„Wenn du gesund bist, bist du eine ganz tolle Arbeiterin, wenn du krank wirst, bist du ein Problem.“

Orbelina Martina Díaz Baldonado, ehemalige Arbeiterin

Arbeit, die krank macht: In den Textilfabriken Mittelamerikas

Foto: MEC/ Fotografin Margarita Isabel Montealegre

Die Arbeit in den Textil-Maquilas (Textil-Fabriken) in Mittelamerika ist körperlich anstrengend und gekennzeichnet durch den permanenten Druck, eine sehr hohe Stückzahl an Kleidungsstücken fertigen zu müssen. Die Bezahlung bleibt dennoch schlecht. Die Rechte der Arbeitnehmer*innen zur Anzahl der Arbeits- und Überstunden, zum Umgang mit Krankheit oder Renten- und Entschädigungszahlungen werden oftmals missachtet. Zu diesem Thema hat die Frauen- und Arbeitsrechtsorganisation María Elena Cuadra (MEC), langjährige Partnerorganisation der CIR, in den letzten Jahren zehn betroffenen Frauen interviewt, die ihre ganze persönliche Geschichte als (ehemalige) Maquila-Arbeiterin erzählt haben. Auf diesem Weg ist das Buch „Die Maquila überleben“ auf spanischer Sprache mit vielen Fotos und den Kurzporträts der Frauen entstanden. Auszüge aus den Kurzporträts sowie ein Video zum Buch finden Sie weiter unten in diesem Beitrag.

Rückenschmerzen, Asthma und weitere gesundheitliche Probleme

Viele von ihnen berichteten davon, dass sie Jahre oder sogar jahrzehntelang in den Fabriken unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen und mit monoton bleibenden Arbeitsabläufen geschuftet haben. Mit der Zeit haben sich dadurch unterschiedliche gesundheitliche Probleme entwickelt. Dazu zählen vor allem Rückenschmerzen, Schmerzen in den Händen, Schultern, Ellbogen oder Füßen, aber beispielsweise auch Probleme mit Symptomen von Asthma durch eingeatmete Mengen an Flusen.

Die Arbeiter*innen werden kaum ärztlich versorgt, zum Beispiel weil die Vorgesetzten zu viele Fehltage nicht dulden oder die Probleme nicht als arbeitsbedingt anerkannt werden. Außerdem haben viele Arbeiter*innen Angst vor einer Kündigung. Die entstehenden gesundheitlichen Probleme beschäftigen die Frauen in vielen Fällen bis an ihr Lebensende und schränken sie stark in ihrem Alltag ein.

Symptome werden nicht ernstgenommen, Therapien sind zu teuer

Die Aussagen von Ärztinnen und Ärzten zu ihrem Gesundheitszustand sind oftmals widersprüchlich. Während einige Symptome nur als körperliche Stressreaktion abgetan werden, nehmen andere ihre Probleme kaum ernst, weil sie doch noch jung seien. Selten wird ihnen wirklich geholfen. Selbst wenn sie ernst genommen werden, sind die Therapien oftmals so teuer, dass sie sich diese nicht leisten können.

Ein Großteil der Maquila-Arbeiter*innen nimmt all diese gesundheitlichen Strapazen auf sich, um ihre Familien ernähren zu können und ihren Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen. Am Ende werden viele jedoch entlassen, da ihr gesundheitlicher Zustand so schlecht ist, dass sie die Arbeit nicht mehr im geforderten Umfang leisten können und den Firmen spätere, angemessene Entschädigungszahlungen zu teuer sind. Hinzu kommt, dass sie in vielen Fällen keine oder sehr kleine Renten erhalten, von denen sie sich und ihre Familien kaum ernähren können.

Kurzporträts

 

Reina Isabel Morán

Bevor Reina Isabel Morán in den Textil-Fabriken arbeitete, war sie jahrelang Krankenschwester. Mit 30 Jahren fing sie an, in den Maquilas zu arbeiten. Nach drei Jahren bekam sie Symptome von Asthma. Dazu kamen Schmerzen im Rücken und in den Ellbogen. Als sie schwanger wurde, wurde darauf keine Rücksicht genommen und sie musste den Job erst einmal aufgeben.

Foto: MEC/ Fotografin Margarita Isabel Montealegre

Ihre Kinder sah sie wegen der vielen Stunden in den Fabriken sehr selten bis nie, weswegen diese fast ganz alleine aufwachsen mussten. 2020 wurde Reina Isabel Morán während der COVID19-Pandemie entlassen und kämpft jetzt darum, dass ihre gesundheitlichen Probleme als Folgen der Fabrikarbeit anerkannt werden: „Den Marken würde ich gern sagen: Der Dank dafür, dass diese heute Multimillionäre sind, ist, dass so viele der Arbeiter*innen in den Fabriken krank oder durch die Folgen ihrer Arbeit gestorben sind. Gleichzeitig haben wir kaum Geld für die notwendigen Medikamente. Deswegen trage ich heute schwarz, weil die Fabriken unser Leben zerstören und uns mit verschränkten Armen zum Sterben nach Hause schicken. Sie haben die Hände vergessen, die ihnen eines Tages zu essen gegeben haben!“

 

Orbelina Martina Díaz Baldonado

Orbelina Martina Díaz Baldonado hat mit 23 Jahren begonnen in den Maquilas zu arbeiten und ist heute mit 51 Jahren gesundheitlich gezeichneter als manche Seniorin mit 70 Jahren. All die Strapazen in den Fabriken hat sie auf sich genommen, um für ihre Familie ein Haus bauen zu können, was allerdings trotz allem bis heute nicht komplett fertig gestellt ist.

Foto: MEC/ Fotografin Margarita Isabel Montealegre

Zunächst machte ihr durch die ungeeignete Sitzhaltung vor allem der Rücken zu schaffen, später bekam sie Probleme mit dem Knie. Um die Familie ernähren zu können und aus Angst entlassen zu werden, arbeitete sie immer weiter, wodurch ihre Beschwerden nicht besser, sondern schlimmer wurden. Ihre Vorgesetzten verwehrten ihr beispielsweise auch, nach einem Arbeitsunfall zum Arzt gehen zu dürfen. Heute sind ihre Beschwerden chronisch und die medizinische Behandlung hilft ihr nur bedingt.

Sie bekommt kaum bis keine Pension, da ihre gesundheitlichen Probleme nicht als arbeitsbedingt anerkannt werden und die, die im Zusammenhang mit Arbeitsunfällen stehen, nicht fachgerecht dokumentiert wurden: „Vor kurzem habe ich versucht, mich um meine Pension zu kümmern und sie sagten mir, sie haben die Informationen darüber nicht mehr, welchen Finger ich mir damals eingeklemmt habe. Sie haben die Papiere vom Unfall, aber baten mich, dass ich drei Zeugen mitbringe.“

Im Rahmen der Interviews mit den Maquila-Arbeiterinnen ist ein Video entstanden:

(Zum Einblenden der deutschsprachigen Untertitel auf das Untertitel-Symbol am rechten unteren Bildrand klicken.)

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Porträt von Kirsten Clodius

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Kirsten Clodius
Referentin für Honduras, Nicaragua
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