Beschaffung

Saubere Arbeitskleidung für die Stadt Dortmund

Im Jahr 2015 hat die Stadt Dortmund eine innovative Pilotausschreibung zur Beschaffung von Berufsbekleidung veröffentlicht. Hier finden Sie weitere Informationen, wie dies abgelaufen ist und wie Sie dies in Ihre Kommune übertragen können.

unterschiedliche Kleidungsstücke sozial veranstwortlich produzierte Berufsbekleidung

Foto: Stefanie Kleemann (Stadt Dortmund)

Mit einem hohen Ausschreibungswert und innovativen Konzepten zu sozialen Standards konnte die Stadt Dortmund Bewegung in die Branche bringen. Der Händler ATLAS Schuhfabrik GmbH & Co. KG aus Dortmund hat den Zuschlag für den Rahmenvertrag erhalten und beliefert die Stadt Dortmund nun mit Arbeitsbekleidung, die unter höchsten sozialen Standards hergestellt wurde. Laut Aiko Wichmann, dem stellvertretenden Leiter des Vergabe- und Beschaffungszentrums, wird dieses Pilotprojekt zum Prinzip für alle zukünftigen Einkäufe.

Auftraggeber*in (zentral, dezentral)

In der Stadt Dortmund werden Produkte und Dienstleistungen für alle Fachbereiche zentral durch das Vergabe- und Beschaffungszentrum beschafft. Das Beschaffungszentrum hat sich soziale und ökologische Verantwortung für den Einkauf auf die Fahnen geschrieben und wagt sich immer wieder an neue Strategien zur öko-sozialen Beschaffung heran – zum Beispiel im EU-Projekt „Jede Kommune zählt!“ gemeinsam mit der CIR.

Gesamtvolumen

Ausgeschrieben wurde ein Rahmenvertrag für Berufs- und Schutzbekleidung für verschiedene Fachbereiche (z.B. Ordnungsamt, Zoo usw.) im Wert von über 100.000 Euro (für zwei Jahre).

Produkte

Die Pilotausschreibung beinhaltete folgende Produkte, die in Produktgruppen zusammengefasst wurden: T-Shirts (Los 1), Hemden, Pullover, Hosen (Los 2), Jacken und Regenschutz (Los 3), Unterwäsche, Socken und Handschuhe (Los 4) und Diverses (Los 6).

Problemfeld

In den Lieferketten der Bekleidungsproduktion kommt es von der Baumwollernte über das Spinnen und Weben bis hin zur Konfektionierung zu einer Vielzahl von Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen: In Indien haben in den letzten Jahren Hundertausende Baumwollproduzent*innen Selbstmord begangen, weil sie sich das Saatgut nicht mehr leisten können und keine fairen Abnehmerpreise bezahlt bekommen. In den Nähbetrieben Asiens, Afrikas und Lateinamerikas werden grundlegende Arbeitsrechte wie das Recht auf Vereinigungsfreiheit und eine begrenzte Arbeitszeit verletzt. Außerdem steht der enorm hohe Arbeitsdruck einem Lohn gegenüber, der nicht annähernd die Grundbedürfnisse der Familie abdeckt. Mit dem Einkauf ein Zeichen gegen diese katastrophalen Bedingungen zu setzen, ist die Motivation der Mitarbeitenden des Beschaffungszentrums: „Gespräche mit Gewerkschafter*innen über die Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter*innen und das Unglück in Rana Plaza haben bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, sagt Aiko Wichmann, der stellvertretende Leiter der Einrichtung.

Geforderte Sozialstandards

In Bezug auf die geforderten Sozialstandards entschieden sich die Mitarbeitenden des Beschaffungszentrums und die CIR als Beraterin für eine Zweiteilung der Ausschreibung:
Bei einfachen Textilprodukten wie T-Shirts wurden die Kriterien des Fairen Handels in Bezug auf die Baumwollproduktion verlangt. Da der Aufwand für das Nähen dieser Produkte vergleichsweise gering ist, entschieden sich die Projektbearbeiter*innen die sozialen Kriterien hier auf die Baumwollernte zu konzentrieren. Nach einer Mitteilung der EU-Kommission beinhaltet der faire Handel folgende Kriterien: faire Abnehmerpreise, Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen, Transparenz und Rückverfolgbarkeit entlang der gesamten Lieferkette und die Kontrolle der Kriterien. Der Nachweis zum fairen Handel kann bei Textilien durch das Siegel Fairtrade certified cotton erbracht werden.
Bei komplexeren Produkten wie Arbeitsjacken oder Schutzhosen fällt ein hoher Aufwand bei der Konfektionierung der Kleidungsstücke an. Hier wurde die Einhaltung sozialer Standards bei der Herstellung der Bekleidung verlangt. Der Nachweis konnte durch zwei verschiedene Varianten erbracht werden:

  • Die Mitgliedschaft bei einer Multistakeholder-Initiative, in der Gewerkschaften, NGOs und Unternehmen gleichberechtigt beteiligt sind und welche die Einhaltung der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO, englisch: ILO) überprüft. Die Kernarbeitsnormen umfassen folgende Rechte: Abschaffung der Zwangsarbeit, Recht auf Vereinigungsfreiheit und Kollektiverhandlungen, Verbot der Diskriminierung im Beruf und Verbot der ausbeuterischen Kinderarbeit. In Europa ist die bekannteste Multistakeholder-Initiative die Fair Wear Foundation (FWF).
  • Verpflichtung zu zielführenden Maßnahmen: Verabschiedung eines Verhaltenskodex, der die ILO-Kernarbeitsnormen beinhaltet; Offenlegung der Lieferkette des Produkts und die Vorlage eines Auditberichts für die entsprechenden Fabriken.


Strategien

Marktforschung: Vor der Erarbeitung der Ausschreibung wurde eine Marktforschung durchgeführt, um herauszufinden, ob bestimmte Produkte unter den geforderten sozialen Standards bereits angeboten wurden. Bei einigen Produkten, welche die Stadt Dortmund standardmäßig beschafft, wurden daraufhin technische Details wie Dicke der Stoffe und oder die Farbe von T-Shirt angepasst.
Dialog mit Unternehmen: Einige Monate vor der Veröffentlichung der Ausschreibung führte die Stadt Dortmund zusammen mit NGOs wie der CIR einen Bieterdialog (Fachgespräch) durch, in dem die Stadt die Zielsetzung der Ausschreibung Vertreter*innen von Unternehmen vorstellte. Außerdem hat die Stadt im Online-Portal Vergabemarktplatz NRW Fragen der Unternehmen zu den Sozialstandards in Zusammenarbeit mit der CIR beantwortet.
Verschiedene Sozialstandards: Die Stadt Dortmund entschied sich, für verschiedene Produkte unterschiedliche Sozialstandards zu fordern, um typischen Arbeitsrechtsverletzungen in der Lieferkette zu begegnen. Da bei T-Shirts, die meiste Arbeit bei der Baumwollproduktion anfällt und der Aufwand bei der Konfektionierung vergleichsweise gering ist, wurde hier der Nachweis des fairen Handels gefordert. Dagegen wurde für komplexere Produkte mit einem niedrigeren Baumwollanteil eine Mitgliedschaft bei einer Multistakeholder-Initiative gefordert, die Arbeitsrechte beim Produktionsschritt des Nähens umsetzt und kontrolliert.
Zielführende Maßnahmen als Alternative: Mit dem Instrument der zielführenden Maßnahmen konnten sich auch Unternehmen bewerben, die Sozialstandards nicht ausreichend in ihren Lieferketten umgesetzt haben, aber bereit sind, sich auf erste Maßnahmen zu verpflichten.

Lessons learned
  • Mit Unternehmen in den Dialog treten, zum Beispiel durch Bieterdialoge, und so Missverständnisse aus dem Weg räumen.
  • Hohe Standards fordern, zum Beispiel eine Mitgliedschaft bei einer Multistakeholder-Initiative wie der Fair Wear Foundation (FWF).
  • Für Unternehmen, die noch keine Maßnahmen für Sozialstandards ergriffen haben, zielführende Maßnahmen in Ausschreibungen zulassen.
  • Sich an große Ausschreibungen heranwagen, um Unternehmen zu motivieren, Sozialstandards in ihren Lieferketten umzusetzen.

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Porträt von Christian Wimberger

Ich bin für Ihre Fragen da:

Christian Wimberger
Referent für Unternehmensverantwortung, Bergbau, öffentliche Beschaffung, Guatemala
wimbergernoSpam@ci-romero.de
Telefon: 0251 - 674413-21

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