Spielzeug

Toys Report 2020:
Arbeit ohne Ende für Babys sanften Schlaf

Undercover-Recherche in chinesischen Spielzeugfabriken

03. Dezember 2020

Verdeckte Ermittler*innen der Arbeitsrechtsorganisation China Labor Watch haben erneut schwere Arbeitsrechtsverletzungen in zwei chinesischen Spielzeugfabriken festgestellt. Beide Fabriken, Changan Mattel und Dongyao in Dongguan, produzieren Spielwaren für international bekannte Markenfirmen: Mattel, Fisher Price, Chicco und Tomy. Die Fabriken wurden im Auftrag von der Christlichen Initiative Romero, Solidar Suisse und Action Aid France untersucht und wurden durch das „Ethical Toy Program (ETP)“ des Weltspielwarenverbandes ICTI zertifiziert.

„Während sich die Spielwarenunternehmen hierzulande auf ein boomendes Weihnachtsgeschäft freuen, können die Arbeiter*innen in China ihre Existenz nur mit exzessiven Überstunden sichern“, erläutert Patrick Niemann, Referent für Unternehmensverantwortung bei der Christlichen Initiative Romero. „Durch die Corona-bedingten Schließungen der Fabriken Anfang des Jahres und die gestiegene Nachfrage hat sich der Druck auf die Arbeiter*innen noch erhöht.“

Die deutsche Spielzeugbranche verzeichnet in der Pandemie einen Umsatzanstieg von 8 Prozent. Mattel (vor allem für Barbie-Puppen bekannt) steigert seinen Quartalsgewinn um 450 % gegenüber dem Vorjahr. An die Arbeiter*innen in den Fabriken werden die Gewinne nicht weitergegeben.

Überstunden, Hungerlöhne, fehlender Arbeits- und Corona-Schutz

Im Untersuchungszeitraum 2020, in der Produktion für das hiesige Weihnachtsgeschäft, fielen bis zu 112 Überstunden im Monat an. Unzureichender Arbeitsschutz und mangelhafte Maßnahmen zur Pandemieeindämmung gefährden die Gesundheit der Arbeiter*innen. Die Arbeiter*innen sind in der Hochsaison mit unerträglichen Bedingungen konfrontiert: bis zu 112, teils unbezahlte Überstunden, Hungerlöhne um 220 Euro, die selbst durch Zusatzverdienst „dank“ der Überstunden nicht annähernd an einen existenzsichernden Lohn heranreichen. In beiden Fabriken wurde die gesetzliche Überstundengrenze von 36 Stunden massiv überschritten, der vorgeschriebene Umfang der Sicherheitstrainings wurde weit verfehlt. In der Fabrik Dongyao sind Arbeiter*innen teils ohne Schutzmasken und Handschuhe den Chemikaliendämpfen ausgesetzt oder bekommen Schutzausrüstung nur nach Gutdünken ihrer Vorarbeiter. Die Unterkünfte der Fabrik werden von bissigen Käfern und Moskitos heimgesucht, die Klimaanlagen laufen auch im heißen Sommer nur zeitweise.

Eine Arbeiterin montiert Mattel-Puppen trotz Verletzung

Eine Arbeiterin packt Accessoires der „Color Reveal Doll“

Allergische Reaktion wegen fehlender Handschuhe zum Schutz vor Chemikalien

Essensausgabe am Boden, Hygiene mangelhaft

Sexuelle Belästigung und psychische Gewalt

In der Fabrik Changan Mattel ist sexuelle Belästigung bei der Produktion der Color Reveal Doll an der Tagesordnung. Besonders erschütternd ist der Umgang des Mattel-Konzerns mit den Vorwürfen sexueller Belästigung in seinen Fabriken. Bereits 2019 wurden mehrere Vorfälle in einer anderen konzerneigenen Fabrik, Foshan Mattel, dokumentiert. Wir haben Mattel dazu aufgefordert, effektive Maßnahmen zu ergreifen, etwa Komitees gegen Belästigung und geschlechtsspezifische Gewalt wählen zu lassen und ein sicheres Arbeitsumfeld für die Arbeitnehmer*innen zu schaffen.
Die diesjährigen Untersuchungen zeigen, dass sowohl bei der konzerneigenen Fabrik Changan Mattel als auch beim Zulieferer Dongyao keinerlei effektive Maßnahmen ergriffen wurden, um Arbeiter*innen vor Übergriffen zu schützen. Die Vorfälle und Mattels Reaktion zeigen, dass Themen wie Diversity und Genderneutralität für Mattel reine Marketingthemen zur Erschließung neuer Zielgruppen sind und der Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit und der Schutz vor Übergriffen am Arbeitsplatz für den Konzern keine Priorität haben.

Die englischsprachige Langversion des Toys Report 2020 findet sich hier.

„Ich war am Anfang nicht in der Lage, so viele Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Niemand half mir. Ich wurde gemieden, weil ich so langsam war. Ich fertigte morgens 300 Produkte an und nachmittags mehr als 1.000. Mein Arm schmerzte, wenn ich ihn berührte. Ich war so gestresst. Vor lauter Erschöpfung musste ich weinen.“

Aus dem Bericht der verdeckten Ermittlerin, die in der Mattel-eigenen Fabrik Dongguan Changan Mattel arbeitete. Sie musste direkt zu Beginn die Produktionsquote von 1.300 Produkten pro Tag erfüllen.

Brancheneigene Zertifizierungen weitgehend wirkungslos

Insgesamt setzen die großen Markenunternehmen statt auf faire Produktionsfristen und angemessene Preise auf die Maximierung ihrer Gewinnmargen. Ihre eigene unternehmerische Verantwortung wälzen sie über Verhaltenskodizes und die Brancheninitiative ETP letztlich auf die Fabrikbetreiber ab, während sie selbst uneingeschränkt Marktposition und Gewinne optimieren.

Langfristige Verbesserungen in Sicht

Um endlich langfristig wirksame Verbesserungen der Arbeitsbedingungen zu erzielen, hat sich im Juli 2020 die „Fair Toys Organisation“ in Nürnberg gegründet. Angestoßen von der Christlichen Initiative Romero setzt sich diese einzigartige Kontrollinstanz bestehend aus Vertreter*innen von Zivilgesellschaft, Industrie und Handel für die Einhaltung und Verbesserung von sozialen und ökologischen Standards in der Spielzeugproduktion ein. Mehr Informationen unter www.fair-toys.org . Langfristig soll die Initiative auch den Konsument*innen mit einem glaubwürdigen Siegel eine Orientierung für den fairen und ökologischen Spielzeugkauf bieten.

Foto: Maren Kuiter

Ich bin für Ihre Fragen da:

Anna Backmann
Referentin für Spielzeug
backmannnoSpam@ci-romero.de
Telefon: 0251 - 674413-25