Indigene

Weiße Bilder von Indigenen

Wer gibt hier eigentlich was über wen preis?

Dies ist ein Ausschnitt des Posters Mesoamerica Resiste Bildbearbeitung: CIR

In der presente und in unserer Arbeit sind wir immer bemüht, kein stereotypes Bild von unseren Partner*innen und ihren mittelamerikanischen Ländern zu zeichnen. Aber gerade bevor wir uns in dieser Ausgabe verstärkt mit indigenen Gruppen befassen, möchten wir zunächst einen Schritt zurückzutreten und die eigene Perspektive und Rolle kritisch betrachten.

In „Der Westen und der Rest“ hat Stuart Hall 1995 ausformuliert, dass die Art und Weise, wie in Europa nicht-europäische Menschen und Gesellschaften dargestellt und beschrieben werden, mehr über die Betrachtenden als über das Betrachtete erzählen. In vielen entwicklungspolitischen Organisationen in Deutschland wird aus der guten Absicht heraus gehandelt, im Zeichen von Gerechtigkeit solidarisch mit Menschen im Globalen Süden zu sein. Dennoch werden nicht selten stereotype Bilder der „Hilfsbedürftigen“ gezeichnet.

In Statistiken wird von insgesamt circa 50 Millionen „Indigenen“ in Lateinamerika und der Karibik ausgegangen – die meisten davon in Hochlandregionen der Anden und Zentralamerikas. Was jedoch genau unter dem Begriff zu verstehen ist, bleibt oft vage. Die sogenannte Cobo-Definition spricht von „indigenen Völkern“ wenn eine Gruppe vorkoloniale Ahnen und speziellen Bezug zu einem Territorium hat, kulturelle Eigenheiten bewahren möchte und marginalisiert wird.

In Zahlen bedeutet das: Unter dem Begriff „indigene Gruppen“ sind allein in Mittelamerika aktuell über 30 verschiedene Gruppierungen zusammengefasst, die mindestens genauso viele Sprachen sprechen, auf alle Nationalstaaten und über ihre Staatsgrenzen hinweg verteilt sind. Ihre Lebensrealitäten unterscheiden sich je nach sozioökonomischem Status, Landrechten bzw. Dynamiken von Enteignung, Geschlechterverhältnissen und Stadt-Land-Gefälle enorm. Diese vielfältigen Realitäten gehen in vereinheitlichenden Begriffen zumeist verloren.
Sprache spielt dabei eine wichtige Rolle: Vorherrschend ist derzeit von „Indigenen“ zu sprechen. Doch ersetzt der Terminus nicht nur seine älteren Pendants? Nach wie vor wird der Begriff ausschließlich auf außereuropäische Menschen bezogen und führt damit die Tradition fort, all diesen Menschen Gemeinsamkeiten, aber auch „Rückständigkeit“ und „Primitivität“ zu unterstellen.

Koloniale Muster erkennen

In den letzten Jahren haben verschiedenen Publikationen eine Debatte über koloniales Denken und Rassismen in der entwicklungspolitischen Landschaft anstoßen können. Koloniale Kontinuitäten in der Entwicklungszusammenarbeit generell und in der Repräsentation von „Indigenen“ herauszuarbeiten, bedeutet keineswegs, seit der Kolonialzeit habe kein Wandel in der Darstellung stattgefunden. Doch diese kolonialen Muster haben die aktuell angeprangerten Ungleichheiten erst ermöglicht und verstetigt. Deshalb ist es notwendig, sie zu identifizieren:

  • „Indigene Gruppen“ werden oftmals als traditionell, naturverbunden, arm, passiv und letztlich hilfsbedürftig dargestellt.
  • Indigene werden trotz verschiedenster Sprachen und Praktiken in Darstellungen als eine Gruppe gesehen.
  • Letztlich wird ein nicht-europäisches, rückständiges „Anderes“ gezeichnet, in dessen Spiegel die eigenen Werte, die eigene Zivilisation als überlegen erscheinen.
  • Die damit verbundene Hierarchisierung ist die Basis dafür, die eigenen (westlichen) Lösungskompetenzen für die identifizierten Probleme vor Ort bereitzustellen. Das bedeutet oft, Entwicklungsprozesse in die „Treuhandschaft“ von zumeist weißen, westlichen „Entwicklungsexpert*innen“ sowie einheimischen Eliten zu geben und die eigenen Technologien, Werte und Erkenntnisse als universell übertragbar anzunehmen.
  • Gleichzeitig wird das Versagen darin, „indigene Völker weltweit anzuerkennen“ zumeist auf innerstaatliche Abläufe zurückgeführt. In Länderpapieren der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (giz) zu Guatemala wird beispielsweise auf mangelhafte Integrationsbestrebungen des Staates sowie touristische Vermarktung „indigener Kulturen“ verwiesen, jedoch nicht auf die historische Dimensionen dieser Ungleichheiten, sprich: die spezifische Rolle des europäischen Kolonialismus dabei und die aktuelle kapitalistische Ausbeutung der Ungleichheitsstrukturen in der Region.

