Mittelamerika

Palmöl, Landraub, Lieferkettengesetz

– Ein Zwischenbericht aus Honduras

Im April 2025 reichten zwei Vertreter*innen kleinbäuerlicher Kooperativen aus dem honduranischen Aguán-Tal Lieferkettenbeschwerde gegen die Agrarhandelsriesen Cargill und ADM ein. Es geht um massive Menschenrechtsverletzungen, die mit einem indirekten Zulieferer der Agrarunternehmen in Verbindung gebracht werden – dem Palmölunternehmen Dinant aus Honduras. Die Romero Initiative unterstützt den Beschwerdeprozess in DeutschlandEin Jahr nach Einreichen der Beschwerde ziehen wir ein Zwischenfazit.  

Juristische Fortschritte und neue Rückschläge 

Der Konflikt um das Recht auf Land im Aguán Tal in Honduras schwelt bereits seit Jahren, Ende 2024 eskalierte er dann erneut. Am 24. Dezember 2024 wurden über 150 Familien der Kooperative Camarones gewaltsam vertrieben – gefolgt von Einschüchterungen und sogar Morden: Allein im Jahr 2025 zählte Plataforma Agraria, ein Zusammenschluss lokaler kleinbäuerlicher Kooperativen, der sich für Land- und Menschenrechte einsetzt, zwölf Todesopfer. Das Bündnis macht das Palmölunternehmen Dinant mitverantwortlich für die Morde und sieht es als Drahtzieher hinter der paramilitärischen Gruppe „Los Cachos“, die die Kooperativen bedrohen und vertreiben. Dinant soll so versuchen, die Kontrolle über das Land im fruchtbaren Aguán-Tal zu behalten, um seine Palmölproduktion unbeirrt fortzuführen zu können. 

Um den vertriebenen Familien die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen, wurden verschiedene juristische Schritte eingeleitet, unterstützt durch Protestcamps in der honduranischen Hauptstadt. Der Staat zögerte jedoch, gegen die „Los Cachos“ vorzugehen: Haftbefehle und Räumungsklagen wurden immer wieder aufgeschoben. Am 8. Dezember 2025 rückte aber schließlich ein großes Polizeiaufgebot in den Aguán aus, um die Räumung durchzuführen. Dabei wurde den Kleinbäuerinnen und -bauern, die auf die Rückgabe ihres Landes warteten, jedoch kein Schutz gewährt, wodurch es erneut zu Angriffen und Vertreibungen der Kooperative kam. Laut Plataforma Agraria wurden bei diesen Angriffen mehr als 20 Personen verletzt. Die über 150 Familien der Kooperative Camarones sind damit auch ein Jahr nach der ersten Vertreibung weiter auf Behelfsunterkünfte und die Unterstützung anderer Kooperativen angewiesen. Und die Situation bleibt instabil. Erst vor wenigen Tagen, am 21. Mai 2026, wurde im Aguán erneut ein Massaker verübt, welches voraussichtlich politische Folgen für die gesamte Region haben wird.

Recht auf Land bleibt im Agúan ein „auf und ab“ 

Trotz der widrigen Umstände erringen die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern immer wieder kleinere juristische Erfolge. So erhielten 13 lokale Kooperativen im Aguán ihre Rechtspersönlichkeit zurück. Da in Honduras nur offiziell anerkannte Kooperativen Landtitel im Zuge der Agrarreform beantragen können, eröffnet dies den betroffenen Familien die reale Möglichkeit, ihre Landansprüche rechtlich geltend zu machen und ihr Land langfristig abzusichern. 

Im Zuge von Enteignungen waren viele kleinbäuerliche Genossenschaften gezwungen worden, ihre Organisationsform aufzugeben und sich in Unternehmen umzuwandeln – wodurch sie jedoch auch ihren Rechtsanspruch auf Land verloren. 

Der Erfolg hielt nicht lang: Nur drei Tage nach dem Rechtsurteil wurde erneut eine kleinbäuerliche Kooperative angegriffen. Dabei wurde das Genossenschaftsmitglied Marvin Ramírez Ramos getötet.  

Hintergründe zum Konflikt veranschaulicht dieses Video, das in Zusammenarbeit mit der CIR-Partnerorganisation Radio Progreso in Honduras entstanden ist:

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Palmöl mit Prüfsiegel – Erneute Zertifizierung trotz anhaltender Missstände 

Trotz der angespannten Menschrechtssituation im Aguán-Tal erhielt der Palmölhersteller Dinant in 2024 die begehrte Nachhaltigkeitszertifizierung des Runden Tisches für Nachhaltiges Palmöl (RSPO). Für Produzenten wie Dinant ist diese Zertifizierung zentral, um langfristig Zugang zum europäischen Markt zu behalten. 

