Mittelamerika

“Verlieren wir nicht die Hoffnung und die Menschlichkeit”

Wie unsere Partner*innen in Mittelamerika die Corona-Krise erleben.

2. April 2020

In Mittelamerika bestimmen Ängste vor den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise das Geschehen und den Alltag der Menschen. Ausgangssperren, Arbeitsverbote und Einschränkungen im öffentlichen Leben treffen vor allem die Ärmsten. Lebensmittelpreise steigen im Zuge von Versorgungsengpässen und verschärfen das Hungerproblem. Hinzu kommt, dass sich eine unvermeidbare Wirtschaftskrise in der Region andeutet.
El Salvador, Guatemala und Honduras haben zum Teil drastische Maßnahmen getroffen, um die Ausbreitung von COVID-19 zu verhindern. Denn die ohnehin schwachen Gesundheitssysteme und Versorgungsstrukturen könnten angesichts vieler Corona-Fälle komplett zusammenbrechen. Der salvadorianische Präsident Nayib Bukele hat neben der 30-tägigen Ausgangssperre auch die Schließung aller Nähfabriken und Call Center im Land angeordnet. Der produzierende Sektor Textil und Bekleidung kommt ebenfalls in Honduras, Guatemala und teilweise auch in Nicaragua zum Erliegen. Neben der Ansteckungsgefahr stecken hinter den Fabrikschließungen jedoch auch andere Gründe wie fehlende Rohstoffe und ausbleibende Aufträge.
Nicht nur in Mittelamerika, sondern weltweit werden nun Arbeiter*innen suspendiert, erhalten gar keine Löhne mehr oder verlieren ihren Arbeitsplatz komplett. Eine entscheidende Ursache dafür ist, dass Modemarken nun ihre Aufträge in Milliardenhöhe stornieren. Doch auch die restriktiven Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus treffen Arbieter*innen und Kleinbauern und – bäuerinnen in den Herstellungsländern.

Solidarität mit Mittelamerika in Zeiten der Corona-Pandemie - Jetzt SPenden

Guatemala

In Guatemala wurde der wirtschaftliche Shutdown bis Mai verlängert. Arbeiten ist hier nur mit einer Sondergenehmigung des Wirtschaftsministeriums möglich. In den ersten Tagen der Ausgangssperre wurden ca. 2000 Menschen festgenommen, die sich nicht daran gehalten haben. Rosa Escobar, Direktorin der Arbeits- und Frauenrechtsorganisation AMES in Guatemala, schrieb uns, nach der Schließung ihres Büros sei das Team von AMES bemüht, seine Arbeit von zu Hause aus fortzusetzen. Dennoch findet Rosa auch hoffnungsvolle Worte:

„Die Corona-Krise wird die Bevölkerung Guatemalas und ihre Wirtschaft stark treffen. Aber wir haben Vertrauen, dass Guatemala, wie andere Länder auch, die nationale Krise überstehen wird, welche uns mehr als jemals zuvor in Solidarität miteinander verbindet.“ Rosa Escobar

Honduras

Laut Johns Hopkins University ist Honduras eines der Länder, die am schlechtesten auf die Pandemie vorbereitet sind. Das instabile Gesundheitssystem bietet keine adäquate Versorgung für Patient*innen bzw. Schutzausrüstung für Personen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Der durch Korruption geprägte Staat fühlt sich nicht verpflichtet, besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen (Ältere, im informellen Sektor Arbeitende, Indigene, Menschen in Haft, Menschen mit Behinderung) ausreichend Nahrung und Medizin zur Verfügung zu stellen. Laut eines Berichts des Komitees der Angehörigen der Verhaftet-Verschwundenen in Honduras sind seit dem national ausgerufenen Lock Down am 16. März über 22.000 Menschenrechtsverletzungen geschehen. Gleichzeitig mehren sich Gewalt und rassistische Diskriminierung gegen Minderheiten und Migrant*innen. (Quelle: taz, “Virus trifft auf Korruption”, 18.04.20)
Eine Woche nach der Ausgangssperre Mitte März haben die Schließung von Banken und Supermärkten zu Unruhen geführt. Es kam es zu zahlreichen Festnahmen auch von Frauen und Kindern, die Tortillas verkaufen oder in Suppenküchen arbeiten. Mittlerweile sind die Banken wieder an drei Tagen in der Woche geöffnet, doch die vielen Honduraner*innen, die im informellen Sektor arbeiten, stehen vor dem Nichts.
Maritza Paredes von der honduranischen CIR-Partnerorganisation EMIH berichtete uns in den vergangenen Tagen von den Zuständen in Honduras:

„Wir machen uns Sorgen um das prekäre Gesundheitssystem und die Korruption, die zum Kollaps der Sozialversicherung und der öffentlichen Krankenhäusern beiträgt. Der Aufruf, zu Hause zu bleiben, ist für viele Menschen nur schwer zu ertragen. Sie sind verzweifelt und leben ohne Lebensmittel und Bargeld von Tag zu Tag. Bei dem Versuch auf ihre Lage aufmerksam zu machen, wurden sie vergangene Woche vom Militär mit Tränengas auseinandergetrieben. In diesen Krisen kommt das Beste am Menschen zum Vorschein, aber auch das Schlechteste wie zum Beispiel die Angst. Wir verlieren den Blick dafür, dass das Leben nicht ewig ist, und die Menschlichkeit zu verlieren wäre viel schlimmer als der Virus selbst.“ Maritza Paredes

El Salvador

In El Salvador wurden zwei wichtige Dekrete verabschiedet. Das Notstandsdekret, welches seit dem 16. März gilt und das Dekret zum Ausnahmezustand vom 21. März. Es gilt zudem eine Ausgangssperre. Diese wurde jedoch von der Regierung ausschließlich auf dem digitalen Wege kommuniziert. Das Soziale Medium Twitter ist der Hauptkommunikationskanal der Regierung. Da jedoch nur 59 % der Bevölkerung über einen Internetzugang verfügen und 12 % Twitter nutzen, verließ ein großer Teil der Bevölkerung am 22. März wie gewohnt seine Häuser. Es kam zu zahlreichen Verhaftungen durch die Polizei.
Die Umweltorganisation UNES (Unidad Ecológica Salvadoreña), CIR-Partnerorganisation in einem großen regionalen Programm zum Klimawandel, berichtet uns von den verheerenden wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Regierungsmaßnahmen für die Bevölkerung. Insbesondere diejenigen, die vom informellen Handel leben, sind von der eingeschränkten Mobilität stark betroffen oder verlieren ihre Einkommensquelle gänzlich.

Online-Kampagne von UNES "Um Covid-19 zu besiegen, brauchen wir sauberes und sicheres Wasser"

„Um Covid-19 zu besiegen, brauchen wir sauberes und sicheres Wasser“. Online-Kampagne von UNES

UNES setzt sich unter anderem für das Recht auf Wasser ein und führt diese Arbeit auch in der Pandemie fort. Insbesondere in ländlichen Gebieten ist der Zugang zu (sauberem) Wasser oft eingeschränkt. Was in „normalen“ Zeiten bereits ein großes Problem darstellt, kann angesichts der Verbreitung von Covid-19 katastrophale Folgen haben. Denn ohne Wasser sind Präventionsmaßnahmen kaum möglich.

„Angesichts des prekären Gesundheitssystems und dem in der Vergangenheit oft verwehrten Recht auf Gesundheit herrscht in unserem Land große Angst vor dem Virus. Wir versuchen, unsere Arbeit fortzusetzen und unseren Forderungen nach dem Recht auf Wasser gerade jetzt Gehör zu verschaffen”, berichtet Carolina Amaya, Koordinatorin bei UNES.

Nicaragua

Die Reaktion der nicaraguanischen Regierung auf die Ausbreitung des Coronavirus ist haarsträubend. Anstatt angemessene Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung einzuleiten, postuliert das Präsidentenpaar Ortega-Murillo Covid-19 als eine Krankheit der Reichen und der Bourgeoisie. Anstatt soziale Distanz anzumahnen, werden touristische Angebote rund um die Ostertage propagiert und zu Massenversammlungen aufgerufen.
Das Motto: “Liebe in Zeiten von Covid-19”.

Plakat der nicaraguanischen Regierung “Liebe in Zeiten von COVID-19” mit dem Aufruf sich zu versammeln

Das Menschenrechtsbüro CENIDH, langjährige Partnerorganisation der CIR, betreibt daher aktuell verstärkt Öffentlichkeitsarbeit mit dem Ziel, die Bevölkerung über die tatsächlichen Ausmaße der Pandemie sowie über Maßnahmen zum bestmöglichen Gesundheitsschutz zu informieren. Eine enorm wichtige Aufgabe, die wir auch in der Krise finanziell unterstützen.
Von Vilma Nuñez, Direktorin von CENIDH, haben wir erfahren, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung – entgegen den Botschaften der Regierung – an die von der Weltgesundheitsorganisation ausgerufenen Maßnahmen hält. Sofern ihre Lebensumstände dies erlauben bzw. ermöglichen.

Ich unterstütze die CIR!

„Die Corona-Krise wird die Bevölkerung Guatemalas und ihre Wirtschaft stark treffen“, prognostiziert Rosa Escobar, unsere Partnerin von AMES. Um auch in der Corona-Krise schnell und unbürokratisch für unsere Partnerorganisationen da sein zu können, bitten wir Sie um Ihre Spende.

Eine junge Frau mit Top und lockigem Pferdeschwanz sitzt einer Ärztin in weißem Kittel gegegnüber und lässt sich medizinisch beraten.
Wir unterstützen u.a. dieses Gesundheitsprogramm in Nicaragua, das medizinische Versorgung in unterversorgte Gebiete bringt. Foto: Xochilt Acatl

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Porträt von Maik Pflaum

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Maik Pflaum
Bereichsleitung Ausland, Referent für El Salvador, Kleidung, Spielzeug
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