„Die Ursachen der Migration liegen im sozio-ökonomischen System!“

Interview mit Bischof Álvaro Ramazzini

Der Bischof von Huehuetenango in Guatemala, Álvaro Ramazzini, engagiert sich gegen Bergbauprojekte und für Landreformen. Dies hat ihm Morddrohungen eingebracht. Auf dem Katholikentag in Münster 2018 sagte er, die Theologie sei eine Sache, die „befreiende Praxis“ indes sein Credo. Über die aktuelle Lage sprach er während seines Besuchs in Deutschland in diesem Interview.

Auszug aus einem Interview der Zeitschrift fijate vom 15. Mai 2018

Portrait des Kardinals Alvaro Ramazzini in Guatemala
Foto: CIR

Álvaro Ramazzini wurde am 05. Oktober 2019 zum Kardinal ernannt und ist damit der erste in Guatemala. In seinem Heimatland setzt er sich für die Rechte der Landbevölkerung ein.

Monseñor, Sie sind beim Katholikentag auf dem Podium „Migration in Mittelamerika“. Was ist Ihnen dabei wichtig?

Migration ist eines der drängendsten Probleme in Zentralamerika, in Lateinamerika insgesamt. Und es wird immer schlimmer. Solange die strukturellen sozio-ökonomischen Probleme nicht gelöst werden, wird dieses System Migration produzieren. Der Hintergrund der Migration ist vielfaltig; in Nicaragua, Honduras, El Salvador hat es Bürgerkriege gegeben, die wiederum vom kapitalistischen, rein merkantilistischen Wirtschaftssystem mitverursacht wurden.

Aber sowohl in den USA als auch in Mexiko werden die Migrationsgesetze immer restriktiver. Gewalt und Drohungen bestimmen das Leben der Migrant*innen. Der lange Arm der Drogenkartelle reicht bis in die Regierungen, aber auch in manche Wirtschaftsbranchen.

Auch Europa hat seine Migrationswelle, etwa die Kriegsflüchtlinge aus Syrien oder auch aus Afrika. Wir müssen immer wieder an die Genfer Flüchtlingskonvention erinnern.

Gegenüber Bergbauprojekten sind Sie sehr offen in Ihrer Kritik, kritischer als andere Bischöfe…

In beiden Diözesen, die ich bisher geleitet habe, waren diese Projekte ja vorhanden, in anderen Diözesen aber nicht. Das heißt, die Bischöfe anderer Diözesen haben da etwas weniger Veranlassung, sich zu positionieren. Im konkreten Fall diskutieren wir das dann – aber da kommen wir dann doch überein, ‚Nein‘ dazu zu sagen.

Wie schätzen Sie die politische Lage in Guatemala ein?

Wir leben in einer sehr speziellen Situation. Die Regierung ist ineffizient, schwach. Die Minister werden alle Nase lang ausgetauscht. Es gibt nur geringe öffentliche Ressourcen, weil es in Guatemala keine Kultur gibt, Steuern zu zahlen. Dabei gilt: Ohne Steuern gibt es keine staatlichen Investitionen, was die Entwicklung des Landes und der Menschen beeinträchtigt.

Es gibt die Großgrundbesitzer*innen und Unternehmen, die auf Exporte setzen: Kaffee, Bananen, Palmöl und verschiedenes mehr. Die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Aber es gibt auch einige Unternehmer*innen, die sagen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Sie wollen das System ein wenig ändern, aber sie sind in der Minderheit. Insgesamt begünstigt das herrschende System jene, die bereits etwas besitzen, während die, die wenig haben, nicht mehr erhalten.

Und die Politiker*innen, die die Gesetze machen, tun nicht das, was notwendig wäre, zum Beispiel eine Landreform. Was die machen ist desaströs. Es gibt zwar Ausnahmen, aber die meisten Abgeordneten sind so. Ich erinnere nur an die Gesetzesinitiativen des vergangenen Jahres, die die Strafen für Korruption verringern oder ganz abschaffen wollten.

Und es gibt die CICIG (UN-Kommission gegen Straflosigkiet), die dazu beigetragen hat, dass einige Ex-Präsidenten in Haft sitzen. Die machen Druck auf die Regierenden. Aber die Justiz ist noch immer ineffizient, willkürlich und hält sich nicht an Prozessverfahrensregeln.

Wo bleibt die Hoffnung?

Natürlich verlieren wir als Kirche nicht die Hoffnung. Wir geben viel von unserem Geld für soziale Zwecke und soziale Aktivitäten aus. Wir haben verschiedene Programme für die Bäuerinnen und Bauern und ihre Organisationen, für Nahrungsmittelprojekte, da viele hungern, und für Gesundheitsprojekte. Wir sind also nicht nur karitativ tätig, sondern wir wollen etwas an den strukturellen, sozio-ökonomischen Ursachen ändern.

Foto: Maren Kuiter

Ich bin für Ihre Fragen da:

Albrecht Schwarzkopf
Referent für Guatemala, Kaffee
schwarzkopfnoSpam@ci-romero.de
Telefon: 0251 - 674413-15