Ein Jahr nach der Erstzertifizierung überprüfte ein Auditteam erneut die Lage vor Ort und befragte auch Betroffene und kritische Stimmen vor Ort, darunter Yoni Rivas, Sprecher der Plataforma Agraria und Beschwerdeführer einer deutschen Lieferkettenbeschwerde gegen Dinant. Das Audit stellte schließlich 17 Verstöße gegen RSPO-Prinzipien fest – darunter wiederholte Verstöße – und setzte die Zertifizierung vorübergehend aus. Dennoch wurde sie nach Vorlage von Korrekturmaßnahmen durch Dinant erneut erteilt. Somit kann der Skandal-Hersteller weiter mit “Nachhaltigkeit” nach außen werben, obwohl aktuell nur 13 der insgesamt 30 Plantagen von Dinant die Einhaltung der RSPO-Prinzipien bescheinigt wird. Für viele weitere Flächen verweist der Auditbericht auf bestehende ungelöste „Landkonflikte“ – darunter auch Gebiete rund um die Kooperativen El Chile, Camarones und Tranvío, die zuletzt besonders von Gewalt und Einschüchterung betroffen waren. Spätestens bis 2027 muss Dinant jedoch auch diese Plantagen zertifizieren lassen, wenn das Unternehmen weiterhin Palmöl als „nachhaltig“ vermarkten will. 

Der politische Wind in Honduras hat sich gedreht 

Rückenwind für seine Vorhaben könnte Dinant nun auch noch durch den politischen Machtwechsel in Honduras erhalten. Am 27. Januar trat der rechtskonservative Präsident Nasry Asfura sein Amt an. Gemeinsam mit seiner wirtschaftsliberalen Partei PNH brachte er einen Gesetzesentwurf in den Kongress ein, der die Landansprüche der Kooperativen im Aguán faktisch aushebeln könnte. Bei dem „Gesetz zur Stärkung und zum Schutz des agrarindustriellen Sektors in Honduras“ wird die Stoßrichtung schnell deutlich. 

Sollte das Gesetz verabschiedet werden, droht eine weitere Verschärfung des Konflikts. Denn es würde die Landnahme durch große Agrarkonzerne der vergangenen Jahrzehnte nachträglich legalisieren und die Ansprüche der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern massiv schwächen. Damit weht ein neuer wirtschaftsliberaler Regierungswind pro Unternehmen und zum Nachteil der Landrechte marginalisierter Gruppen.  

Menschenrechtsaktivist*innen warnen: Das geplante Gesetz könnte der Auftakt für weitere Angriffe auf Menschenrechte und Umweltstandards in Honduras sein.

Solidaritätsarbeit aus der Ferne: Lieferkettengesetz-Beschwerden stecken fest 

Mit einer Lieferkettenbeschwerde in Deutschland versuchten die kleinbäuerlichen Kooperativen im Frühjahr 2025, unterstützt von der CIR, ihre Rechte nach deutschem Recht geltend zu machen. Denn durch das Lieferkettengesetz wurden große Abnehmer des Dinant-Palmöls, wie ADM und Cargill, dazu verpflichtet Menschenrechte entlang ihrer Lieferketten wirksam zu schützen und vor Verletzungen zu verteidigen. Doch auch ein Jahr nach Einreichung der Lieferkettenbeschwerde beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) warten wir zusammen mit den Beschwerdeführenden noch immer auf Fortschritte.  

Das BAFA nahm die Beschwerde gegen die Unternehmen zwar im Herbst 2025 an. Nun droht jedoch die Einstellung des Verfahrens – mit der Begründung, es sei nicht ausreichend nachgewiesen, dass Lieferbeziehungen zu den deutschen Tochterunternehmen der Konzerne bestehen, die unter das Lieferkettengesetz fallen. 

Damit verkennt das BAFA jedoch den Kern des Problems: Gerade weil Lieferketten für Betroffene und Außenstehende kaum nachvollziehbar sind, können Rechteinhabende solche Verbindungen oft nicht selbst belegen. Genau diese Lücke soll eben das Lieferkettengesetz schließen, das dem BAFA als ausführendes Organ weitreichende Befugnisse gibt, um Transparenz herzustellen und Sachverhalte eigenständig aufzuklären. 

Wir erwarten vom BAFA, seine Befugnisse zu nutzen – statt sich hinter der Intransparenz globaler Lieferketten zu verstecken! 

Ein Hoffnungsschimmer für die  Kooperativen im Aguán-Tal  bleibt die  EU-Lieferkettenrichtlinie: Zwar werden künftig weniger Unternehmen direkt unter das Gesetz fallen. Bei Konzernstrukturen wie denen der Agrarriesen können jedoch künftig auch Muttergesellschaften mit Sitz außerhalb der EU durch konzernweite Sorgfaltspflichten in die Verantwortung genommen werden. 

Menschenrechtsverteidiger*innen unterstützen

Mit einem eigens eingerichteten Menschenrechtsverteidiger*innen-Fonds unterstützt die Romero Initiative bedrohte Menschenrechtsverteidiger*innen wie die Mitglieder der Agrarkooperativen in Honduras. Mit einer Spende können auch Sie den Menschenrechtsverteidiger*innen den Rücken stärken!

Fragen? Rufen Sie uns gerne an: +49 (0) 251 / 67 44 13 – 0

Anne Sträßer

Ich bin für Ihre Fragen da:

Anne Sträßer
Referentin im Bereich nachhaltige Ernährungs- und Agrarsysteme und öffentliche Beschaffung
straessernoSpam@ci-romero.de
Telefon: 0251 – 674413-51