Kleidung

Immernoch un(ter)bezahlt

Lohndiebstahl belastet Textilarbeiter*innen in der Pandemie enorm

Foto: Clean Clothes Campaign (CCC)

Nach über einem Jahr Krise werden Textilarbeiter*innen weltweit über 11,85 Milliarden US-Dollar an unbezahlten Löhnen und Abfindungen geschuldet. Zwei neue Berichte der Clean Clothes Campaign, der internationalen Kampagne für Saubere Kleidung, in der die Christliche Initiative Romero Mitglied ist, gehen auf die verheerenden Auswirkungen der Krise auf die Arbeiter*innen ein.

Der CCC-Bericht BREAKING POINT

H&M, Nike und Primark bürden Textilarbeiter*innen während der Pandemie noch mehr auf. Die internationale Clean Clothes Campaign veröffentlichte am 2. Juli 2021 den Bericht „Breaking point – Wage theft, violence and excessive workloads are pushing garment workers to breaking point during the pandemic“ (Lohndiebstahl, Gewalt und übermäßige Arbeitsbelastungen treiben die Arbeiter*innen der Bekleidungsindustrie in der Pandemie an die Grenzen der Belastbarkeit).

In dem Forschungsbericht stellt die internationale Clean Clothes Campaign (CCC) fest, dass H&M, Nike und Primark die Fabrikarbeiter*innen in ihren Lieferketten in Bangladesch, Kambodscha und Indonesien während der COVID-19-Pandemie in die Verzweiflung trieben. Interviews mit 49 Arbeiter*innen in diesen Ländern zeigen, dass die durch das Coronavirus ausgelöste Krise weiterhin verheerende Auswirkungen auf die Löhne, Arbeitsbedingungen und Arbeitsrechte der Arbeiter*innen hat.

H&M, Primark und Nike tun nicht genug für den Schutz ihrer Arbeiter*innen

Die CCC entschied sich, die Lieferketten dreier Marken zu untersuchen, die im letzten Jahr beträchtliche Gewinne erzielten und häufig in ihrem Liveblog auftauchten. Der CCC-Blog sammelt Informationen darüber, wie die Auswirkungen der Coronakrise die Rechte der Textilarbeiter*innen in den Lieferketten auf der ganzen Welt beeinflussen. „Während dieser Bericht einen tieferen Einblick in die Lieferketten von drei Marken gibt, betonen wir, dass viele andere Unternehmen ähnliche Verstöße begangen haben“, erklärt Meg Lewis, Autorin von „Breaking Point“.

Die Untersuchung zeigt, dass es in den Lieferketten von H&M, Primark und Nike während der Pandemie zu Lohndiebstahl kam. Die Modemarken tun eindeutig nicht genug, um die Arbeiter*innen vor den finanziellen Auswirkungen der COVID-19-Krise zu schützen. Diese Auswirkungen werden zu einem großen Teil durch die Geschäftsentscheidungen der Marken, Aufträge zu stornieren oder zu kürzen und die Preise zu drücken, verursacht. Das durchschnittliche Monatseinkommen der befragten Arbeiter*innen ist gesunken. 11 Primark-Arbeiter*innen schätzen, dass ihnen insgesamt 2.890 Dollar geschuldet werden, 18 H&M-Arbeiter*innen schätzen den ihnen geschuldeten Betrag auf 2.368 Dollar und 13 Nike-Arbeiter*innen schätzen, dass ihnen 1.527 Dollar geschuldet werden. Darüber hinaus berichten die Arbeiter*innen von erhöhten Produktionsvorgaben, unsicheren Arbeitsbedingungen und Schikanen durch das Management.

„Die Geschichten, die Arbeiter*innen mit uns geteilt haben, sind voller Verzweiflung und Angst: ‚Werde ich diesen Monat ein Einkommen haben und werde ich meine Familie heute ernähren können?‘ Einfach ausgedrückt: Die Marken und Fabriken treiben die Arbeiter*innen während der Pandemie über ihre Belastungsgrenze hinaus“, so Meg Lewis.

