem ein Banner mit dem Porträt Oscar Romeros hängt

Dorothee Mölders. Foto: privat

Dorothee Mölders lebt seit 1991 in El Salvador und arbeitet freiberuflich in der Entwicklungszusammenarbeit vor Ort. Für die Christliche Initiative Romero berichtet sie davon, wie Menschen in El Salvador Romeros Heiligsprechung am 14. Oktober 2018 erlebt haben.

38 Jahre nach jenem traumatischen und trostlosen 24. März 1980, dem Tag der Ermordung Romeros in El Salvador, ist es nicht einfach – aufgrund der Erinnerungen und Emotionen, die damit verbunden sind – in wenigen Worten auszudrücken, was heute, am 14.Oktober 2018, seine Heiligsprechung bedeutet. Romeros Tod änderte das Leben so vieler von uns!

In San Salvador gab es neben zahlreichen Veranstaltungen in Kirchengemeinden und Basisorganisationen am 13. Oktober auch zentrale Veranstaltungen. Im Verlauf des Nachmittags wurden auf zwei wichtigen Plätzen San Salvadors viele künstlerische und spielerische Aktivitäten für jedes Alter angeboten: Theater, Tanz, Musik, Statuen, Malerei, Fotoausstellungen, viele dieser Initiativen aus dem Landesinneren, u.a. aus so entlegenen Regionen wie Morazán. Am Abend bewegte sich dann eine Lichterprozession vom Platz „Salvador del Mundo” zur Plaza Cïvica vor der Kathedrale, im historischen Stadtzentrum. Dort begann eine „Vigilia“ (Nachtwache) mit einer Messe, danach Konzert, und um 2 Uhr morgens wurde dann auf mehreren großen Bildschirmen die Direktübertragung vom Petersplatz in Rom verfolgt.

All diese Aktivitäten wurden von einem Bündnis aus „institutionellen“ kirchlichen Organisationen, alternativen „romeristischen Kollektiven“, sozialen Organisationen und der nationalen Artikulation der Basisgemeinden organisiert. In diesem breiten Spektrum war es eine Herausforderung, einen Konsens zu finden und alle einzubinden. Dies war für außenstehende Besucher jedoch nicht zu spüren. Viele fanden es positiv, dass es eine gemeinsame Veranstaltung gab, im Gegensatz zur Seligsprechung vor drei Jahren, die ganz von der offiziellen Kirche geprägt war, und wo es eine parallele Nachtwache der alternativen Kollektive gab, da ihre Vorschläge im offiziellen Programm keinen Eingang fanden.

Vom gesamten Spektrum einstimmig angenommen wurde jedoch das Leitwort des 13. Oktober: Dein Volk hat Dich heiliggesprochen. Der in einem Gedicht des Theologen Pedro Casaldaglia geprägte Satz ist zum einen eine Anspielung darauf, dass Romero von den Armen des Landes, deren Stimme er war, schon unmittelbar nach seinem Tod als heilig betrachtet wurde – wofür die salvadorianische und römische Kirche 38 Jahre brauchten. Zum andern drückt er auch aus, dass es der direkte Kontakt mit dem Elend der Menschen war, der Romeros Wandlung zu einem entschlossenen Verteidiger ihrer Menschenrechte in Gang gesetzt hat.

Der Platz vor dem Nationalpalast und der Kathedrale zu den Feierlichkeiten am 14. Oktober 2018

Der Platz vor dem Nationalpalast und der Kathedrale zu den Feierlichkeiten am 14. Oktober 2018. Foto: Dorothee Mölders

Unter diesem Leitwort, auf der Plaza Cívica auf einem riesigen Transparent präsent, versammelten sich dann in der Nacht des 13. Oktober etwa 30.000 Menschen, wohl die größte Ansammlung auf diesem historischen Platz seit den Feiern zum Friedensvertrag am Ende des Bürgerkriegs 1992. Eine großformatige Fotoausstellung in der angrenzenden Fußgängerzone erinnerte auf der einen Seite an Schlüsselmomente im Leben Romeros, und auf der anderen Seite an Momente der sozialen Bewegungen: darunter auch das Massaker auf diesem Platz am Tag der Beerdigung Romeros, als staatliche Sicherheitskräfte vom Dach des Nationalpalastes aus in die Menschenmenge schossen, was Panik verursachte und über 40 Menschen das Leben kostete.

Aber wenigstens für einen Tag und eine Nacht war an diesem 13. Oktober das historische Zentrum, heute erneut ein Schauplatz der Gewalt, wo rivalisierende Banden mit Erpressung und Waffengewalt Straßenzüge und Plätze unter ihre Kontrolle bringen und Terror in der Bevölkerung verbreiten, ein Ort der Feier, der Freude, der Solidarität und der Begegnung zwischen Generationen.