Dies ist ein Ausschnitt des Posters Mesoamerica Resiste Bildbearbeitung: CIR

Kritische Reflexion

Kritische Stimmen, die sich von stereotypen Repräsentationen emanzipieren, finden sich durchaus vielfältig. In lateinamerikanischen Räumen arbeiten Aktivist*innen (z.B. Mujeres Indígenas de las Américas) wie Akademiker*innen (z.B. María Lugones oder Ochy Curiel) seit Jahrzehnten an der Anerkennung nicht-westlicher Perspektiven. Ihre Stimmen gehen allerdings auf Grund kolonialrassistischer Verhältnisse selten in aktuelle Debatten der deutschen Entwicklungszusammenarbeit ein.

Im deutschsprachigen Raum werden zwar seit einigen Jahren vermehrt postkoloniale Perspektiven und Erkenntnisse der Kritischen Weißseinsforschung diskutiert, doch das Bild des „Indianers“ ist immer noch unantastbar. Projekte wie „Forget Winnetou“, die sich mit den Darstellungen von „Indigenen“ in Deutschland beschäftigen, hinterfragen diese Stereotype und zeigen dabei, dass beispielsweise von Karl May-geprägte Bilder mit den Realitäten wenig zu tun haben.

Der Anspruch, unter entwicklungspolitischen Institutionen in Solidarität mit marginalisierten Kämpfen in Mittelamerika zu handeln, bedeutet, diesen Bildern vielfältige Stimmen entgegenzusetzen und die Hintergründe heutiger Ungleichheiten zu hinterfragen: Was hat die aktuelle Ausbeutung von indigenen Frauen in Maquilas in Mittelamerika mit Kolonialismus in der Region zu tun? Wer definiert eigentlich was „Entwicklung“ bedeutet? Woran misst sich Armut? Warum sind mittelamerikanische Länder zumeist „Hilfe-Empfänger“?

Und: Wie sehen sich weiße entwicklungspolitisch Aktive selbst im Spiegel des „Anderen“? Mit Weißsein ist hier eine bestimmt Position im gesellschaftlichen Gefüge gemeint, die im hiesigen gesellschaftlichen Kontext als neutral/normal gilt und dementsprechend zumeist unsichtbar bleibt. Jedoch entfalten sich die damit einhergehenden Privilegien unabhängig davon, ob die Person diese Position selbst wahrnimmt.

Wie Peggy Piesche und Susan Arndt herausstellen, macht Rassismus weißen Menschen Angst. Und zwar Angst davor, mit Rassismus in Verbindung gebracht zu werden. Der Versuch, dies zu vermeiden, führt oft dazu, überhaupt nicht über Rassismus zu sprechen. Kritische Weißseinsforschung nimmt sich diesem Verdrängen an und legt die historischen, kulturellen und sozioökonomischen Bedingungen von Rassismus offen.

Übertragen auf die entwicklungspolitische Arbeit lässt sich damit fragen: Warum erscheinen die Länderpapiere über sogenannte Entwicklungsländer als objektive Berichte einer externen, neutralen Betrachter*in? Wie kommt es, dass das hiesige Bild von „indigenen Gruppen“ kaum geprägt ist von aktivem Widerstand, der ohne weiße „Hilfe“ auskommt? Wer wird als handlungsfähig dargestellt? Könnte es ein weißes europäisches Privileg sein, Menschen in Gruppen einzuteilen und von außen zu beraten?

Wohin geht die Reise?

Es ist mehr als an der Zeit, Entwicklungszusammenarbeit und Anti-Rassismus-Arbeit aktiv zu verknüpfen. Dazu gehört auch der Blick in die eigenen Institutionen, auf die eigenen Praktiken, Wertvorstellungen und Motivationen. Dabei kann es nicht nur um abgewandelte Spendenaufrufe für „Hilfe-Empfänger*innen“ gehen – das koloniale Erbe der Entwicklungszusammenarbeit und dessen Effekte müssen in den Blick rücken. Eine kritische entwicklungspolitische Tätigkeit muss in der Lage sein, vielfältige Positionen, Privilegien und Perspektiven in Ideen solidarischer Arbeit einzubeziehen – sowohl im direkten Arbeitsumfeld in Deutschland, als auch in der Arbeit mit Partnerorganisationen. Gerade der Anspruch, in Solidarität mit denjenigen zu handeln, die von Ausbeutung, Vertreibung und Ausschluss betroffen sind, macht es nötig, die Zusammenarbeit macht-und diskriminierungskritisch zu überdenken.

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