Der CCC-Bericht „STILL UNDERPAID“

Still Un(der)paid„, am 19. Juli 2021 von der CCC veröffentlicht, präsentiert eine aktualisierte Schätzung von nicht ausgezahlten Löhnen für den Zeitraum von März 2020 bis März 2021. Der Bericht baut auf dem CCC-Bericht „Un(der)paid in the Pandemic“ vom August 2020 auf, in dem die Einkommens- und Abfindungsverluste für die ersten drei Monate der Pandemie auf 3,2 bis 5,8 Milliarden US-Dollar geschätzt wurden.

Obwohl Modemarken und -händler wieder in die Gewinnzone zurückgekehrt sind, sehen sich viele Arbeitnehmer*innen nach einem Jahr, in dem die Arbeitgeber Löhne einbehalten oder gekürzt haben, mit großen Schwierigkeiten konfrontiert, da sie mit plötzlichen Schließungen und Einkaufspraktiken wie der Nichtbezahlung von Waren, plötzlichen Auftragsstornierungen und einseitigen Preissenkungen konfrontiert waren. Angesichts alarmierender neuer Spitzenwerte bei den COVID-Infektionsraten in verschiedenen Regionen der Welt gibt es keine Anzeichen dafür, dass dies die letzte Rechnung sein wird.

Lohnlücken doppelt so groß wie Monatsgehalt

Die CCC hat über sieben wichtige asiatische Produktionsländer Untersuchungen angestellt: Bangladesch, Kambodscha, Indien, Indonesien, Sri Lanka, Myanmar und Pakistan. Arbeiter*innen in allen untersuchten Ländern, mit Ausnahme von Indonesien, haben mit einer Lohnlücke zu kämpfen, die mindestens doppelt so groß ist wie ihr durchschnittlicher Monatslohn.

Schätzungsweise 1,6 Millionen Textilarbeiter*innen wurden in den sieben Ländern während der Pandemie und der Lockdowns entlassen, dabei zeigen die Recherchen der CCC, dass viele entlassene Arbeiter*innen nicht ihre vollen gesetzlichen Ansprüche auf Abfindungen erhielten. Während der Arbeitsniederlegungen aufgrund von Lockdown oder Auftragsstornierungen wurde den Arbeiter*innen oft nur ein kleiner Prozentsatz ihres üblichen Lohns gezahlt, der in jedem Fall weit unter einem existenzsichernden Lohnniveau liegt. Infolgedessen sind viele Textilarbeiter*innen mit hohen Schulden konfrontiert und sie und ihre Familien mussten während der Pandemie hungern.

Modemarken müssen Arbeitnehmer*innenrechte respektieren

Die CCC ist sich sicher, dass in den letzten drei Monaten der weltweite Betrag, der den Arbeiter*innen geschuldet wird, auf über 11,85 Milliarden US-Dollar angewachsen ist. Der Betrag wird weiter ansteigen, wenn Marken, Arbeitgeber und Regierungen nicht sofort handeln.

Mit einem Bündnis von über 230 Organisationen, darunter 70 Gewerkschaften, fordert die CCC die Modemarken auf, eine durchsetzbare Vereinbarung auszuhandeln. Eine solche verbindliche Vereinbarung soll von von Gewerkschaften mit Marken, einzelnen Arbeitgebern oder Arbeitgeberverbänden ausgehandelt und unterzeichnet werden. Sie wird von den unterzeichnenden Marken verlangen, sicherzustellen, dass die Arbeiter*innen in ihren Lieferketten während des Zeitraums der Covid-19-Pandemie ihre regulären Löhne erhalten, zusätzlich die Zahlung von Abfindungen für entlassene Arbeiter*innen in Fabriken gewährleisten und die grundlegenden Arbeitnehmerrechte respektieren.


Porträt von Sandra Dusch Silva

Ich bin für Ihre Fragen da:

Sandra Dusch Silva
Referentin für nachhaltige Lieferketten und Kleidung
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