Ohne Zweifel gibt es weiterhin Sektoren innerhalb der Kirche und in der politischen Rechten, die versuchen, das Bild Romeros zu verwischen, im Sinne einer weniger radikalen und herausfordernden Persönlichkeit. Aber bis heute, 38 Jahre nach seiner Ermordung, sind sie damit nicht weit gekommen. Die vielen lokalen und zentralen Aktivitäten um den Tag der Heiligsprechung herum, sowie spontane Aussagen selbst von jungen Menschen oder Menschen ohne besondere politische oder spirituelle Anbindung, belegen klar die Kraft und Überlegenheit einer kollektiven Erinnerung an Romero im Sinne eines Kämpfers für soziale Gerechtigkeit und die Menschenrechte der Ärmsten. Ein historischer Sieg! Nachfolgend einige Aussagen, die die persönliche und kollektive Dimension der Heiligsprechung belegen, und eine gemeinsame Überzeugung: Romero lebt in den sozialen Kämpfen der Gegenwart.

Julio Rivera (47), Nueva Trinidad, Leiter des lokalen Kulturzentrums, aktives Mitglied der Pfarrgemeinde und Überlebender des Sumpul-Massakers:

„In meiner Familie, meiner Gemeinde und im ganzen Land herrscht ein Gefühl des Triumphes; dies haben wir zum Ausdruck gebracht, indem wir seine Predigten gehört und Dokumentarfilme angeschaut haben; Triduos, Nachtwachen, Prozessionen und Messen gefeiert haben und schließlich die Heiligsprechung in Rom auf einem großen Bildschirm in der Kirche verfolgt haben, die überfüllt war, obgleich dies um zwei Uhr morgens war. Alles, um Romero zu ehren. Kinder, Jugendliche, alte Menschen, Männer und Frauen – alle haben bei den Feierlichkeiten für unseren Heiligen, San Romero de América und der Welt, mitgemacht.
Das Leitthema „Dein Volk hat Dich heiliggesprochen“ muss heute umgekehrt wirksam werden: sein Beispiel von Engagement für die Menschen und Mut, bis zur Hingabe seines Lebens, sollte uns ermutigen und uns in die Pflicht nehmen, weiterhin gegen Ungerechtigkeit, gegen Lüge und Straffreiheit, gegen Bequemlichkeit, Hass, Egoismus und Spaltung zu kämpfen. Dann würde der Satz wahr „ich werde im salvadorianischen Volk auferstehen“.

Bessi Ramírez (33), Santa Catarina Masahuat, Angehörige der indigenen Bevölkerung Nahua-Pipil, Journalistin bei „Radio Sensunat“:

„Dieses Ereignis erinnert uns alle daran, dass man Christentum nicht spiritualistisch leben kann; in Worten, aber ohne Engagement, abseits von der Realität, in der unsere Bevölkerung lebt. Es lädt uns ein, das Reich Gottes auf Erden zu errichten, das auf Gerechtigkeit, Wahrheit, Förderung der Menschenwürde und des Gemeinwohls basiert. Die Kanonisierung Romeros hat im Land viel Aufmerksamkeit gefunden, einschließlich der Sektoren, die immer noch vom Hass erfüllt sind, von dem gleichen Hass, der ihn getötet hat. Monseñor Romero wurde heiliggesprochen, bevor die Justiz seine Mörder erreicht hat: die salvadorianische Justiz, Komplize bei den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die am salvadorianischen Volk verübt wurden, für das er als Hirte – heute heiliggesprochen – gekämpft hat.“

Astrid Francia (29), San Salvador, Anthropologin im Kulturministerium:

„Die Erinnerung an Romero ist bei sehr vielen Salvadorianern latent präsent. Ich selbst kannte ihn nicht, aber meine Mutter hat mir von klein auf die Arbeit und Aufopferung Monseñor Romeros für die Ärmsten in unserem Land nahegebracht. Und als ich älter wurde, habe ich nach und nach ein umfassenderes Bewusstsein für die historische, soziale, symbolische, religiöse und kulturelle Bedeutung dieser großen Persönlichkeit entwickelt. Jedes Jahr nehme ich mit meinem kleinen Sohn als treue Gläubige seiner Worte an den Gedenkfeiern zu seinem Tod und seiner Geburt teil. Für mich persönlich ist San Romero ein Licht in der Dunkelheit; jemand, der für mich eintritt, zu dem ich beten kann und den ich um Schutz für meine Familie und alle Salvadorianer bitte, und um Wahrheit und Gerechtigkeit für unser geliebtes Land.“

Nicolás Sánchez Vides (59), Nahuizalco. Mitglied der indigenen Basisgemeinde “Monseñor Romero”, Kanton Pushtan:

„In der Nacht vom 13. Oktober ist die ganze Basisgemeinde von Pushtan nach Nahuizalco gefahren, um dort in der Pfarrei die Nachtwache zur Kanonisierung unseres Heiligen Romero zu erleben. Die Pfarrei hatte dafür einen Wettbewerb für Lieder und Gedichte über Romero organisiert. In der Familie haben wir die Nachrichten über dieses wichtige Ereignis auch über das Fernsehen verfolgt. Ich persönlich danke Gott dafür, dass er uns einen Heiligen, Märtyrer und Verteidiger der Menschenrechte geschenkt hat; und nicht nur unserem Land, sondern der Welt. Ich bin ein Anhänger Monseñor Romeros, seine Worte inspirieren mich, seine Gedanken und sein Beispiel als Hirte und Prophet. Deswegen habe ich mit großem Enthusiasmus und Hoffnung das Ereignis gefeiert, das mich auch an meine Jugend erinnert – ich war 20 als er starb – und an den Krieg, den wir damals erlebt haben.“

Rosa Noemí Ortíz (67), Bajo Lempa, Usulután. Ordensschwester der “Misioneras de la Pequeña Comunidad”, einer aus den Basisgemeinden entstandenen Kongregation:

„Heute sollten wir uns in acht nehmen, dass wir Romero nicht zu einem Heiligen des Kultes, sondern der Nachfolge machen. Dass die neuen Generationen ihn kennenlernen… Lasst uns die Freude, die wir heute empfinden, in Form der realen Nachfolge kanalisieren, um aus dieser salvadorianischen Gesellschaft das zu machen, was Jesus uns gesagt hat: das Reich Gottes…
Wir müssen an diesem Tag eine Verpflichtung zur Verteidigung des Lebens eingehen und alle Initiativen unterstützen, die darauf gerichtet sind. Wie Monseñor Romero sagte: Was wichtig ist, ist das Leben der Menschen.
Ich möchte hier vor allem unterstreichen, dass wir nicht zulassen können, dass das Wasser privatisiert wird; Wasser ist ein Menschenrecht. Wir wollen auch, dass über dieses System, das soviel Tod verursacht hat, Recht gesprochen wird; aber nicht aus Rachsucht, sondern weil wir wissen wollen, wer die Urheber sind, die den Tod so vieler unserer Söhne und Töchter verursacht, beschlossen und organisiert haben; denn wir wollen nicht, dass sich dies wiederholt.
Wir müssen auch die Korruption, die heute in allen Bereichen herrscht, denunzieren. Wir müssen die Lüge entlarven, mit der fast alle Medien nur Konfusion verbreiten. Und das politische Geschwätz: In den Reden stecken keine Wahrheiten, nur wirtschaftliche Interessen… Es gibt so viel zu tun… Lasst es uns riskieren!“

Fausto Milla (91), Santa Rosa de Copán, Honduras. Katholischer Priester, als Seminarist in der Pfarrei Romeros; als Pfarrer in Honduras unterstützte er salvadorianische Flüchtlinge im Bürgerkrieg; selbst Opfer politischer Verfolgung, exiliert in Mexiko. Seit seiner Rückkehr verbreitet er alternative und kulturell angepasste Ernährung und Naturheilkunde in Armutsregionen in Honduras. Zitat aus seiner Ansprache am 13. Oktober:

„An diesem Ereignis teilzunehmen ist das Wichtigste in meinem Leben, in meinem Alter von 91 Jahren. Ich sehe Romero als einen Freund, einen Gefährten. Ich habe ihn kennengelernt, als er Pfarrer in San Miguel war, damals war er um die 35. Heute wäre er 101. Und obgleich Jahre vergingen, ohne ihn persönlich zu treffen, war ich über den Radiosender YSAX und den Kampf des salvadorianischen Volkes immer auf seinen Spuren.
Heute wird seine Prophezeiung “Ich werde im Volk auferstehen” wahr! Hier sind wir: das salvadorianische Volk, das ihn heiligspricht. Es ist die wichtigste Heiligsprechung, die seit dem Tag nach seinem Tod stattfand. Und dieses hier wird der Altar sein, auf dem Romero vor der Welt leuchtet, denn er sagte “ich werde auferstehen”, das heisst: ich werde immer leben. Romero lebt hier, dies ist der Altar Romeros: Jeder von euch ist eine Blume, jeder von euch ein Mikrophon Romeros. Nicht nur für El Salvador, sondern für die ganze Welt.”

Ein großes Dankeschön!

Viele von Ihnen haben mit einer Spende dazu beigetragen, dass auch Mitglieder der Basisgemeinden an den Feierlichkeiten zur Heiligsprechung in San Salvador teilnehmen und sich mit Romeros Bedeutung heute auseinandersetzen konnten.

Im Namen unserer Partnerorganisation FUNDAHMER bedanken wir uns dafür ganz herzlich bei Ihnen!

Fragen? Rufen Sie uns gerne an: +49 (0) 251 / 67 44 13 – 0