Fabrikschließung in El Salvador

Näher*innen auf die Straße gesetzt

Über Hundert in Not geratene Näher*innen kämpfen seit Monaten um ausstehende Löhne und hart erarbeitete Produktionsboni.

18. Dezember 2020, aktualisiert am 15.01.2021

Verbundenes Männlichkeits- und Weiblichkeitssymbol in einer Tag-Cloud

Foto: ORMUSA. Protest vor dem Fabriktor

Fabrikschließungen, insbesondere kurzfristige, sind in Mittelamerika keine Seltenheit. In El Salvador waren es zwischen 2018 und Juni 2020 acht an der Zahl. In diesem Jahr stehen allerdings einige in besonderem Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Während eines strengen Lock-Downs war es der Bekleidungsindustrie verboten zu produzieren. Zudem blieben Bestellungen aus oder wurden von auftraggebenden Marken einfach abgesagt. Eine der jüngsten Schließungen ist die von Industrias Florenzi. 210 Arbeiter*innen verloren von einem auf den anderen Tag ihren Job, 14 Männer und 196 Frauen. Am 1. Juli erfuhren sie von der Pleite des Unternehmens, allerdings ohne weitere Informationen. Nur wenige Tage nach der Bekanntmachung wurden auch schon die Maschinen aus den Fabrikhallen geholt. Viele Arbeiter*innen fanden sich daraufhin dort zusammen, um zu demonstrieren und richteten in einer der Hallen ein Protestlager ein. Inzwischen halten dort noch über 100 Frauen den Produktionsort besetzt und fordern die ausstehenden Löhne, eine rechtmäßige Entschädigung und ihre zusätzlich erarbeiteten Boni. Am 8. Januar 2021 traten sie sogar in einen unbefristeten Hungerstreik, um den Fabrikbesitzer endlich dazu zu bewegen, seiner Pflicht nachzukommen. Schon vier Monate vor der Schließung war ihnen ihr Lohn nicht mehr ausgezahlt worden, der Zahlungsrückstand des Kleidungsfabrikanten ist dementsprechend hoch. Und hoch ist auch die Verschuldung der Näherinnen, die in vielen Fällen alleine den Unterhalt der ganzen Familie bestreiten.

Neben der finanziell existenziellen Not bleibt den Arbeiter*innen seit langem auch der Zugang zum Gesundheitssystem verwehrt, weil für sie niemand mehr in die Krankenkasse zahlt.
Einige der Frauen arbeiteten schon 25, 30 und sogar 35 Jahre für Florenzi. Ihre Treue hat weniger mit den guten Arbeitsbedingungen zu tun, als mit fehlenden Alternativen. Die geschlossene Fabrik liegt in Soyapango, einer von Armut und Gewalt gekennzeichneten Gegend unweit der Hauptstadt. Formelle Arbeitsplätze sind rar.

Florenzi ist ein „alter Bekannter“

Florenzi lieferte vor allem immer an Pierre Cardin und Barco. Regelmäßig wurde das Unternehmen aber in illegalen Untervergabeverfahren mit Aufträgen auch für andere Markenunternehmen betraut. Zum Beispiel für Puma! Besonders zu Auftragsspitzen vor sportlichen Großereignissen mussten Näherinnen dann Höchstleistungen bringen. Im Juni 2014 brachte eine Gewerkschaft unzählige Arbeitsrechtsverletzungen ans Licht. Hoher Arbeitsdruck, verspätete Auszahlung von Löhnen, mangelnder Arbeitsschutz -zum Teil sogar durch offene Elektrokabel-, alte Maschinen ohne ausreichend Sicherheitsvorkehrungen, verschmutztes Trinkwasser und Demütigungen der Arbeiter*innen gehörten zu den angezeigten Arbeitsrechtsverletzungen.

Schon damals unterstütze unsere Partnerorganisation ORMUSA die Arbeiter*innen und steht auch jetzt an ihrer Seite. Die Arbeitsrechtsorganisation hilft ihnen seit Monaten bei der Einforderung ihrer Rechte. ORMUSA leistet im Rahmen unseres Regionalprogramms für bessere Arbeitsrechte in der Bekleidungsindustrie kostenlose Rechtshilfe und versorgt die Näher*innen mit dem Nötigsten, um ihren aufreibenden Protest aufrecht zu erhalten und die Fabrikbesitzer endlich an den Verhandlungstisch zu bringen.

Die Geschichte einer  Näherin aus Soyapango

von Caspar Dohmen (2015)

Isabells großer Traum

Porträt von Kirsten Clodius

Ich bin für Ihre Fragen da:

Kirsten Clodius
Referentin für Honduras, Nicaragua, Kleidung, Frauenrechte, LGBTI*
clodiusnoSpam@ci-romero.de
Telefon: 0251 - 674413-18

Mehr über Florenzi als illegaler Puma-Lieferant lesen Sie in unserer Publikation „Eingefädelt“.

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