Mittelamerika

Digitale Bedrohungen in Mittelamerika: Wie Menschenrechtsverteidiger*innen unter Beschuss geraten

Die Cybersicherheit in Mittelamerika weist viele Lücken auf. Durch fehlende rechtliche Regulierung sind insbesondere Menschenrechtsverteidiger*innen Online-Angriffen ausgesetzt. Spionage, Hassnachrichten, Verleumdung – welche digitalen Bedrohungen erfahren Partnerorganisationen der CIR?  

Text: Lea Schmidt (CIR) 

Sicherheitswarnung! NROs geraten immer öfter ins Visier digitaler Angriffe. (Foto: WHATAWIN/STOCK.ADOBE.COM)

Mehr als 27 Millionen Cyberangriffe gab es 2025 in Mittelamerika. Das berichtet Pedro (Name geändert), IT-Experte aus El Salvador. Meist stecken organisierte, privat finanzierte Netzwerke hinter den Attacken – und nicht selten treffen sie Nichtregierungsorganisationen (NROs).

Der Grund: NROs verwalten sensible Informationen wie Zeug*innenaussagen, juristische Dokumente und Kontakte zu gefährdeten Personen. Das macht sie zu einem attraktiven Ziel. Gleichzeitig fehlt es vielen an IT-Fachwissen, finanziellen Mitteln und technischen Kapazitäten. Auch CIR-Partnerorganisationen waren bereits betroffen – von Hackerangriffen auf Webseiten und Server über Phishing-E-Mails (gefälschte E-Mails, die täuschend echt aussehen) bis hin zu Versuchen, soziale Netzwerke und Messenger-Dienste zu kapern.

Staatliche Überwachung  

Von wem diese Angriffe ausgingen, bleibt unklar. Was jedoch sicher ist: Mittelamerikanische Regierungen selbst setzen Spionagetechnologie gegen ihre Bürger*innen ein. Mithilfe von Spähprogrammen verschaffen sie sich auf mobilen Geräten unbemerkt Zugriff auf Mikrofon, Kamera, gespeicherte Kontakte, Nachrichten, Fotos und Videos. Auf diese Weise können sie Journalist*innen oder Anwält*innen auskundschaften.

Staaten überwachen Zielpersonen auch in sozialen Netzwerken. Ein Beispiel aus dem Jahr 2022: Teilnehmende eines Treffens, das eine Partnerorganisation organisiert hatte, durften nicht einreisen – weil die Einwanderungsbehörde zuvor ihre Profile durchsucht hatte. Eine andere verpartnerte NRO, die sich dem Umweltschutz widmet, wurde einst über Facebook bespitzelt. Nach der Schließung der Organisation wurde die Facebookseite mit mehr als 30.000 Follower*innen übernommen und schließlich gelöscht.

Pedro sieht das Problem vor allem beim Mutterkonzern der Plattform, Meta. Dessen Server für Facebook, Instagram und WhatsApp stehen in den Vereinigten Staaten und somit unter Kontrolle der US-Regierung. Dadurch könne jederzeit auf private Informationen zugegriffen und diese an verbündete Regierungen weitergegeben werden.   

Zweckentfremdung bestehender Gesetze  

Dass dieses Vorgehen legal ist, sichern Gesetze ab, die ursprünglich zur Bekämpfung von Terrorismus und Bandenkriminalität konzipiert wurden und sich heute ausdrücklich auch auf den digitalen Bereich erstrecken. Sie ermöglichen Staaten, die Nutzung digitaler Plattformen für „illegale“ Zwecke unter Strafe zu stellen. So erhöben laut einer Partnerorganisation mittelamerikanische Behörden regelmäßig Strafanzeige gegen Journalist*innen und Gewerkschafter*innen wegen früherer schriftlicher oder mündlicher Äußerungen, die in digitalen Medien archiviert sind. Für Pedro ist diese Praxis ein weiteres Instrument der Regierungen, um unliebsame Aktivist*innen mundtot zu machen: „Auf diese Weise kann keine echte Opposition entstehen.“  

Digitale Gewalt  

Ein anderes beliebtes Hilfsmittel zur Unterdrückung sind koordinierte Belästigung, Drohungen und Doxxing (Offenlegung persönlicher Daten). Ziel dabei ist es weniger, unmittelbaren technischen Schaden anzurichten, sondern Angst, emotionale Erschöpfung und Selbstzensur bei den Betroffenen hervorzurufen.

Besonders betroffen sind Frauen (in Führungsrollen). Mitarbeiterinnen einer befreundeten Umweltschutz-NRO sind regelmäßig sexistischen Kommentaren ausgesetzt, die sie diskreditieren sollen. Vergewaltigungsfantasien gehen innerhalb von Minuten viral – und münden teils in physische Gewalt. Personen der LGBTQIA+-Community wird häufig die Zwangs-Offenlegung ihrer Identität angedroht. 

Journalist*innen trauten sich laut einer Partnerorganisation oftmals nicht mehr, frei und unabhängig zu berichten. Viele lebten im Exil und mieden bestimmte Themen, aus Angst vor möglichen Repressalien gegen sie und ihre Familien.  

Einflussnahme durch Meinungsmache  

Zusätzlich zur Einschüchterung konkreter Personen dient das Internet auch der Beeinflussung der Masse durch Propaganda. Ein Beispiel sind sogenannte, teilweise von Regierungen beauftragte Troll-Fabriken, die soziale Medien, Foren und Chats absichtlich mit provokativen, kontroversen Nachrichten überfluten, um Zwietracht zu säen (Troll=eine Person im Internet, die vorsätzlich provoziert, um emotionale Gegenreaktionen anderer Nutzer*innen hervorzurufen). Sie suchen weniger einen persönlichen Konflikt, als dass sie das Gesamtnarrativ einer Diskussion beeinflussen sollen. Die Menge an gefälschten Kommentaren erzeugt die Wahrnehmung, dass ein Großteil der Gesellschaft die propagierte Meinung vertritt.

„Solche fremdgesteuerten Kommentare werden eingesetzt, um die Bevölkerung von der Realität abzulenken und gleichzeitig ein positives Image der Regierung zu kreieren“, erklärt Pedro. Diese Manipulation politischer Debatten habe in den vergangenen zehn Jahren – insbesondere während laufender Wahlkämpfe – zugenommen.

Besonders anfällig sind laut einer Partnerorganisation indigene und ländliche Bevölkerungsgruppen. In umkämpften Bergbaugebieten gelang es so, Gemeindevorsteher*innen zu verleumden, Gemeinschaften zu spalten – und Menschen ungerechtfertigt zu inhaftieren.

All diese Arten des digitalen Beschusses verdeutlichen, welche Schlüsselrolle digitale Sicherheit – und auch Medienkompetenz – für die Menschenrechtsverteidigung und für kollektives Handeln in Mittelamerika spielen: Ohne robuste Sicherheitsmaßnahmen sind Aufklärungsarbeit, Meinungsfreiheit und ganz konkret Menschenleben gefährdet.  

Lesen Sie dazu unser Magazin „presente“


Dieser Beitrag stammt aus unserem Magazin presente zum Thema Digitale Macht aus dem März 2026. Die ganze Ausgabe finden Sie hier zum Bestellen oder Herunterladen!

presente 2026-1:
Digitale Macht- von KI, Kontrolle und dem Kampf um Menschenrechte

Template Ansprechpartnerin - Christiane Baum

Ich bin für Ihre Fragen da:

Lea Schmidt
Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
schmidtnoSpam@ci-romero.de
Telefon: 0251 - 674413-37